Anita Lasker-Wallfisch | Bildquelle: picture alliance / Photoshot

Anita Lasker-Wallfisch im Bundestag Die Cellistin von Auschwitz

Stand: 31.01.2018 11:55 Uhr

Anita Lasker wird Ende 1943 aus der Haft nach Auschwitz deportiert. Sie entgeht der Massenselektion und damit dem Tod in den Gaskammern - weil sie Cello spielen kann.

Von Thomas Spickhofen, ARD-Studio London

An ihr erstes Cello, das sie als Kind gespielt hat, kann sich Anita Lasker-Wallfisch noch gut erinnern. Es hatte eine Kindergröße, die ihrer Mutter fast wie eine Geige unters Kinn passte: "Ich habe ein Viertelcello gehabt", sagt sie. Und die Erinnerung an ihren ersten Cello-Lehrer ist auch noch da: "Der ist im Ersten Weltkrieg verletzt worden und hatte zwei steife Finger an der linken Hand und hat umgelernt, andersrum zu spielen. Geradezu irre, wirklich."

Das Instrument als Lebensretter

Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau | Bildquelle: dpa
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Ein Jahr lang musste Anita Lasker im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau bleiben.

Später hat das Cello ihr das Leben gerettet. Anita Lasker, 17 Jahre jung, aus einer deutsch-jüdischen Familie in Breslau, kommt im Dezember 1943 in Auschwitz an. Sie wird von anderen Lagerinsassen eingewiesen, von ihnen registriert und erhält von ihnen die Tätowierung. "Und die sind natürlich furchtbar neugierig: Da kommt jemand Neues. Was gibt es draußen? Wie geht der Krieg? Wo kommst du her? Wie heißt du? Was hast Du früher gemacht? " Warum sie in diesem Moment gesagt habe, dass sie Cello spielen kann, das werde sie nie begreifen, erzählt Lasker-Wallfisch. "Das hat überhaupt nicht in die Situation gepasst."

Aber eine Mitgefangene bei der Registrierung im Konzentrationslager Auschwitz wird sofort hellhörig: "Du spielst Cello? Fantastisch! Bleib hier, ich komme gleich wieder. Sie ist weggelaufen und hat die Dirigentin der Kapelle gerufen und hat gesagt: 'Hier ist eine Cellistin angekommen.'" Mein Glück war, dass sie zu dieser Zeit kein Instrument gehabt haben, das tiefe Noten gespielt hat." Und so landet das junge jüdische Mädchen aus Breslau im Mädchenorchester von Auschwitz. "Es handelt sich hier nicht um Berufsmusiker, sondern um junge Mädchen", erklärt Lasker-Wallfisch, "denn niemand war alt, der ins Lager kam - die mal irgendwann etwas gelernt haben".

Queen Elizabeth II. im Gespräch mit Anita Lasker-Wallfisch während einer Gedenkveranstaltung im KZ Bergen-Belsen. | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Bei einem Besuch in Bergen-Belsen traf Anita Lasker-Wallfisch auch Königin Elizabeth II.

Unter den Lagerkommandanten habe es einen regelrechten Wettbewerb gegeben, wer das bessere Orchester habe, erinnert sich Lasker-Wallfisch. Das sei wie eine Lebensversicherung gewesen, selbst für die, die ihr Instrument nicht so gut beherrschten. "Die sind dann Notenschreiberinnen geworden."

Ums Überleben gespielt

Die Aufgabe des Orchesters war es, am Eingang zum Lager Auschwitz-Birkenau Musik zu machen: Popmusik, klassische Musik, Märsche. Wenn die Transporte für die Gaskammern eintrafen oder wenn die Lagerinsassen zur Arbeit in die umliegenden Fabriken geschickt wurden."Jeden Morgen sind Tausende von Menschen ausmarschiert in diese verschiedenen Fabriken und wir haben gesessen und haben Märsche gespielt. Und am Abend wieder das Gleiche: Wir sind ans Tor gegangen mit den Stühlen und den Notenständern und haben wieder gespielt. In dem Moment, wie das fertig war, sind wir zurück in unseren Block und haben geprobt. Wir haben den ganzen Tag gespielt."

Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen: Britische Soldaten führen NS-Wachpersonal ab.
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Bei der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen wurde auch Anita Lasker gerettet. Gleichzeitig wurde damals das NS-Wachpersonal entwaffnet und abgeführt (wie hier zu sehen).

Befreit und nach Großbritannien ausgewandert

Ein Jahr lang bleibt das junge Mädchen Anita Lasker in Auschwitz. Danach wird  sie nach Bergen-Belsen deportiert, wo sie im April 1945 die Befreiung erlebt. Ein Jahr später wandert sie nach Großbritannien aus, heiratet den Pianisten Peter Wallfisch, gründet das London English Chamber Orchestra und ist hier im Stadtteil Queens Park bis heute zu Hause.

Die Cellistin von Auschwitz: Anita Lasker-Wallfisch redet im Bundestag
Thomas Spickhofen, ARD London
31.01.2018 11:42 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. Januar 2018 um 12:22 Uhr.

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