Ein Mann geht an einem Wahlkampfwandbild des Präsidentschaftskandidaten Rodolfo Hernandez in Bogota (Kolumbien) vorbei. | AP

Präsidentenwahl Rückt Kolumbien nach links?

Stand: 29.05.2022 03:18 Uhr

Jahrzehntelang wurde das einstige Bürgerkriegsland Kolumbien von konservativen Regierungen gelenkt - nun könnte erstmals ein Linker zum Präsidenten gewählt werden. Vor allem die junge Generation hofft auf einen Wandel.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Rio de Janeiro

Als Gustavo Petro am Sonntag vergangener Woche um sieben Uhr abends auf die Bühne steigt, jubelt ihm ein Meer von Menschen zu. Auf der Plaza Bolivar im Zentrum von Bogotá ist kein Durchkommen mehr. "Die Mehrheit schreit nach einem Wandel", ruft der 62-Jährige mit fast predigender Stimme, "Hunger, Ungerechtigkeit, fehlende Bildungschancen und soziale Ungleichheit", zählt er auf, "diese seit Ewigkeiten andauernde Gewalt, die unsere Gesellschaft auslöscht, kann nicht andauern!" Applaus, leuchtende Augen, wehende Fahnen. Petro winkt, neben ihm seine Vizekandidatin, Francia Márquez, das Afrohaar hochgesteckt, die Faust erhoben. Vor ihnen ein eisernes Stehpult, dazu Sicherheitspersonal mit versteinertem Blick und kugelsicheren Schutzschildern.

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

Sehnsucht nach Politikwechsel

Es ist der Abschluss eines Wahlkampfes, der eine Zeitenwende einleiten könnte in Kolumbien. Einem Land, dessen Geschichte von politischer Gewalt und Drogenkrieg geprägt ist. Dementsprechend gespalten ist das Land. Sowohl Petro als auch Márquez haben Morddrohungen erhalten. Sollte erstmals überhaupt ein Linker in Kolumbiens Präsidentenpalast einziehen, käme das einem politischen Erdbeben gleich. Vor allem Vizekandidatin Márquez, eine 40-jährige schwarze Bürgerrechtlerin und Umweltaktivistin, symbolisiert wie niemand zuvor die Sehnsucht der jungen Generation nach einem Politikwechsel.

"Es gibt einen tiefgreifenden Umbruch auf der politischen Landkarte Kolumbiens", glaubt der Politikwissenschaftler León Valencia, Direktor der Stiftung PARES für Frieden und Versöhnung. Das habe viel mit dem Friedensprozess zu tun, den die Regierung von Juan Manuel Santos im Jahr 2016 mit der größten Guerilla-Gruppe des Landes schloss, der Farc. "Es war ein historisches Abkommen mit großer Symbolkraft: Lasst uns Konflikte endlich an den Urnen, statt mit Waffen lösen."

Eine Passantin in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá geht an einem Wandgemälde der Präsidentschaftskandidaten Petro und Marquez vorbei. | AFP

Bei der Präsidentenwahl in Kolumbien könnte sich erstmals ein bekennender Linker durchsetzen. Der ehemalige Guerillakämpfer Petro geht als Favorit in die erste Wahlrunde. Seine Vize-Kandidatin Márquez kommt vor allem bei Jüngeren und Frauen gut an. Bild: AFP

Soziale Ungleichheit führte zu Unruhen

Damals war die Hoffnung groß, vor allem bei Kolumbiens junger Generation. Doch dann wurde mit Ivan Duque 2018 erneut ein Ziehsohn des mächtigen Ex-Präsidenten Alvaro Uribe ins Präsidentenamt gewählt, der den Friedensprozess von Beginn an ablehnte. Versprechen wurden gebrochen, die Gewalt flackerte vielerorts wieder auf. Hinzu kamen Korruptionsskandale und dann noch die Pandemie. Diese hat die soziale Ungleichheit im Land verschärft. 40 Prozent der Kolumbianer leben heute unter der Armutsgrenze.

Der Unmut gipfelte vor einem Jahr in massiven sozialen Protesten gegen die rechtskonservative Regierung von Duque. "Wir hatten keine Arbeit, nichts zu essen, keine Unterstützung von niemand", erinnert sich Andrés Lopez. Der 29-jährige kommt aus Siloé, einem Arbeiter- und Armenviertel von Cali. Kolumbiens drittgrößte Stadt war damals das Zentrum der Proteste. Straßenbarrikaden wurden errichtet, es flogen Molotowcocktails. Die Regierung schickte Polizei und Militär, die mit extremer Brutalität gegen die Demonstrierenden vorgingen.   

