Malische Soldaten sind nach einer Meuterei in der Hauotstadt Bamako zu sehen und werden bejubelt. | REUTERS

Mali nach dem Aufstand Zwischen Jubel und internationaler Kritik

Stand: 19.08.2020 16:12 Uhr

Meuternde Soldaten, applaudierende Massen und ein festgenommener Präsident, der seinen Rücktritt erklärt: Im westafrikanischen Mali haben sich die Ereignisse überschlagen. Wie kann es jetzt weitergehen?

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Nordwestafrika

Er sah müde und angespannt aus - selbst unter der weißen Mund-Nasen-Maske. Noch in der Nacht erklärte der malische Präsident Ibrahim Boubacar Keita in einer Fernsehansprache seinen Rücktritt. Wenn Teile der Armee seinen Rücktritt wollten, welche Wahl habe er da, fragte der 75-Jährige in die Kamera. Er wolle kein Blutvergießen.

Dunja Sadaqi ARD-Studio Rabat

In seiner Ansprache dankte Keita dem malischen Volk für seine Unterstützung und "für die Wärme seiner Zuneigung". Er sei sich der rechtlichen Konsequenzen seines Rücktritts bewusst: Das Parlament und die Regierung würden umgehend aufgelöst. "Möge Gott helfen und Mali segnen", sagte Keita.

Viele Malier jubeln den Putschisten zu

Nur wenige Stunden zuvor war der malische Staatschef in seiner Residenz in der Hauptstadt Bamako von Soldaten festgesetzt worden - samt seinem Premierminister Boubou Cissé. Schnurstracks donnerten die gepanzerten Fahrzeuge in den Militärstützpunkt Kati, der sich in der Nähe der Hauptstadt befindet. Den Stützpunkt hatten aufständische Militärs am Dienstagmorgen unter ihre Kontrolle gebracht, bevor sie sich in die Hauptstadt aufmachten.

In den Straßen jubelten zahlreiche Malier den vorbeifahrenden Sicherheitskräften zu. Viele der Protestbewegung M5, die seit Monaten gegen Präsident Keita auf die Straße gehen, fühlen sich bestärkt. Sie werfen ihm Wahlbetrug und Korruption vor und dass er die schwierige Sicherheitslage im Land nicht in den Griff bekommen habe.

Malische Soldaten werden bei ihrer Ankunft auf dem Platz der Unabhängigkeit in Bamako gefeiert | AFP

Die meuternden Soldaten wurden auf den Straßen Bamakos mit Begeisterung empfangen. Bild: AFP

Putschisten kündigen Neuwahlen an

Heute Morgen meldeten sich dann die Anführer des Putsches, hochrangige malische Militärs, zu Wort. Der stellvertretende Stabschef der Luftwaffe, Ismaël Wagué, ist einer von ihnen. Er sagte:

Wir patriotischen Kräfte des Nationalen Komitees zum Wohl des Volkes (CNSP) haben uns versammelt, um unsere Verantwortung vor dem Volk und vor der Geschichte zu übernehmen. Ab heute, dem 19. August 2020, sind alle Luft- und Landesgrenzen bis auf Weiteres geschlossen. Es wird eine Ausgangssperre von 21 Uhr abends bis 5 Uhr morgens erlassen. Der öffentliche Dienst wird von den entsprechenden Verantwortlichen weiter gewährleistet sein.

Laut den Militärs sollen internationale Abkommen weiterhin bestehen bleiben und in angemessener Zeit Neuwahlen in Mali stattfinden. Die Zivilgesellschaft solle den Übergangsprozess begleiten. Was das konkret heißt, blieb aber zunächst unklar.

Bundesregierung verurteilt Putschversuch

Die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS, die bislang versucht hatte, in der Krise zu vermitteln, reagierte erzürnt auf die Entwicklungen und kündigte Sanktionen gegen die Putschisten an. Mali werde erst einmal aus der Wirtschaftsgemeinschaft ausgeschlossen, Handels- und Finanzbeziehungen gekappt.

Auch Bundesaußenminister Heiko Maas sagte, er verurteile den Versuch, "in Mali eine verfassungswidrige Übernahme der Macht durch das Militär herbeizuführen". Vertreter der EU, der USA und Frankreichs forderten, die malischen Regierungschefs freizulassen. In dieser Woche will auch der UN-Sicherheitsrat zu Mali tagen. 

Gesamte Sahel-Region betroffen

Für Thomas Schiller von der Konrad Adenauer Stiftung in Bamako könnte die eskalierte politische Krise herbe Folgen für den Krisenstaat haben. Einerseits werde die internationale Gemeinschaft den Putsch nicht anerkennen, andererseits spitze sich die seit Monaten anhaltende politische Krise weiter zu. "Wir haben eine Regierung, die nie in der Lage war, wirklich für Stabilität im Land zu sorgen, und jetzt haben wir eine Situation, wo diese politische Krise weitere Bemühungen zur Stärkung des Landes blockiert durch diesen Militärputsch", sagte Schiller. Die Sicherheitskrise habe zudem Auswirkungen auf die gesamte Sahel-Region.

Karte: Mali mit der Hauptstadt Bamako |

Bundeswehr-Soldaten sind wohlauf

2012 hatten verschiedene bewaffnete Gruppen den Norden Malis gewaltsam unter ihre Kontrolle gebracht. Obwohl damals die Ex-Kolonialmacht Frankreich militärisch eingegriffen hatte, ringt das Land seitdem um Stabilität. Tausende Soldaten und Zivilisten wurden getötet, Hunderttausende Menschen sind geflohen, obwohl Zehntausende internationale Soldaten im Land für Stabilität sorgen sollen - darunter auch die Bundeswehr mit insgesamt mehr als 900 Soldatinnen und Soldaten.

Die Bundeswehr ist an der UN-Stabilisierungsmission MINUSMA beteiligt und bildet im Rahmen einer EU-Ausbildungsmission malische Sicherheitskräfte aus. Laut einem Sprecher der Bundeswehr sind die deutschen Soldaten angewiesen worden, in ihren Stützpunkten zu bleiben. Allerdings seien sie zurzeit von der Lage vor Ort nicht betroffen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. August 2020 um 12:00 Uhr.