Nationalstadion in Warschau | dpa

Corona-Pandemie in Polen EM-Stadion wird Corona-Notkrankenhaus

Stand: 19.10.2020 19:55 Uhr

In Polen ist die Kapazitätsgrenze des Gesundheitswesens erreicht. Die Regierung macht das Warschauer Nationalstadion zum Behelfskrankenhaus und will auf Hilfe aus dem Ausland vorerst verzichten.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Es klingt dramatisch, was der polnische Privatsender TVN derzeit verbreitet: Aus zugespielten Gesprächsprotokollen zwischen Rettungssanitätern und den Einlasszentralen der Infektionskrankenhäuser in Polen geht hervor, dass diese offenbar immer wieder mangels freier Betten die Tore für Rettungswagen geschlossen halten - was wiederum die Sanitäter draußen zur Verzweiflung treibt.

Jan Pallokat ARD-Studio Warschau

In ersten Berichten ist davon die Rede, dass vereinzelt Menschen gestorben seien, weil ihre Covid-19-Erkrankung nicht adäquat behandelt wurde - unter ihnen ein Rettungssanitäter, der noch fuhr, obwohl er eigentlich schon im Ruhestand war.

Derweil weist die Regierung in Warschau nach wie vor noch freie Kapazitäten in der Intensivmedizin aus. "Wir bereiten uns auf schwarze Szenarien vor, anders kann es angesichts der dynamischen Ausbreitung der Pandemie auch nicht sein", sagte Gesundheitsminister Adam Niedzilski im Polskie Radio. "Wir haben einen Plan, praktisch in jedem Verwaltungsbezirk provisorische Krankenhäuser zu errichten, in Warschau sogar zwei."

Politiker befeuerten Sorglosigkeit

Ein erstes Feldkrankenhaus soll nun binnen Tagen im Warschauer Nationalstadion entstehen, einem Neubau aus der Zeit der Fußball-EM 2012. Angesichts Tausender registrierter Neuinfektionen täglich steigt nun auch die Zahl der schweren Fälle schnell.

Im Frühjahr hingegen war der Infektionsverlauf in Polen, dank anfänglich eiserner Hygiene- und Masken-Disziplin der meisten Menschen, zunächst weit glimpflicher ausgefallen als in anderen Ländern.

Doch vielleicht auch wegen dieser Anfangserfolge erfasste viele Polen, die noch im Frühjahr aus Angst wochenlang zu Hause geblieben waren, bald große Sorglosigkeit. Diese wurde auch befeuert durch Poltiker wie Staatspräsident Andrzej Duda, der im Wahlkampf ohne Schutzmaske das Bad in der Menge suchte.

Personalmangel in Krankenhäusern

Inzwischen gibt es auch in Polen eine Minderheit, die sich aus Überzeugung Vorsichtsmaßnahmen verweigert und gegen Einschränkungen protestiert. Am Wochenende demonstrierten mehrere Hundert Menschen in Warschau gegen die abermalige Schließung von Fittnesstudios in den sogenannten "roten Zonen", zu der nun auch die polnische Hauptstadt zählt.

"Diese Schließung kostet mich die Existenz, ganz einfach", sagte einer der Demonstranten. "Seien wird doch vernünftig: Niemand, der sich schlecht fühlt, geht zum Fitness", meinte der Mann und fügte hinzu: "Übungen stärken die Gesundheit und Immunität. Senioren kommen ganz selten zu uns, sondern gesunde, junge Menschen, die mit ihrem Körper etwas machen wollen." Die allerdings auch oft unbemerkt den Erreger weitertragen.

Als besonders problematisch erweist sich in der Pandemie der chronische Personalmangel in den Krankenhäusern Polens. Diese aufzusuchen kam schon in normalen Zeiten oft einer Geduldsprobe gleich. Polen kommt Zahlen der internationalen OECD von 2017 zufolge auf lediglich gut zwei Ärzte pro 1000 Einwohner. Damit liegt das Land noch hinter Ländern wie Tschechien oder Ungarn. Deutschland hat im Vergleich etwa doppelt so vielen Mediziner pro Kopf. Zudem sind viele in Polen verbliebene Mediziner bereits im fortgeschrittenen Alter.

Keine Hilfe aus Deutschland

Mit einem neuen Gesundheitsgesetz will die Regierung nun offenbar Druck auf Ärzte ausüben. Einerseits sollen diese zum Dienst an Covid-Patienten verpflichtet werden. Andererseits soll die Entlohung des Personals in diesem Bereich erhöht werden. Eine Parlaments-Sondersitzung soll dies am Dienstag beschließen.

Hilfe aus Deutschland, wie sie etwa Tschechien in Erwägung zieht, ist bislang kein Thema in Polen. "Wir können uns zum Glück auf eigene Kapazitäten stützen und sind uns sicher, dass wir im Rahmen unserer Möglichkeiten allen ein entsprechendes Betreuungsniveau gewährleisten können", sagte Michal Dworczyk, Chef der Kanzlei der Premierministers, einem Radiosender. "Die Schlüsselfrage ist, ob wir die Regeln beachten, die nun gelten. Inklusive Kontaktbeschränkungen, denn das ist nach allen Experten die beste Methode, die Pandemie zu stoppen." Polens Nachbarn im Süden hätten ganz andere Probleme.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 19. Oktober 2020 um 18:23 Uhr.