Proteste, die das Land veränderten

"Es war wie im Krieg", sagt Jenny Mellizo. "Die Sicherheitskräfte verhielten sich, als kämpften sie gegen die Guerilla, aber hier, mitten in der Stadt." Wenige Wochen vor der Wahl steht Mellizo gemeinsam mit anderen Nachbarn am Fuße ihres Viertels Siloé, in einem kleinen Park mit Sportplatz. Rundherum sind Klappständer aufgestellt mit großen Fotos von jungen Männern. Einer ist Harold Rodrigo Mellizo, Jemmy Mellizos Sohn. Am 3. Mai 2021 wurde er während des Einsatzes der Spezialkräfte in Siloé von einer Kugel getötet, man schoss ihm direkt ins Gesicht. "Es hatte nicht an den Demonstrationen teilgenommen, er war nur kurz raus, um etwas zu essen zu holen", sagt seine Mutter.

Harold war 20 Jahre alt und hatte gerade seinen Militärdienst im Chocó abgeschlossen, einer der gefährlichsten Regionen Kolumbiens. Später wollte er in die Polizei eintreten: "Was mich am meisten verletzt ist, dass die Regierung sagt, er sei ein Randalierer gewesen", Mellizo kämpft bei jedem Wort gegen Tränen und Zorn. "Er hat sein Vaterland gegen die Guerilla verteidigt, nun hat das Vaterland ihn umgebracht." Mehr als 40 Menschen wurden bei den Protesten getötet. Nichtregierungsorganisationen sprechen sogar von bis zu 80 Toten, die meisten von ihnen in Siloé.

Überraschende Unterstützung für Petro

"Kolumbien braucht einen Wandel. Wir, als Streitkräfte wollen nicht mehr von einer Politikerklasse für deren Interessen missbraucht werden", sagt am selben Wochenende Anfang Mai der Direktor der Veteranenorganisation "Veteranos por Colombia", Dr. Alfonso Manzur. Er steht auf einer Bühne im Luxushotel Spiwak, im Saal sitzen rund 800 ehemalige Sicherheitskräfte von Polizei und Militär, eher unterer und mittlerer Ränge. "Wir wollen ein Land, in dem junge Leute Chancen bekommen und das Gewehr nicht mehr der einzige Ausweg aus der Armut ist", fährt Manzur fort.

Kolumbiens einst hoch angesehene Streitkräfte haben während des Friedensprozesses an Ansehen eingebüßt: Eine unabhängige Sonderjustiz für den Frieden ermittelt gegen sie wegen außergerichtlicher Hinrichtungen in der Amtszeit Uribes. "Wir wollen, dass die Streitkräfte Entwicklung in die Regionen bringen, nicht Tod und Massaker", ruft ein junger Ex-Soldat auf der Veranstaltung. Manzur schließt das Manifest mit den Worten: "Für die Kandidaten des Friedens und des Lebens. Wir unterstützen Gustavo Petro und Francia Márquez."

Es ist eine eher unerwartete Wahlkampfhilfe für die linken Kandidaten. Sie kommt außerdem zu einem Zeitpunkt, in der Kolumbiens oberster Heereschef vor eben jenem Links-Duo warnte. Erstmals überhaupt mischt sich Kolumbiens Militär in einen Wahlkampf ein. Das zeigt, wieviel auf dem Spiel steht in dem von Gewalt gezeichneten Land, das seit Jahrzehnten von Konservativen gelenkt wird.

Petro: Grüner Sozialdemokrat oder Populist?

Petro war in einer Jugend selbst Mitglied einer linken Guerilla, der M-19, die, bis zu ihrer Demobilisierung 1990, gegen den Staat kämpfte. Ein Radikaler allerdings ist Petro nicht. Er studierte Volkswirtschaft, war zuerst Abgeordneter, dann von 2012 bis 2015 Bürgermeister der Hauptstadt Bogotá, später Senator. Petro will Reiche höher besteuern, unabhängiger von Öl und Gas werden, mehr in Umweltschutz investieren. Als grünen Sozialdemokraten, beschreiben ihn seine Anhänger. Er beweise bis heute wenig Respekt für die Institutionen, sagen seine Kritiker.

