Doha in Katar | Bildquelle: AFP

Streit der Golfstaaten "Wir können keine Eskalation vertragen"

Stand: 19.06.2017 15:04 Uhr

Der Streit zwischen Katar und Saudi-Arabien reißt Familien auseinander, stürzt Unternehmen in Schwierigkeiten und verschärft religiöse Konflikte. Beobachter hoffen, bis Ende des Fastenmonats Ramadan eine Lösung zu finden - sonst könnte es einen Flächenbrand geben.

Von Thomas Aders, ARD-Studio Kairo, zzt. Doha

Kurz nach sechs in der katarischen Hauptstadt Doha. Wie ein träger Strom fließt eine Lawine aus Luxuskarossen über die sechsspurige Strandstraße. Nur noch eine halbe Stunde, dann ist Iftar, das Fastenbrechen im Ramadan. Trotz der unzumutbaren Temperaturen - tagsüber herrschen bis zu 48 Grad im Schatten - hupt niemand. Alle scheinen das Sehen und Gesehenwerden eher zu genießen: Maseratis, Bugattis, Porsches und Rolls Royce im Schritttempo. Auf den ersten Blick also: eine reiche und heile Welt. Doch unter der Oberfläche brodelt es.

Maschine der Fluggesellschaft Qatar Airways
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Qatar Airways muss wegen der diplomatischen Krise mit schweren Umsatzeinbußen rechnen.

Das Embargo gegen den Zwergstaat Katar vor zwei Wochen hat das Emirat vollkommen überrascht. Zwar sind die anfänglichen Versorgungsengpässe in den Supermärkten mittlerweile behoben, doch andere Wirtschaftszweige könnten auf Dauer massive Probleme bekommen. Da ist etwa die Fluggesellschaft Qatar Airways, die die Blockade unvorbereitet erwischte. Mit einem Mal können weder Flugzeuge aus Doha in Saudi-Arabien, Bahrain oder den Vereinigten Arabischen Emiraten laden, noch wird der Hamad-Flughafen von Airlines aus diesen Ländern angeflogen. Zudem gilt eine absolute Sperre des Flugraums. Auf Dauer dürfte Qatar Airways große Marktanteile einbüßen.

Reiches Land mit viel Einfluss

Warum gibt es das Embargo gegen den Winzlingsstaat, der nur 13-mal so groß ist wie Berlin? Weil Saudi-Arabien, die sunnitische Führungsmacht, es satt hat, dass Katar eine eigenständige und manchmal eigensinnige Außen- und Wirtschaftspolitik betreibt. Weil der Gernegroß Katar Geld in Geltung ummünzt - und das sehr erfolgreich. Das reichste Land der Erde mit einem Prokopfeinkommen von rund 130.000 US Dollar pro Jahr hat die drittgrößten Erdgasreserven der Welt und investiert strategisch in allen Teilen der Welt. In Deutschland etwa besitzt es große Aktienpakete an VW, Siemens und der Deutschen Bank.

Das Emirat hat Milliarden investiert, um mittelfristig zur Sporthauptstadt der Welt aufzusteigen, die Vergabe der Fußball-WM war einer der größten Coups des Zwergenstaats. Mit dem umstrittenen Fernsehsender Al-Dschasira hat Katar zudem die Regierungen der arabischen Welt verärgert. Doch damit soll jetzt Schluss sein: Mit dem Embargo will Saudi-Arabien Katar zwingen, sich Riads Führungsrolle zu beugen und sich der Einheitsfront der sunnitischen Staaten gegen den Erzfeind Iran anzuschließen. Das Argument, Katar finanziere den islamistischen Terror, gilt mindestens im gleichen Ausmaß für Saudi-Arabien und darf zunächst einmal als vorgeschoben betrachtet werden.

Riad gestärkt durch Trump-Besuch

Mit der Brachialmaßnahme, Katar diplomatisch und ökonomisch zu isolieren, spielt Saudi-Arabien mit dem Feuer, gerade in einer Region, in der Krisen sich schnell zu Kriegen hochschaukeln. Wenn Katar sich jetzt unter dem Druck des Embargos noch mehr dem Iran annähert, prallen möglicherweise auch die beiden Machtrivalen Teheran und Riad aufeinander.

Saudische Botschaft in Katar
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Abgeriegelt: die saudische Botschaft in Doha.

US-Präsident Trump und Saudi-Arabiens König Salman | Bildquelle: AFP
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Donald Trump - in Saudi-Arabien ein gern gesehener Gast.

