Anastassija Kreslina, Mitglied des elektronischen Duos Ic3peak, steht während eines Konzerts auf der Bühne im russischen Jekaterinburg.  | Bildquelle: dpa

Zensur in russischer Kulturszene Stumm geschaltet und ausgeblendet

Stand: 18.12.2018 15:21 Uhr

In Russland hört und sieht die Regierung nicht nur mit, sondern als erste hin. Und wenn ein Film oder Song zu sehr stört, wird gestrichen. Doch die Zensur regt auch Widerstand.

Von Christine Auerbach, ARD-Studio Moskau

Im größten Saal des Kinos "Oktober" in der Moskauer Innenstadt geht es zu wie in jedem anderen Kinosaal, bevor der Film beginnt: Gespanntes Warten, die Leute sind froh, noch ein Ticket für das internationale Dokumentarfilmfestival "artdocfest" bekommen zu haben. Und dann: Eine Minute lang laufen die Namen von etwa 60 Filmen über die riesige Leinwand. Filme, die man dieses Jahr auf dem Festival nicht sehen kann.  

Das Kulturministerium schaut genau hin

"Das Festival findet zwar statt, aber von den 127 Filmen, die wir ausgesucht haben, dürfen wir nur weniger als die Hälfte zeigen. Nirgendwo in Russland dürfen diese Filme gezeigt werden", sagt Vitali Manski, der Organisator des Festivals.

Denn in Russland gibt es immer mehr Gesetze, die es kleinen, unabhängigen Festivals und Filmen schwer machen. So muss inzwischen jeder Film, der öffentlich laufen soll, beim Kulturministerium akkreditiert sein. Und seit Dezember auch jedes internationale Filmfest.

Für die Filmschaffenden bedeutet das eine Menge Organisationsaufwand, den nur stemmen kann, wer groß ist, bekannt oder viel Geld im Rücken hat. Für Manski ist das "eine kulturelle Katastrophe" - und auch eine Zensur durch die Hintertür, denn das Kulturministerium greift ein.

Verboten oder gekürzt

Das haben in letzter Zeit schon größere Filme als die Dokumentarfilme von Manski gespürt: Die Satire "Stalins Tod" durfte in Russland nicht gezeigt werden, mit der Begründung, die Führung der UdSSR werde darin als zu dumm dargestellt. Das Drama "Matilda" über eine Affäre des Zaren Nikolaus II. sorgte für Verbotsforderungen wegen angeblicher Blasphemie. Und auch der Film "Leviathan" kam nur in einer zensierten Fassung in die russischen Kinos.

Musik - angebliche Propaganda für Drogen oder Suizid

In der Musik gibt es ähnliche Verbote. Sie treffen gerade vor allem junge Rapper. Die Behörden werfen ihnen vor, Drogen und Selbstmord zu verherrlichen und zu Extremismus aufzurufen.

In einem ihrer Videos sitzt das Gothic-Rap-Duo "IC3PEAK" auf dem Roten Platz und verspeist ein rohes Stück Fleisch. Dazu singen sie: "Ich fülle meine Augen mit Kerosin. Ganz Russland sieht zu. Lass alles brennen. Lass alles brennen."

Zu viel anscheinend für die Behörden im ganzen Land - fast überall, wo das Duo in den vergangenen Wochen auftreten wollte, gab es Verbote. Husky, ein anderer Rapper, sollte sogar für zwölf Tage in den Arrest, weil er nach einer Konzertabsage improvisiert hatte und auf einem Autodach aufgetreten war.

Anastassija Kreslina, Mitglied des elektronischen Duos Ic3peak, steht während eines Konzerts auf der Bühne im russischen Jekaterinburg. | Bildquelle: dpa
galerie

Nicht nach dem Geschmack des russischen Kulturministeriums: Die Songs des Gothic-Rap-Duos "IC3PEAK".

"Es muss klar sein, was ihr dürft und was nicht"

Sie müssten ihre Musik ändern, um nicht verboten zu werden, sagte ein Vertreter des Innenministeriums den Rappern bei einem Treffen im russischen Parlament. Die Absage von Konzerten sei eine zwar harte, doch berechtigte Maßnahme.

"Es muss klar sein, was ihr dürft und was nicht. Nutzt eure Musik doch, um Antidrogenpropaganda zu betreiben. Ihr müsst die Werte eines guten, erfüllten und gesunden Lebens propagieren. Und dem Land und der Gesellschaft dienen."

Die Absage der Konzerte schlägt in Russland immer höhere Wellen - und zwar in beide Richtungen. Denn es gibt auch offizielle Stimmen für die Rapper: Die Ombudsfrau für Menschenrechte, Tatjana Moskalkowa, hat inzwischen versprochen, der Sache nachzugehen, und auch einige Kremlvertreter haben sich gegen die Konzertverbote ausgesprochen.

Verbieten, "was nicht zu kontrollieren ist"

Auch Präsident Wladimir Putin hat sich inzwischen eingeschaltet: Er sagte, dass Verbote nichts nützten, aber "wenn man etwas nicht stoppen kann, muss man sich an die Spitze setzen und entsprechend lenken". Nähere Vorschläge, wie dieses Lenken aussehen soll, machte er allerdings nicht.

Regisseur Manski sieht jedenfalls eine freie Kultur in Gefahr: "Weil der Staat versucht, alles zu kontrollieren. Er verbietet ja nicht Konzerte von Musikern, die dem Staat nahe stehen. Verboten wird die Subkultur. Weil die Rapper nicht kontrollierbar sind, sie stimmen ihre Texte nicht mit den Behörden ab." Dann aber zieht er ein doch erstaunliches Fazit:

"Ich glaube, dass die freie Kultur im Stande ist, das Fundament der aktuellen Diktatur zu zerstören. Einer Diktatur, die natürlich nicht so ist wie in der Sowjetunion, aber trotzdem eine Diktatur ist."

Je mehr Kultur verboten wird, desto eher werden sich die Leute gegen das System wehren, das ihnen Konzerte und Filme verbietet - das jedenfalls ist Manskis Hoffnung. Ob sein Dokumentarfilmfestival nächstes Jahr noch einmal in Russland stattfinden wird, weiß er allerdings noch nicht.

Verbotene Rapper und verbotene Filme - Russlands Zensur durch die Hintertür
Christine Auerbach
18.12.2018 14:39 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 16. Dezember 2018 um 05:18 Uhr.

Darstellung: