Hintergrund

10 Downing Street | Bildquelle: REUTERS

Kandidaten für Tory-Vorsitz Aus zehn mach sechs

Stand: 14.06.2019 14:25 Uhr

Nach der ersten Wahlrunde im britischen Unterhaus hat sich die Zahl der potenziellen neuen Parteichefs der Tories von zehn auf sechs reduziert. Die verbliebenen Bewerber im Überblick.

Boris Johnson

Von Beginn an stand der heute 54-Jährige an der Spitze der Brexit-Befürworter - und kann sich daher des Rückhalts der Hardliner unter den Konservativen relativ gewiss sein. Auch sein Streben, selbst in die Downing Street Nummer 10 einzuziehen, ist keine Überraschung. Im ersten Wahlgang unter den Tory-Abgeordneten im Unterhaus wurde seine Favoritenrolle klar bestätigt: Er erhielt 114 von 313 Stimmen.

Politische Erfahrung bringt Johnson genug mit: Nach seiner Ausbildung im Internat Eton und dem Studium in Oxford arbeitete er zunächst als Journalist, unter anderem für den "Daily Telegraph".

2008 wurde Johnson dann zum Bürgermeister von London gewählt, acht Jahre lang behielt er das Amt inne. Anschließend wurde er in Mays erstem Kabinett Außenminister. Seinen Posten gab er schließlich auf - aus Protest gegen Mays Brexit-Kurs.

Als Politiker zeichnete Johnson sich unter anderem durch seine Direktheit aus, teils mit Hieben unter der Gürtellinie. Hillary Clinton etwa betitelte er einst als "sadistische Krankenschwester", dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan dichtete er Sex mit einer Ziege an.

Doch trotz aller Fehltritte - für die Tories könnte Johnson der Favorit sein, der vergraulte und enttäusche Brexit-Wähler am ehesten wieder an die Partei binden könnte.

Boris Johnson | Bildquelle: AP
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Boris Johnson hat sowohl als Bürgermeitser Londons als auch als Außenminister selten ein Blatt vor den Mund genommen.

Dominic Raab

Er saß selbst in Brüssel mit am Verhandlungstisch, bis Raab im November 2018 aus Protest gegen den vereinbarten Deal zwischen May und der EU vom Posten als Brexit-Minister zurücktrat.

Auch Raab kassierte auf dem Ministerposten das ein oder andere Fettnäpfchen - etwa Spott für die Aussage, er habe nicht gewusst, wie wichtig der Ärmelkanal für den Handel zwischen Großbritannien und dem europäischen Kontinent sei.

Wie auch Boris Johnson gilt Raab als überzeugter Brexit-Anhänger, im Falle seiner Wahl zum Premier erscheint auch ein No-Deal-Brexit als wahrscheinliches Szenario.

Der ehemalige britische Brexit-Beauftragte Dominic Raab | Bildquelle: dpa
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Aus Protest gegen Mays Deal mit der EU war Dominic Raab als Brexit-Minister zurückgetreten.

Jeremy Hunt

Einst ein Brexit-Gegner, steht der 52-Jährige heute hinter dem EU-Austritt. Einige munkeln, die Kehrtwende habe nur dafür gedient, irgendwann den Hut für das Amt als Premier in den Ring werfen zu können.

Nach fast sechs Jahren als Gesundheitsminister folgte er 2018 Boris Johnson auf den Posten des Außenministers.

Hunt kommt aus wohlhabendem Hause, besuchte eine angesehene Schule und studierte in Oxford - eine typisch britische Politiker-Karriere. Der verheiratete Vater eines Sohnes und zweier Töchter sitzt seit 2005 als Konservativer im britischen Unterhaus.

Als Außenminister musste Hunt bereits einiges an Kritik einstecken. Es gelang ihm, die europäischen Verbündeten mit ähnlich provokativen Stellungnahmen gegen sich aufzubringen wie sein Vorgänger Boris Johnson. Bei einer Parteitagsrede verglich er die EU mit der Sowjetunion. Vor allem aus den osteuropäischen Mitgliedsstaaten handelte er sich damit wütende Reaktionen ein.

Hunt kann auf Unterstützung aus den USA zählen: Trump sagte bei seinem Großbritannien-Besuch, Hunt würde als britischer Regierungschef "sehr gute Arbeit" machen. Bei der ersten Abstimmung für den neuen Parteichef landete Hunt auf Platz zwei - allerdings mit 43 Stimmen klar abgeschlagen hinter Johnson.

britischer Außenminister Jeremy Hunt | Bildquelle: AFP
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Erst gegen, dann für den Brexit: Jeremy Hunt.

