Polizeiautos patrouillieren auf einer Straße vor dem Kolosseum. | Bildquelle: dpa

Italien Wie die Mafia von Corona profitiert

Stand: 08.04.2020 00:37 Uhr

Während in Italien der Staat noch über Nothilfen diskutiert, bietet sich die Mafia verzweifelten Unternehmern und Bürgern als eine Art Sozialhilfe an. Damit ist sie in vielen Regionen auf dem Vormarsch.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Italiens Regierung versucht, ihre finanziellen Hilfen derzeit in die Familien und die Betriebe zu bringen. Aber jemand anders war schneller.

"Die organisierte Kriminalität hat unendlich viel Geld, und sie hat früher begonnen. Der Staat, so sehr er sich beeilt, braucht für seine Prozesse Zeit. Die organisierte Kriminalität ist sofort da, ohne Regeln."

So erklärt es Annapaola Porzio, Antimafia-Sonderkommissarin der Regierung. Betriebe, die in wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind, erklärt Porzio, seien schon immer ein beliebtes Opfer der Mafia. In der Regel böten Mafiosi zunächst günstige Kredite an, strangulieren dann das Unternehmen durch höhere Forderungen, ehe sie es ganz übernähmen. Derzeit, sagt Porzio, seien viele Unternehmer in Geldnot, weil ihre Betriebe aufgrund der Coronakrise geschlossen sind.

"Das Problem von mangelnder finanzieller Liquidität der Betriebe spielt der organisierten Kriminalität in die Hände."

Betriebe in wirtschaftlichen Schwierigkeiten beliebtes Ziel

Betriebe in wirtschaftlichen Schwierigkeiten und ein Staat, der mit den Hilfen langsamer ist - für die Mafia ein ideales Szenario. Das sagt auch Carabinieri-General Pasquale Angelosanto, der die Antimafia-Einheit ROS leitet.

"Die Unternehmen im Gastronomie- oder Tourismusbereich beispielsweise könnten, wenn ihnen nicht schnell von staatlicher Seite geholfen wird, der Versuchung erliegen, Geld von der Mafia zu nehmen. In der Hoffnung, dass sie das irgendwie geregelt bekommen. Aber meist bleibt es eine Illusion, das Geld zurückzuzahlen und sich dann vom unbequemen Partner befreien zu können."

Besondere Gefahr durch die organisierte Kriminalität in der Wirtschaft drohe, warnt der Carabinieri-General, wenn das Leben nach der Corona-Krise wieder anlaufe.

Unzufriedenheit - Nährboden für Mafia-Aktivität

Bereits jetzt, befürchtet Angelosanto, könnte die Mafia die soziale Situation der Menschen ausnutzen. In Palermo kauften Unzufriedene im Supermarkt ein, ohne zu bezahlen:

"Auf das Risiko, dass die Unzufriedenheit zu sozialem Protest wird, den die Mafia instrumentalisiert, müssen wir ein wachsames Auge haben. Vor allem in Süditalien haben Teile der Bevölkerung Probleme, die durch den derzeitigen Stopp der wirtschaftlichen Aktivitäten verstärkt werden."

Enza Rando von der Antimafia-Initiative Libera beobachtet, dass die organisierte Kriminalität in der Zeit der Not auf zunächst harmlose Weise versucht, sich wieder ins Spiel zu bringen.

"Teilweise, indem sie Lebensmittel zu den Menschen nach Hause bringen. Das mag man belächeln. Aber es dient der Mafia, um Zustimmung zu gewinnen. Sie stehen als gute Menschen, als Wohltäter dar."

Mafia wieder auf dem Vormarsch

In vielen Gegenden in Süditalien ist die Mafia in den vergangenen Jahren durch die harte Hand der Polizei, aber auch durch Antimafia-Bürgerinitiativen aus dem gesellschaftlichen Leben zurückgedrängt worden. Jetzt, sagt Enza Rando, seien diese vermeintlich harmlose Lebensmittelgeschenke durch Mafiosi unter anderem in Kampanien, aber auch in der Lombardei beobachtet worden.

"Das sind Personen, die das machen, die teilweise schwere Straftaten begangen haben und wichtigen Mafiafamilien angehören. Mit ihren Aktionen versuchen sie, sich darzustellen als eine Art alternative Sozialhilfe."

Die Regierung diskutiert noch darüber, in der Coronakrise ein stattliches Not-Sozialgeld zu beschließen, um auch denen zu helfen, die keine reguläre Arbeit hatten und jetzt komplett ohne Einkünfte sind. Sie sollen ihr Geld vom Staat und nicht von der Mafia bekommen.

Wie die Mafia von der Coronakrise profitiert
Jörg Seisselberg, ARD Rom
08.04.2020 01:18 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 08. April 2020 um 17:32 Uhr.

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