Flagge Montenegro | imago/ITAR-TASS

Gesetzentwurf in Montenegro Aufstehen bei der Nationalhymne - alle!

Stand: 19.10.2018 11:19 Uhr

Sobald die Nationalhymne in dem kleinen Balkanstaat Montenegro erklingt, müssen künftig alle aufstehen. Wer sitzen bleibt, soll Strafe zahlen. So sieht es ein Gesetzentwurf vor.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien

"Oh du helle Morgenröte im Mai, unsere Mutter Montenegro." Das sind die ersten Zeilen der montenegrinischen Nationalhymne. Bisher war es jedem Bürger des kleinen Landes freigestellt, wie er sich verhält, wenn die Hymne gespielt wird. Doch das soll sich nun ändern.

Srdjan Govedarica ARD-Studio Wien

"Wer nicht aufsteht, muss zahlen"

Ministerpräsident Dusko Markovic sagt: "Wer bei der Hymne nicht aufsteht, wird eine Strafe zahlen müssen. Wir wollen niemanden zwingen. Aber jedes Mal, wenn jemand nicht aufsteht, wird er eine Strafe zahlen müssen, wenn wir erfahren, dass er nicht aufgestanden ist." Laut dem Gesetzesvorschlag, den die montenegrinische Regierung ins Parlament eingebracht hat, sind für das Nichtstehen Strafen von bis zu 2000 Euro vorgesehen. Und zwar nicht nur für Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, sondern für alle, die beim Abspielen der Hymne anwesend sind. Eine Ausnahme soll es lediglich für Menschen mit Behinderung geben.

"Alle sollten das beaufsichtigen"

Bei der Durchsetzung des Gesetzes setzt Ministerpräsident Markovic, ein Politiker der dauerregierenden Partei der Demokratischen Sozialisten, auf die Wachsamkeit aller Montenegriner. Alle sollten das beaufsichtigen. Alle Institutionen, alle Bürger, alle staatlichen Organe. "Wenn wir jemanden etwa im Fußballstadion erkennen, der nicht aufgestanden ist, werden wir Strafanzeige stellen."

Dusko Markovic | AFP

Ministerpräsident Dusko Markovic will, dass alle bei der Nationalhymne aufstehen und dies auch beaufsichtigt wird. Bild: AFP

Viele Montenegriner begrüßen das geplante Gesetz. "Man kann doch nicht sitzen, wenn die Hymne läuft. Wo auf der Welt gibt es denn so was?", sagt ein Mann. Andere Montenegriner wiederum sind nicht einverstanden. Man könne doch niemanden zu etwas zwingen, was er nicht tun möchte. Jeder habe das Recht auf seine eigene Meinung.

Viele bezeichnen sich als Serben

Tatsächlich ist der junge Staat Montenegro in der nationalen Frage gespalten. Das nur 650.000 Einwohner zählende Land hatte sich 2006 von Serbien abgespalten und seine Unabhängigkeit erklärt. Nicht alle in Montenegro waren dafür. Im Land leben viele Menschen, die sich als Serben bezeichnen und einer montenegrinischen Nationalität kritisch gegenüberstehen. Beobachtern zufolge zielt das geplante Gesetz auf sie ab.

So bleiben einige oppositionelle proserbische Abgeordnete des Landes häufig sitzen, wenn die Hymne im Parlament gespielt wird. Branka Bosnjak von der proserbischen Demokratischen Front kann dem geplanten Gesetz wenig abgewinnen: "Das ist ein völlig undurchführbares und unklares Gesetz. Ich weiß nicht, wer sich das ausgedacht hat. Ich muss aber auch betonen, dass ich sicher bin, dass es verfassungswidrig ist."

Nationalhymne ist umstritten

Die Nationalhymne ist außerdem umstritten, weil zwei der Strophen aus der Feder von Sekula Drljevic stammen. Der faschistische montenegrinische Politiker kooperierte im Zweiten Weltkrieg mit Nationalsozialisten. Ministerpräsident Markovic lässt dennoch keine Kritik am geplanten Nichtstehverbot zu: "Egal wie viele dagegen sind. Unser Plan bleibt bestehen, und wir werden ihn zu Ende führen."

"Nicht als Parodie zu verstehen"

Das geplante Gesetz hat einige Heiterkeit in der Region verursacht. Die kroatische Tageszeitung Slobodna Dalmacija etwa weist ihre Leser vorsorglich darauf hin, dass die Nachricht nicht als Parodie der regionalen Vorurteile zu verstehen ist, sondern die "reinste politische Wahrheit" darstellt.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 19. Oktober 2018 um 17:22 Uhr.

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KOMMENTARE

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jimmyland 19.10.2018 • 14:26 Uhr

Sowas schafft keinen Zusammenhalt sondern Krawall

Wie der Artikel anmerkt - hier geht's um all jene montegrinischen Staatsbürger, die sich selbst nicht als Montegrinen sehen. Und dann gibt's an der Küste auch noch jede Menge Touristen aus Bosnien, Albanien, Mazedonien, etc. (War diesen Sommer da - sehr hübsches Land!) Echte nationale Einigkeit findet man da nicht so schnell. Es ist allerdings ein totaler Trugschluss, dass man gesellschaftlichen Zusammenhalt mit solchen Massnahmen befördern kann. Leute, die mit der Abspaltung Montenegros von Serbien nicht einverstanden waren, kriegt man so nicht ins Boot. Einziger Effekt: Es schürt Animositäten und spielt denen in die Karten, denen es nicht an Zusammenhalt sondern an Krawall gelegen ist.