Er sei ein Demagoge, seine Versprechen populistisch. Damit ruiniere er die Wirtschaft, glaubt Jairo Rodriguez, ein Architekt aus Calis wohlhabendem Viertel Ciudad Jardin: "Ich bin für Demokratie und Freiheit, aber das steht aktuell auf dem Spiel", sagt der 50-Jährige. Er fürchtete einen Absturz wie im Nachbarland Venezuela. Schuld sei auch die aktuelle Regierung, die in Korruptionsskandale verstrickt ist. Das sorge für Unmut bei der Mehrheit der Bevölkerung, die arm sei. "Nun kommt die Linke und verspricht soziale Gerechtigkeit, aber wenn sie erst gewählt sind, brechen sie mit allem und es wird nur noch schlimmer."

Traditionelle Elite und Politik-Outsider

Kolumbiens traditionelle Elite, Großgrundbesitzer und Unternehmer, hat derweil ein Problem: Ihre bisherigen Vertreter sind durch Missmanagement und Skandale derart in Verruf geraten, dass sie nicht einmal mehr einen eigenen Kandidaten ins Rennen schicken. Sie unterstützen nun Federico "Fico" Gutierrez, einen ehemaligen Bürgermeister von Medellin, der redlich versucht, sich von seinen Unterstützern von Rechts abzugrenzen. "Wir dürfen nicht zulassen, dass sie uns spalten mit dieser Geschichte, was rechts ist und was links", ruft er bei einem Treffen mit einer evangelikalen Kirchengemeinde in Bogotá Anfang Mai. "Keine Klassenkampfreden mehr, kein Hassdiskurs, kein Sprung ins Leere ohne Fallschirm wie in Venezuela und Nicaragua. Für Demokratie und Freiheit!"

Applaus bei der Gemeinde, doch in den Umfragen stagniert Gutierrez. Vielen gilt er als Kandidat des Status Quo. Kurz vor der Wahl nimmt ihm ein anderer den Wind aus den Segeln: Rodolfo Hernandez, 77 Jahre alt, Bauunternehmer und einst Bürgermeister von Bucaramanga. Er hat sich den Kampf gegen Korruption auf die Fahnen geschrieben und damit steil an Zustimmung gewonnen. Hernandez präsentiert sich als Politik-Outsider, ist vor allem in sozialen Medien aktiv und gibt Interviews im Seidenpyjama. Sein Motto: Logik, Ethik und Ästhetik.

Stichwahl erwartet

"Keinen der Kandidaten würde ich als Institutionalisten beschreiben, sie alle haben starke populistische Tendenzen", sagt Adam Isacson, Sicherheitsexperte vom US-Think Tank Washington Office on Latin America (WOLA). Sollte es, was wahrscheinlich ist, zu einer Stichwahl kommen, befürchtet Isacscon Konflikte. "Die Rechte in Kolumbien spielt, wie die Geschichte gezeigt hat, ein sehr schmutziges Spiel und greift zu brutaler Gewalt, um sich Veränderungen zu widersetzen." Auf der anderen Seite bestehe das Risiko, dass bei einer Niederlage der Linken eine neue, wütende Welle sozialer Proteste ausbricht. "Wenn es ein knappes Wahlergebnis gibt, und es anerkannt wird, ohne dass Gewalt ausbricht, wäre das für mich ein Wunder", so Isacson.  

Hoffnung auf Wandel

Währenddessen gehen in Siloé, jenem Arbeiterviertel von Cali, in dem während der Sozialproteste am meisten Jugendliche getötet wurden, die Kerzen an. Gedenken an die Toten. Keiner der Fälle wurde bisher aufgeklärt. Mellizo hat deswegen mit anderen Angehörigen, NGOs und der Kirche ein Volks-Tribunal ins Leben gerufen. Sie fordern Aufklärung und Gerechtigkeit. Auf einen Kandidaten festlegen, will sich Mellizo derweil nicht. "Ich will keine Versprechen mehr, ich will, dass endlich etwas passiert" sagt sie. Kolumbien brauche einen Wandel.

Über dieses Thema berichteten Deutschlandfunk am 28. Mai 2022 um 18:40 Uhr und tagesschau24 am 29. Mai 2022 um 09:00 Uhr.