Murad im Juni 2017 während einer Reise in ihre früher Heimat, das Sindschar-Gebirge | Bildquelle: REUTERS

Nobelpreisträgerin Murad Durch die Hölle des IS gegangen

Stand: 05.10.2018 15:11 Uhr

Was ihr der IS angetan hat, ist kaum in Worte zu fassen. Nadia Murad will dafür aber keine Rache. Ihr geht es um Gerechtigkeit - und darum, dass Frauen und Kinder in Syrien und im Irak sicher leben können.

Von Mark Kleber, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Nadia Murads Leidensgeschichte begann vor vier Jahren. 2014 überfiel der IS Murads Heimatdorf im Sindschar-Gebirge im Nordirak. Der IS ermordete bei diesem Überfall ihre Mutter, sechs ihrer Brüder und Dutzende weitere Verwandte. Sie selbst wurde von der Terrormiliz verschleppt.

"Wie Geschenke unter den IS-Kämpfern ausgetauscht"

"Wir wurden mit einem Bus in eine andere Region gebracht. Sie berührten und demütigten uns. Wir kamen nach Mossul - zusammen mit Tausenden anderen jesidischen Familien. Wir wurden wie Geschenke unter den IS-Kämpfern ausgetauscht. Ein Mann suchte mich aus und zwang mich zu sich nach Hause. Er vergewaltigte und folterte mich. Als ich versuchte zu fliehen, brachte er mich zu den Wächtern. Sie vergewaltigten mich alle gemeinsam, bis ich ohnmächtig wurde."

So berichtete Murad vor den Vereinten Nationen im September 2016 über ihre Gefangennahme. Drei Monate lang war sie Gefangene des IS, dann gelang ihr die Flucht - mit Hilfe einer Familie aus Mossul, bei der sie eines Tages anklopfte und um Hilfe bat.

Murad im Juni 2017 während einer Reise in ihre früher Heimat, das Sindschar-Gebirge | Bildquelle: REUTERS
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Im Juni 2017 besuchte Murad zum ersten Mal seit ihrer Flucht ihr Dorf im Sindschar-Gebirge.

Schutzprogramm in Baden-Württemberg

Voll verschleiert und getarnt als Ehefrau des Sohns der Familie habe sie fliehen können, durch mehrere Checkpoints der Terrormiliz, schreibt Murad in ihrem Buch "Ich bin Eure Stimme".

Von einem Flüchtlingslager aus kam Murad 2015 nach Deutschland, über ein Hilfsprogramm des Landes Baden-Württemberg für schutzbedürftige und traumatisierte jesidische Frauen und Kinder. Schon bald danach begann die heute 25-Jährige, öffentlich über ihre Geschichte und die Lage der Jesiden zu berichten und um Aufmerksamkeit für die Opfer zu kämpfen.

"Ich bitte Sie, besiegen Sie den IS. Ich bin wegen der Terroristen durch die Hölle gegangen. Ich hab gesehen, was sie kleinen Mädchen und Jungen angetan haben. Alle, die diese Verbrechen, diesen Völkermord begangen haben, müssen vor Gericht gestellt werden, damit Frauen und Kinder in Syrien und im Irak sicher leben können. Diese Verbrechen müssen aufhören - heute!"

Nadia Murad und Amal Clooney während einer UN-Sitzung | Bildquelle: AFP
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Unterstützt wird Murad von der Menschenrechtsanwältin Amal Clooney. Hier sind beide während einer Sitzung der UN zu sehen.

Polizeischutz bei öffentlichen Auftritten

Den Kampf für die Opfer des IS führt Murad zusammen mit der bekannten US-amerikanischen Menschenrechtsanwältin Amal Clooney, die auch das Vorwort zu Murads Buch geschrieben hat. 2016 erhielt Murad den Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments.

Heute ist sie als UN-Sonderbotschafterin für die Rechte der Opfer von Menschenhandel aktiv. Bei öffentlichen Auftritten steht sie immer wieder unter Polizeischutz, wegen möglicher Angriffe von Islamisten. So auch, als sie vor knapp zwei Jahren im Landtag von Baden-Württemberg sprach, wie sie die Gefangenschaft beim IS überlebt hat: "Heute stehe ich hier und spreche zu Ihnen als Frau, die der IS nicht zerstören konnte, die überlebt hat. Und ich bin nicht alleine: Es gibt viele von uns."

Es gehe ihr nicht um Rache, sagt Murad, sondern um Gerechtigkeit. Indem sie ihre Geschichte erzählt, will sie sich für die Anerkennung des Völkermordes an den Jesidinnen einsetzen - und für weltweiten Frieden.

Karte: Irak mit Sindschar und Bagdad und Syrien mit Rakka
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Das Sindschar-Gebirge - die Heimat Murads - liegt im Grenzgebiet zwischen Irak und Syrien.

Nadia Murad - Porträt der Friedensnobelpreisträgerin 2018
Mark Kleber, ARD Kairo
05.10.2018 14:24 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 05. Oktober 2018 um 12:00 Uhr.

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