Die erste Auslandsreise von US-Präsident Donald Trump nach Saudi-Arabien hat dem Königshaus den Rücken gestärkt. Die Saudis glauben, jetzt endlich ihre Ansprüche durchsetzen zu können. Das ist brandgefährlich und könnte - auch wenn dies noch sehr unwahrscheinlich ist - eine Katastrophe in Gang setzen.

Schon jetzt aber bedeutet das Embargo durch Saudi-Arabien, die Emirate, Bahrain und Ägypten eine Tragödie für viele Bewohner Katars. Viele der armen Wanderarbeiter, die unter menschenunwürdigen Bedingungen etwa in den Sportstadien arbeiten, können sich durch die gestiegenen Flugpreise und die notwendig gewordenen Zwischenstopps kaum mehr eine Heimreise in ihre asiatischen Heimatländer leisten. Nicht wenige Katarer befürchten zudem, während der kommenden muslimischen Pilgerreise Hadsch nun nicht mehr nach Mekka in Saudi-Arabien reisen zu dürfen.

Familien werden auseinander gerissen

Vor allem aber leiden Familien, in denen der eine Ehepartner aus Katar stammt und der andere aus einem der drei Blockadestaaten am Golf. Saudische Frauen, die zum Besuch in ihrer Heimat weilten, als das Embargo verhängt wurde, dürfen mit ihren Kindern nicht mehr zurückkehren zu ihren Männern in Katar. Oder wie im Falle der katarischen Ärztin Wafaa al-Yazidi: Der Ehemann stammt aus Bahrain, deshalb besitzen die Kinder die bahrainische Staatsangehörigkeit. Die Behörden haben sie nun aufgefordert, zurück zu kommen in ihre "Heimat".

Familie | Bildquelle: Thomas Aders
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Wafaa al-Yazidi und ihre Kinder Rasheed und Alanood sind presönlich von der diplomatischen Krise betroffen.

Doch die liegt für den 22-jährigen Rasheed und die 21-jährige Alanood eindeutig in Katar, hier lebt die Mutter und die Freunde, hier studieren die beiden. Deshalb werden sie der Aufforderung nicht nachkommen. Das bedeutet für sie den Verlust ihres Reisepasses - die beiden sind seit seit heute staatenlos, denn um Mitternacht ist die Frist für Rückkehrer abgelaufen. Ihre beiden Kinder haben durch das Embargo ihre Staatsbürgerschaft verloren. "Ich habe viel geweint. Das ist doch alles unfassbar", sagt die Ärztin. "Ich hätte nie geglaubt, dass das wirklich je passieren würde. Wir sind doch Brudernationen!"

Warnung vor Flächenbrand

Der katarische Außenminister Al-Thani | Bildquelle: Thomas Aders
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Der katarische Außenminister Al-Thani warnt im ARD-Interview vor einer Eskalation.

Die Wahrheit ist: Brüderschaft ist selten geworden am Golf. Die Fieberkurve von Krisen, Aufrüstung und Krieg ist seit dem sogenannten Arabischen Frühling vor sechs Jahren deutlich angestiegen. Es fehlt nicht mehr viel, bis daraus ein veritabler Flächenbrand entstehen könnte. So warnt auch Außenminister Mohammed Jassim Al-Thani in einem Interview mit der ARD vor zusätzlichen Brandbeschleunigern - von welcher Seite auch immer: "Katar repräsentiert einen bedeutenden strategischen Ort im Nahen Osten", sagt er. "Diese Region kann keine neue Eskalation vertragen. Ich glaube, die Nachbarstaaten verstehen diese Zusammenhänge." Zugleich aber will die Staatsführung sich nicht als Befehlsempfänger Riads darstellen lassen: "Wir können nicht verhandeln, wenn Katar gleichzeitig unter Druck gesetzt oder blockiert wird."

Hinter vorgehaltener Hand sagen Beobachter in Doha, jeder hier hoffe inständig, dass die Krise bis zum Ende des Fastenmonats Ramadan beendet werden könne. Wenn das nicht passiert, dann sei eine Entspannung auf absehbare Zeit nicht in Sicht. Der Konflikt könne dann Monate oder Jahre dauern und unabsehbare Folgen haben.

Über dieses Thema berichteten am 20. Juni 2017 tagesschau24 um 11:00 Uhr in einem Schwerpunkt und die tagesschau um 17:00 Uhr.

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