Die mittelalterliche Burg von Kaunas hinter einem Schriftzug der Stadt. | EPA

Europäische Kulturhauptstadt Kaunas "Unsere eigene Geschichte erzählen"

Stand: 22.01.2022 14:19 Uhr

Eine bewegte Vergangenheit und die lange Suche nach Identität - auch darum soll es in den kommenden Monaten in Kaunas gehen. Heute eröffnet die litauische Stadt ihr Programm als Europäische Kulturhauptstadt 2022.

Von Sofie Donges, ARD-Studio Stockholm

Auch wenn die offizielle Eröffnung in Anspielung an Kaunas 2022 erst um 20.22 Uhr beginnt - gefeiert wird schon das ganze Wochenende mit vielen Veranstaltungen in und um die zweitgrößte Stadt Litauens. Und bisher hat die Pandemie die Laune noch nicht verdorben: Das Interesse an den kostenlosen Tickets ist enorm und außerdem konnte William Kentridge tatsächlich anreisen: Der südafrikanische Künstler hat bereits gestern seine Ausstellung "That which we do not remember" persönlich eröffnet.

Zeit, Erinnerung und Geschichte sind seine Themen. Und die seien sehr relevant hier in Litauen, so Kentridge, der selbst litauische Wurzeln hat. Nicht nur in seiner ganzjährigen Ausstellung steht die Auseinandersetzung mit dem, was war und was kommt, im Mittelpunkt. Es ist vielmehr der rote Faden im Programm.

Denn die Menschen in Kanaus suchten lange nach der eigenen Identität, sagt Rytis Zemkauskas aus dem Kuratorium:

Die Leute aus Vilnius und Moskau haben jahrelang bestimmt, wer wir sind. Das war eines der Probleme. Sie haben gesagt, seid so, wie wir es wollen. Und ich habe gedacht, wir sollten unsere eigene Geschichte erzählen. Eine andere Geschichte, eine Liebesgeschichte.

Bewegte Vergangenheit

"From Temporary to Contemporary" - "Von temporär zu zeitgenössisch": so das Motto von Kaunas 2022. Eine Anspielung auf die bewegte Vergangenheit, die Goldene Zeit - als Kaunas zwischen den Weltkriegen kurzzeitig Litauens Hauptstadt wurde, dann der Zweite Weltkrieg folgte und später die sowjetische Besatzung. 

Daiva Citvariene verantwortet das Memory Office, das Erinnerungsbüro als ein Teil der Kaunas-2022-Organisation. Geschichte muss überall zu sehen sein, sagt sie: "Was manchmal passiert ist, dass wir Testimonials und Erinnerungen sammeln und dann landen sie in Büchern oder auf einer Internetseite und fast niemand liest sie - und wir wollen den Geschichten mehr Leben geben."

Street Art in Kaunas zeigt eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter. | dpa

Das Bild des jüdischen Mädchens Rosian auf dem Arm ihrer strahlenden Mutter Gerta - auch ihre Geschichte wird in verschiedenen Projekten erzählt. Bild: dpa

Spuren vergangener Events überall in der Stadt

Ein Beispiel dafür ist das CityTelling-Festival. Künstlerinnen und Künstler haben sich mit Biografien von Menschen aus Kaunas auseinandergesetzt und sie verarbeitet. Das Festival findet bereits seit 2019 statt und ist auch Teil des Programms Kaunas 2022. Die Spuren vergangener Events sind unübersehbar über die Stadt verteilt: Beispielsweise an einer Häuserfassade in der Nähe der Fußgängerzone. Über die gesamte Fläche ist das Bild eines jungen jüdischen Mädchens gemalt, auf dem Arm ihrer strahlenden Mutter. Sie heißt Rosian Bagriansky.

"Wir erzählen ihre Geschichte in verschiedenen Projekten, das hier ist nur eines davon", erklärt Citvariene. "Man sieht Rosian mit ihrer Mutter Gerta. Die Mutter hat in Paris studiert, sie war Musikerin. Glücklicherweise haben beide den Holocaust überlebt und nun lebt Rosian Bariansky in den USA und erzählt der Welt ihre Geschichte."

Von lokalen Street-Art-Künstlern bis hin zu großen Namen wie Robert Wilson, Yoko Ono oder Marina Abramović, von großen Ausstellungen in der City bis hin zu kleinen Events zu Hause bei lokalen Künstlern im Umland - das Programm der litauischen Stadt ist vielfältig. Die Organisatorinnen und Organisatoren hoffen, dass es auch nachhaltig ist und der Stadt und den Menschen ein neues Selbstbewusstsein verleiht.

 

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 22. Januar 2022 um 08:55 Uhr.