Ein Checkpoint in der Nähe des Gefängnisses Bagram, nördlich der afghanischen Hauptstadt Kabul | Bildquelle: AP

Afghanistan-Konflikt Hunderte Taliban freigelassen

Stand: 11.04.2020 13:22 Uhr

Afghanistan hat Hunderte Taliban-Kämpfer aus der Haft entlassen. Die Regierung steht unter Druck, die Friedensverhandlungen mit der radikalislamischen Miliz voranzubringen.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Vor dem Tor des Gefängnisses in Bagram, nördlich von Kabul, herrschte großes Gedränge, als in den vergangenen Tagen Hunderte Taliban aus der Haft entlassen wurden. Angehörige und Freunde schlossen die Männer in die Arme, wie auf Filmmaterial der Nachrichtenagentur Reuters zu sehen war. Von Abstandhalten wegen der Corona-Epidemie war keine Spur, dabei gibt es auch in Afghanistan bereits mehr als 500 Fälle.

Shamul Rahman, einer der jetzt auf freien Fuß gesetzten Taliban-Kämpfer, saß mehr als fünf Jahre lang in Haft. Er wolle nicht mehr kämpfen, sagte er: "Ich möchte Frieden und Stabilität in Afghanistan. Es sollte keinen Krieg und keinen Konflikt mehr in unserem Land geben."

Gerade freigelassene Taliban warten im afghanischen Bagram-Gefängnis. | Bildquelle: via REUTERS
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Hunderte Taliban waren aus dem Bagram-Gefängnis freigelassen worden.

Regierung will Dialog ermöglichen

100 Taliban-Kämpfer wurden am Mittwoch freigelassen, weitere 100 am Donnerstag. Die afghanische Regierung versuchte auf diese Weise, die Gespräche mit den Taliban zu retten, die kurz vor dem Scheitern standen. Eine Delegation von Vertretern der Terrororganisation war vergangene Woche nach Kabul gekommen, um über den geplanten Gefangenenaustausch zu sprechen. Weil die Gespräche nicht wunschgemäß verliefen, drohten die Taliban mit dem Abbruch.

Jawed Faisal, der Sprecher des Nationalen Sicherheitsberaters von Afghanistans Präsident Ashraf Ghani, erklärte, die Taliban-Kämpfer seien unter Berücksichtigung ihres Gesundheitszustands und ihrer Haftdauer freigelassen worden. "Und nachdem sie sich verpflichtet hatten, nicht wieder aufs Schlachtfeld zurückzukehren." Die Liste der Freigelassenen hätten die Taliban-Gesprächsdelegationen und die Regierung gemeinsam festgelegt.

Streit um Freilassung von Kommandeuren

Doch es gibt weiter Streit um den Gefangenenaustausch. Die Taliban erwarten die Freilassung von 15 ihrer Kommandeure. Doch die afghanische Regierung ist nicht bereit, Anführer der Taliban aus der Haft zu entlassen, die für schwere Anschläge verantwortlich waren.

Bei einer Diskussionsveranstaltung im afghanischen Fernsehen wurde über diesen Punkt gestritten. Amanullah Hotaki, der frühere Ratschef des Provinz Urusgan, warf den Taliban vor, überzogene Forderungen zu stellen:

"Ich verstehe überhaupt nicht, warum die Taliban so auf diesem Punkt beharren und speziell diese Leute frei bekommen wollen. Die sollten lieber zeigen, dass sie es mit dem Frieden ernst meinen. Denn den Krieg gewinnen können die auch nicht. Sonst wäre der längst zu Ende. Aber der dauert jetzt schon fast 20 Jahre."

Die Freilassung von Gefangenen sei ein langwieriger Prozess, sagte Azizullah Fazli, ein Berater des afghanischen Friedensministeriums. Und auch der Friedensprozess werde lange dauern. "Niemand sollte zu große Erwartungen an diese Gespräche haben." Notwendig sei mehr Druck der internationalen Staatengemeinschaft auf die Taliban und die Regierung.

Druck auch aus den USA

Auf die afghanische Regierung wird bereits Druck ausgeübt: Die USA haben wegen des anhaltenden Streits um das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen eine Kürzung der jährlichen US-Finanzhilfe um eine Milliarde Dollar angekündigt. Ein schwerer Schlag für den offiziellen Wahlsieger, Präsident Ghani. Finanzhilfen aus dem Ausland machen mehr als die Hälfte des afghanischen Staatsbudgets aus. Die USA tragen als der wichtigste Verbündete den größten Teil davon.

US-Medienberichten zufolge drohte Außenminister Mike Pompeo sogar mit dem kompletten Abzug aller US-Truppen aus Afghanistan, sollten sich Ghani und sein Rivale Abdullah Abdullah, der ebenfalls Anspruch auf das Präsidentenamt erhebt, nicht bald auf die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit verständigen. Der politische Machtkampf in Kabul blockiere den Friedensprozess und gefährde nationale Sicherheitsinteressen der USA.

Coronavirus als gemeinsamer Feind?

Die Kürzung der US-Finanzhilfe könnte Auswirkungen auf die Finanzierung der afghanischen Streitkräfte haben, mit schwerwiegenden Konsequenzen. Und auch das afghanische Gesundheitssystem braucht zur Eindämmung der Corona-Epidemie jeden Dollar. Selbst die Taliban unterstützen jetzt den Kampf den gemeinsamen Feind, das Coronavirus, das sich auch in Afghanistan immer weiter ausbreitet.

Über Twitter verbreiteten die Taliban eine Video-Kampagne. Das islamische Emirat, so heißt es in dem Video, sei zur Bekämpfung des Coronavirus bereit und habe Quarantänezentren zum Schutz der Bevölkerung eingerichtet. Sollte in Gebieten, die von den Taliban kontrolliert werden, das Coronavirus auftreten, würden die Kämpfe in dieser Region eingestellt, sagte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahed der Nachrichtenagentur AP.

In der westlichen Provinz Herat, direkt an der Grenze zum Iran, einem der Corona-Hotspots, entführten die Taliban in den vergangenen Tagen fünf Mitarbeiter einer staatlichen Bank und töteten sie anschließend.

Regierung lässt Hunderte Taliban frei
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
10.04.2020 22:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. April 2020 um 20:00 Uhr.

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