Restaurierungsarbeiten an Artefakten aus Palmyra (Foto: Anne Allmeling)

Nach dem IS-Terror Was von Palmyra übrig blieb

Stand: 20.05.2019 05:00 Uhr

Vier Jahre ist es her, dass die IS-Terrormiliz in Palmyra eingefallen ist und viele Kulturgüter zerstört hat. Inzwischen werden viele Kunstwerke aus der Oasenstadt restauriert - mit viel Idealismus.

Von Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo

Hochkonzentriert beugt sich Dania Mardini über das steinerne Abbild eines jungen Mannes. Mit Modellierbesteck arbeitet sie an seinem Gesicht, formt die Wangenknochen, zeichnet seine Wimpern nach. Das Konterfei des Jünglings hat Jahrhunderte in der Palmyra überdauert - bis der IS kam.

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Palmyra nach dem IS

Zerstörungen und Restaurierungsarbeiten in Palmyra (Foto: Anne Allmeling)

Noch viele wertvolle Artefakte warten auf die Restaurierung.

Mühevolle Kleinarbeit

Die Terroristen sprengten Tempel und zerschlugen Tausende Artefakte. Was sie zerstörten, versuchen Mardini und ihre Kollegen anhand von Zeichnungen zu rekonstruieren - und die Teile zusammenzusetzen, die von den Kunstwerken übrig sind. Stück für Stück, in mühevoller Kleinarbeit im Nationalmuseum in Damaskus.

"In manchen Fällen haben wir große Stücke, die wir leicht identifizieren können", sagt Mardini. "Aber manchmal können wir sie nicht finden, sie sind sehr klein, winzig - und wir müssen uns an bestimmten Linien orientieren oder an der Farbe des Steins, um die Stücke zusammenzufügen." Mardini hatte sich schon als Studentin für Palmyra begeistert. Mehrfach besuchte sie die alten Tempel und Prachtstraßen in der Wüste - lange bevor der IS einen großen Teil von Palmyra zerstörte.

Dania Mardini bei Restaurierungsarbeiten (Foto: Anne Allmeling)
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Fachleute in Damaskus restaurieren die Kulturgüter aus Palmyra.

Viele Artefakte in letzter Minute gerettet

Khalil al-Hariri, der Direktor des Museums von Palmyra, erinnert sich noch genau an jene Tage im Mai 2015, als die Terroristen in die antike Stätte einfielen: "Die Eroberung dauerte fünf Tage. Am sechsten Tag habe ich mit einer Gruppe von Jugendlichen einige Kunstwerke aus dem Museum geholt und sie an einen sicheren Ort gebracht." Dabei seien die Schüsse aus allen Richtungen gekommen. "Aber wir haben das Unmögliche möglich gemacht und sind mit dem geflohen, was wir tragen konnten."

Rettung mit dem Leben bezahlt

Khalil al-Hariris Schwiegervater, Khaled al-Assaad, war Jahrzehnte lang für die antiken Stätten von Palmyra verantwortlich. Der profilierte Archäologe wollte den Ort, in dem er aufgewachsen war und gewirkt hatte, nicht verlassen - auch nicht, als die Terroristen die Kontrolle übernahmen. Al-Assaad bezahlte seine Treue zu den Altertümern mit dem Leben. Im August 2015 enthaupteten die Terroristen ihn und stellten seinen Leichnam öffentlich zur Schau.

"Mit der Ermordung von Khaled al-Assaad ist eine Quelle des Wissens versiegt", bedauert al-Hariri. "Er war eine Art Informationsspeicher für Palmyra. Er lebte, bis er 84 Jahre alt war. Fast 50 Jahre lebte er zwischen den Altertümern."

Nur noch wenige Menschen in der Stadt

Eine Reise nach Palmyra. Die Fahrt im Auto ist beschwerlich. Alle paar Kilometer gibt es einen Checkpoint - mitten in der Wüste. Khalil al-Hariri fährt trotzdem regelmäßig zu seiner alten Wirkungsstätte. Syrische Regierungstruppen haben Palmyra seit gut zwei Jahren wieder unter ihrer Kontrolle - doch die Stadt ist wie ausgestorben. Wo früher mehrere Zehntausend Menschen lebten, herrscht heute gähnende Leere. Nur ein paar Polizisten, Soldaten und Aufseher wohnen in der Stadt.

Die meisten Häuser sind zerstört - auch das Museum. In der Decke klafft ein riesiges Loch, die Ausstellungsräume sind verwüstet. Brandspuren ziehen sich durchs gesamte Gebäude. Mahmoud al-Hammoud arbeitet hier als Aufseher. "Diese Zerstörung macht mich sehr traurig, denn das sind unsere Altertümer", sagt er.

Zerstörungen und Restaurierungsarbeiten in Palmyra (Foto: Anne Allmeling)
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Der IS zündete das Museum an.

Jeden Menschen, der seine Kultur bewahren will, werde diese Zerstörung traurig stimmen, meint al-Hammound. "Schon als Kind habe ich die Altertümer von Palmyra zu besucht. Für alle war Palmyra eine Art Schule, denn Palmyra ist unsere Kultur, unsere Zivilisation und Geschichte. Man hat uns alles darüber gelehrt. Ich wurde hier bei der Ausgrabungsstätte angestellt. Das ist jetzt meine Arbeit."

Viele Kulturgüter blieben intakt

Auch wenn das Museum völlig zerstört ist - vieles in Palmyra steht noch. Säulen, Prachtstraßen, Heiligtümer aus der Antike haben den IS überlebt. Und manche Artefakte, die sich heute im Nationalmuseum von Damaskus befinden, haben al-Hariri und sein Team bereits zusammengesetzt oder rekonstruiert, zum Beispiel eine tonnenschwere Löwen-Figur, die eine Gazelle zwischen den Pfoten hält. Doch bis aus den Scherben wieder ein Ganzes wird - das dauert.

Zerstörungen und Restaurierungsarbeiten in Palmyra (Foto: Anne Allmeling)
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Die Löwen-Figur wurde bereits restauriert.

"Wiederherzustellen, was zerstört wurde, braucht Zeit", bedauert al-Hariri. "Was in einer Stunde kaputt gemacht wurde, braucht vielleicht einen Monat, um wieder zusammengesetzt zu werden. Was in einem Monat zerstört wurde, braucht vielleicht Jahre. Aber mit Gottes Willen geht alles gut."

Es mangelt an Mitteln

Mardini ist froh, zumindest einige antike Kunstwerke retten zu können. Eigentlich bräuchten sie und ihre Kollegen einen 3D-Drucker, meint die Expertin. Doch dafür mangelt es an Geld. Sie will alles dafür tun, dass Palmyra bald wieder so prachtvoll ist wie früher - oder zumindest fast: "Wir wollen unsere Geschichte retten. Wir wollen sie für unsere Kinder erhalten, für unsere Generation - damit wir unsere Geschichte und Kultur vor Augen haben."

Was von Palmyra übrig blieb
Anne Allmeling, ARD Kairo
19.05.2019 20:33 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. Mai 2019 um 05:05 Uhr.

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