Geflutete Straße am Hafen in Argostoli, Kefalonia  | Bildquelle: AP

Mediterraner Wirbelsturm "Ianos" fegt über Griechenland hinweg

Stand: 18.09.2020 17:40 Uhr

Schulen bleiben geschlossen, Fähren können nicht auslaufen, Flugzeuge sind umgeleitet: Der schwere Herbststurm in Griechenland legt Teile des öffentlichen Lebens lahm. Im Lauf des Tages soll er das Festland erreichen.

Wegen eines schweren Sturms sind in Griechenland erste Flüge umgeleitet worden. Zwei Maschinen der Fluggesellschaft Ryanair konnten am Morgen nicht wie geplant auf der Insel Kefalonia im Ionischen Meer landen. Die Flugzeuge wurden nach Athen umgeleitet. 

Am Nachmittag musste zudem die Nord-Süd-Bahnverbindung Griechenlands zwischen Athen und Thessaloniki wegen einer Überschwemmung nahe der mittelgriechischen Stadt Lamia bis auf Weiteres geschlossen werden, wie der staatliche Rundfunk ERT berichtete.

Ein sogenannter Medicane - ein mediterraner Wirbelsturm mit Merkmalen eines Hurrikans - tobt nach Angaben der griechischen Zivilschutzbehörde mit Windgeschwindigkeiten von bis zu über hundert Stundenkilometern über dem Ionischen Meer. Wegen des Sturms "Ianos" sollten die Schulen in zahlreichen Regionen Westgriechenlands aus Sicherheitsgründen geschlossen bleiben. In der Stadt Argostoli auf der Insel Kefalonia fiel der Strom aus. Auch die Fährverbindungen zu den Inseln Kefalonia, Zakynthos und Ithaka wurden unterbrochen.

Offenbar Boot mit Migranten in Seenot

Vor Zakynthos sendeten die Insassen eines Bootes ein Notsignal. An Bord seien nach ersten Informationen aus Kreisen der Küstenwache rund 50 Migranten. Das Boot sei in den Wirbelsturm geraten und treibe dahin, berichtete das Staatsfernsehen (ERT). Wegen der stürmischen Winde werde die Rettungsaktion behindert. Man hoffe, dass das Boot - bevor es kentere - zum Festland der Halbinsel Peloponnes treibe.

Medicane: Ein kleiner Hurrikan im Mittelmeer

Der Begriff Medicane ist eine Wortschöpfung aus "mediterran" und dem englischen Wort "Hurricane". Der Begriff kam in den 1980er-Jahren auf, als in den Herbstmonaten über dem Mittelmeer orkanartige Wolkenstrukturen auf Satellitenbildern entdeckt wurden. Medicanes entstehen meist dann, wenn es im Herbst einen Kaltluftausbruch aus gemäßigten Breiten in Richtung Äquator gibt und ein Tief in höheren Luftschichten über dem Mittelmeer seine Wirkung entfaltet. Über der noch warmen Meeresoberfläche kondensiert die vom Meer verdunstete Luftmasse - ein Wolkenwirbel entsteht. Medicane erreichen selten die Windgeschwindigkeit eines Hurrikans von mindestens 119 Kilometern pro Stunde - meist haben sie die Stärke eines tropischen Sturms von 63 bis 118 Kilometern pro Stunde.

Experten erwarten, dass der Sturm im Laufe des Tages vom Ionischen Meer und West-Griechenland über die Peloponnes-Halbinsel hinwegzieht. Die Zivilschutzbehörde warnte vor nicht notwendigen Reisen. Der Bürgermeister von Argostoli sagte im griechischen Fernsehen, die Bewohner sollten in ihren Häusern bleiben und nicht auf die Straße gehen. Der Zivilschutz stellte in besonders gefährdeten Gebieten vorsorglich Rettungsteams bereit. Rettungshubschrauber wurden in Alarmbereitschaft versetzt.

Die griechischen Behörden warnten, in den nächsten Stunden könne "Ianos" seinen Kurs ändern und schwere Schäden auf dem Festland anrichten. Mit einer Wetterbesserung rechnen die Meteorologen von Sonntagnacht an. 

Bis in die 1990er-Jahre galten Medicanes als äußerst seltene Wetterphänomene. Solche Sturmtiefs können sich gegen Ende des Sommers im Mittelmeerraum bilden, wenn das Wasser dort noch hohe Temperaturen aufweist. Mit der Erwärmung der Erdatmosphäre und der Meere kommt es dazu häufiger. Griechenland ist in den vergangenen Jahren häufiger von Extremwetter, Überschwemmungen oder außergewöhnlichen Hitzewellen getroffen worden.

Medicane-Sturm in Griechenland: Menschen in Seenot und Sachschäden
Thomas Bormann, ARD Athen
18.09.2020 13:25 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. September 2020 um 09:00 Uhr in den Nachrichten.

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