Ersin Tatar, Präsidentschaftskandidat für die türkisch-zypriotischen Wahlen, steht an dem vom türkischen Militär seit 1974 eingezäunten Strand von Varosha | Bildquelle: REUTERS

Nordzypern Wahlen in einem Land, das es offiziell nicht gibt

Stand: 11.10.2020 12:09 Uhr

Die Türkische Republik Nordzypern wird nur von der Türkei anerkannt. Heute ist dort dennoch Präsidentenwahl, und dabei wird auch das Verhältnis der Kandidaten zu Ankara eine Rolle spielen - ebenso wie eine Strandöffnung.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

46 Jahre war Varosha - auf Türkisch Maras - eine Geisterstadt. Jetzt spazieren Menschen in kurzen Hosen und Sommerkleid durch die Straßen vorbei an verlassenen Häusern und Hotels. Einst machten hier Elizabeth Taylor, Brigitte Bardot, Sophia Lauren und Richard Burton Urlaub am Traumstrand mit feinstem Sand am azurblauen Meer.

Einer der Neugierigen, die sehen wollen, was davon noch übrig ist, erzählt einem türkischen Fernsehsender: "Es ist sehr gut, dass Maras wieder geöffnet ist - gut, um wieder Tourismus zu entwickeln, statt dass man Maras verfallen läßt. Damit nimmt man auch denen den Trumpf aus der Hand, die Maras für ihre politischen Interessen missbraucht haben."

Proteste gegen Strandöffnung

Mehr als die Hälfte der Tourismuseinnahmen von ganz Zypern wurden hier einst erwirtschaftet - bevor die Insel geteilt wurde, bevor die türkische Armee den Stadtteil von Famagusta abriegelte. Die Stadt im Südosten direkt an der Grenze ist Sinnbild für das Schicksal Zyperns seit 1974. Während die einen vor baufälligen Bettenburgen Selfies knipsen, protestieren griechische Zyprer gegen die Entscheidung.

"Erdogan, Hände weg von Famagusta", steht auf den Transparenten. Die Öffnung des Strandes von Varosha verkündete der nordzyprische Premierminister Ersin Tatar vergangenen Dienstag in Ankara: "Wir treten beim Thema Maras in eine neue Phase", sagte er. "So wie schon die ganze Zypernfrage ihrem Schicksal überlassen wurde, wurde das auch Maras."

Als er das sagte, stand er neben dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Und der legte nach: "Weil die Zypernfrage nie gelöst wurde, war Maras jahrzehntelang geschlossen", so der türkische Präsident. "Wir haben entschieden, die Zukunft Zyperns auf konkreten Tatsachen aufzubauen, statt auf Illusionen."

Eine Straße mit verlassenen Häusern in Varosha.
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Früher Tourismusmagnet, heute Geisterstadt: Eine Straße mit verlassenen Häusern in Varosha.

Nur von der Türkei anerkannt

Für viele ist das Wahlkampfhilfe, denn Tatar ist einer der Präsidentschaftskandidaten. Er positioniert sich klar für eine Zwei-Staaten-Lösung - ganz im Gegensatz zum aktuellen Präsidenten Mustafa Akinci, der auch wieder antritt. Er wusste nichts von der Varosha-Entscheidung, genauso wenig wie sein Außenminister Kudret Özersay, ebenfalls Kandidat. Der trat zurück.

Beide wehren sich gegen den starken Einfluss aus Ankara. Özersay kritisiert in einem Interview mit dem ARD-Studio Istanbul aber auch:

"Wenn uns die internationale Gemeinschaft mehr zugesteht als jetzt, wenn sie uns zum Beispiel erlaubt, ins Ausland zu reisen oder international wirtschaftliche Beziehungen aufzubauen, dann hätten wir auch zur Türkei ein ausgeglicheneres Verhältnis und wären weniger abhängig. Es liegt also nicht nur an uns, das hat auch etwas mit der Welt zu tun."

Nordzypern wird international nicht anerkannt, nur von der Türkei. Auf den Transparenten der griechischen Zyprer steht auch: "Löst das Zypern-Problem jetzt!" Die letzten Gespräche dazu waren 2017 gescheitert. Seitdem ist viel passiert. Vor allem wegen des Erdgasstreits im Östlichen Mittelmeer hat sich die Stimmung verschlechtert. Griechenland und Zypern haben Verträge mit Israel, Ägypten und Italien geschlossen, die Türkei wiederum mit Libyen.

Für oder gegen eine Föderation?

Ulas Baris ist Zeitungsredakteur im türkisch-zyprischen Teil. Er meint:

"Eine Lösung scheint im Moment ganz weit weg, vor allem wegen der Probleme im Mittelmeer. Aber sie scheint auch ganz nah. Denn Zypern steht irgendwie inmitten einer großen Gleichung im Konfliktherd Libyen, Italien, Griechenland, Ägypten, Türkei ... Also ich möchte nicht behaupten, dass die Fragen im östlichen Mittelmeer nicht gelöst werden können, solange die Zypernfrage nicht gelöst ist. Aber es würde einen großen Einfluss auf eine Lösung im östlichen Mittelmeer haben."

Aus Sicht des Journalisten Baris ist wichtig, dass ein Kandidat gewinnt, der für eine Föderation ist, also zwei Teilstaaten unter dem einer Regierung. "Aber selbst Gegner einer Föderation sind - sollten sie gewählt werden - nach ihrer Wahl nicht selten dazu bereit, trotzdem über eine Föderation zu verhandeln", sagt er. "Das gehört zu den Realitäten Zyperns, weil es eben eine internationale Frage ist."

Ob Erdogans Rückenwind für seinen Kandidaten Tatar wirklich hilft oder gar schädlich sein, könnte, wird sich zeigen. Akinci, der Erdogan auch öffentlich kritisiert, ist Favorit. Viele gehen von einer Stichwahl mit Tatar in einer Woche aus.

Präsidentschaftswahl in Nordzypern, einem Land, das es eigentlich gar nicht gibt
Karin Senz, ARD Istanbul
11.10.2020 10:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Oktober 2020 um 13:19 Uhr in der Sendung "Informationen am Mittag".

Korrespondentin

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