Michael Gove

Er hatte schon einmal versucht, Premier zu werden - 2016, nach dem Rücktritt von David Cameron. Damals kam ihm May in die Quere.

Unter Cameron war Gove jahrelang Bildungsminister, bis der damalige Premier seinen engen Vertrauten und Paten des eigenen Sohnes vom Amt abziehen musste. Im Streit um höhere Pensionen hatte sich Gove zum Buhmann der Lehrerschaft gemacht, bis er schließlich für das Bildungsressort nicht mehr tragbar schien.

2016 dann der nächste Schlag für Cameron: Gove stellte sich konträr zum Kurs des langjährigen Freundes und an die Seite von Boris Johnson im Werben um den EU-Austritt.

May machte Gove im Juni 2017 zum Umweltminister, wo er mit einer Reihe umweltfreundlicher Ankündigungen in den Schlagzeilen blieb. Gove gilt als bestens vernetzt, nicht nur im britischen Parlament, sondern auch bei den Mächtigen in der Welt der Medien.

Britischer Umweltminister Michael Gove - Bild vom 13.09.2018 | Bildquelle: AFP
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Für Michael Gove ist es nicht der erste Versuch, Premierminister zu werden.

Sajid Javid

Beruflich ging es für heute 49-Jährigen erst einmal in die Wirtschaft, als Manager der Deutschen Bank. Seit 2010 sitzt er im britischen Unterhaus, 2014 folgte der Posten als Kulturminister. Im vergangenen Jahr ernannte ihn May schließlich zum Innenminister.

Damit war Javid der erste Politiker mit muslimischen Hintergrund, der es unter die Top 4 der politischen Ämter Großbritanniens schaffte: Premier, Schatzkanzler, Außen- und Innenminister.

Im Innenministerium erlangte Javid einen harten Ruf, vor allem in der politischen Debatte um eine Britin, die die Frau eines IS-Anhängers wurde. Javid entschied, der schwangeren Frau die Staatsbürgerschaft zu entziehen und damit die Rückkehr zu verweigern. Als das neugeborene Kind daraufhin starb, während die Mutter sich in einem syrischen Flüchtlingslager aufhielt, geriet Javid für seine Entscheidung in massive Kritik.

Javid gehört dem wirtschaftsliberalen Flügel der Konservativen an und stimmte 2016 für einen Verbleib seines Landes in der EU. Nach dem Ausgang des Referendums unterstützte er aber den Brexit-Kurs.

Sajid Javid | Bildquelle: ANDY RAIN/EPA-EFE/REX/Shuttersto
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Sajid Javid schaffte es als erster Politiker mit muslimischem Hintergrund unter die Top 4 der britischen Politik.

Rory Stewart

Er gilt im Rennen um Mays Nachfolge als äußerst kompetent, bleibt nach Einschätzung britischer Medien allerdings ein Außenseiter: Entwicklungshilfeminister Rory Stewart, der ein bisschen Ähnlichkeit mit Rocksänger Mick Jagger in jungen Jahren hat, ist ein EU-Anhänger. Er akzeptiert jedoch das Ergebnis des Brexit-Referendums. Einen ungeregelten Austritt aus der EU lehnt Stewart kategorisch ab und will mit Bürgerbeteiligung einen Brexit-Kompromiss ausarbeiten.

Sollte er Premierminister werden, möchte er den Klimaschutz verstärken. Stewart verfasste mehrere Bücher, unterrichtete privat die Prinzen William und Harry, spricht mehrere Sprachen und arbeitete auch als Diplomat.

Rory Stewart | Bildquelle: FACUNDO ARRIZABALAGA/EPA-EFE/REX
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Rory Stewart will sich im Fall seiner Wahl besonders für den Klimaschutz einsetzen.

Leadsom, McVey, Harper und Hancock sind raus

Im ersten Wahlgang der Tory-Abgeordneten erhielten folgende Kandidaten zu wenige Stimmen, um in der zweiten Abstimmungsrunde antreten zu können: die frühere Vorsitzende des Unterhauses, Andrea Leadsom, die ehemalige Arbeitsministerin Esther McVey und der EU-freundliche Abgeordnete Mark Harper. Auch Gesundheitsminister Matt Hancock ist nicht mehr dabei: Er zog sich aus dem Rennen zurück

May-Nachfolge: Ergebnis erster Wahlgang
Imke Köhler, ARD London
13.06.2019 17:30 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. Mai 2019 um 08:14 Uhr, die tagesschau am 07. Juni 2019 um 09:00 Uhr und NDR Info am 07. Juni 2019 um 11:15 Uhr in den Nachrichten.

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