Ein Polizist steht auf einem Kokafeld in Kolumbien. | picture alliance / ASSOCIATED PR

Kolumbien Zwangsrekrutiert für den Drogenkrieg

Stand: 04.06.2022 11:41 Uhr

Der Friedensschluss mit der FARC-Guerilla hat die Gewalt in Kolumbien nicht beendet. Neue Gruppen haben sich gegründet, die um Schmuggelrouten für Drogen und Waffen kämpfen - und Kinder und Jugendliche zwangsrekrutieren.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Rio de Janeiro, zzt. Kolumbien

Alejandra hat ein Bild gemalt. Ein junger Mann mit dem Rücken zur Tür, draußen wartet ein anderer mit einem Motorrad, er hat ein Gewehr. Im zweiten Teil sieht man Bomben, rote Flecken, dazu eine Frau, die weint.

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

"Das Bild heißt: Meine Mutter weint", erklärt sie. "Denn der Sohn geht zur Guerilla. Sie weiß, dass es böse endet. Aber sie kann ihn nicht zurückhalten, weil die bewaffneten Gruppen sie bedrohen."

Alejandra hat sich das nicht ausgedacht. Geschichte wie diese hat die Zwölfjährige selbst erlebt. Sie ist aus dem Norte del Cauca, einer der konfliktreichsten Regionen Kolumbiens.

"Es herrscht wieder Krieg"

Die Straße in Alejandras Dorf Toez windet sich durch eine grüne Hügellandschaft, auf Zäunen und Häuserwänden tauchen immer wieder Schriftzüge auf, "Farc-EP," ist darauf gesprüht, oder "Comando Dagoberto Ramos". An einer Straßenkreuzung sind junge Männer auf Motorrädern, sie mustern die Vorbeifahrenden genau. Hier, in Kolumbiens Andenkordillere, kämpfen bewaffnete Gruppen weiterhin um die Kontrolle von Kokaplantagen und Schmuggelrouten für Drogen und Waffen, daran hat sich auch nach dem Friedenschluss mit der FARC-Guerilla vor fünf Jahren nichts geändert.

"Ja, es gab einen Friedensprozess", sagt Rosa Padro, die uns an der Stichstraße nach Toez empfängt. "Aber es war nur ein kurzer Moment der Stille. Der Staat hat seine Versprechen nicht gehalten, nun haben sich neue Gruppen gegründet, es herrscht wieder Krieg und schlimmer als vorher." Rosa ist Teil der Guardia Indigena, einer angesehenen indigenen Schutztruppe des Nasa-Volkes, die auf Dialog statt Waffen setzt - und doch seit Jahren zwischen die Fronten gerät.

Früher hatte die Guerilla hier eine gewisse politische Ideologie, sie akzeptierte uns und unser Territorium. Die neuen Gruppen haben kein einheitliches Kommando, wir wissen nicht, mit wem wir sprechen können. Und die größten Leidtragenden sind die Kinder.

Nach Angaben der Organisation der Nasa-Indigenen, ACIN, wurden seit dem Jahr 2019 allein im Norte del Cauca 270 Kinder und Jugendliche zwangsrekrutiert - die jüngsten erst zwölf oder 13 Jahre alt. In der Pandemie habe sich die Situation im ganzen Land verschlimmert, das bestätigt auch die International Crisis Group. 

Kurse für Schulkinder

In der selbstverwalteten Schule von Toez ruft Rosa Padro: "Guardia" - Wächtergruppe. "Als Guardi sind wir stark", antworten rund zwei Dutzend Kinder.

Seit knapp einem Jahr geben Rosa und eine Mitstreiterin hier Kurse, um über die Gefahren der Rekrutierung aufzuklären und das Selbstbewusstsein der Kinder zu stärken. Drei Jugendliche aus ihrer Gruppe wurden dieses Jahr bei einem Gefecht zwischen bewaffneten Gruppen und dem Militär getötet, von anderen fehlt jede Spur, sie wurden in Regionen im Süden verschleppt, heißt es. Rosa sorgt sich auch um ihren eigenen Sohn, den elfjährigen Oscar Mauricio.

Es gibt Kinder, die kommen von wo anders oder sind älter und dann geben sie vor, unsere Freunde zu sein. Oft sind sie schon verbunden mit der Guerilla oder anderen Gruppen. Sie sagen dann, wie cool es dort ist, und dass man Geld, Motorräder oder Autos bekommt. Aber die Realität sieht dann ganz anders aus.

"Wir sitzen zwischen allen Fronten"

An diesem Tag sollen die Kinder in Bilder fassen, was ihnen beim Thema Zwangsrekrutierung durch den Kopf geht, darüber wird dann diskutiert. Eine Gruppe 16-Jähriger sitzt abseits, vertieft in ihr Handy. Rosas Mitstreiterin Laura Medina beobachtet sie genau. "Wir versuchen, die Signale zu sehen", erklärt sie. "Ich frage zum Beispiel, wie viel die kriminellen Gruppen einem Kind zahlen. Einer antwortete mit einer konkreten Zahl. Das ist ein Warnhinweis."

Besonders anfällig für die Versprechen seien Kinder, die aus einem schwierigen Elternhaus kämen, sagt Rosa. Die allein gelassen, manchmal auch misshandelt würden. Auch das sei eine Folge der großen Armut in der Region, glaubt sie.

Hier in der Gegend ist alles militarisiert. Der Staat hat Hilfe für die Landbevölkerung und bessere Ausbildung für die Jugend versprochen, aber es ist nichts passiert. Viele Bauern hier bauen Koka an, weil es das Einzige ist, mit dem man hier Geld verdienen kann. Die Straße, auf der ihr gekommen seid, ist eine Hauptroute für Drogen- und Waffenschmuggel. Dabei ist sie voller Militärkontrollen. Warum tun sie nichts? Weil alle am gleichen Tisch sitzen, alle haben ihren Teil am Geschäft. Und wir sitzen zwischen allen Fronten.

Viele Aktivisten getötet

Auch Rosa und Laura erhalten regelmäßig Drohungen. Mehr als 1000 soziale Aktivisten wie sie sind seit Abschluss des Friedensvertrages 2016 umgebracht worden. Und das wiederum macht Oscar Mauricio große Sorgen, Rosas elfjährigem Sohn.

"Mein Papa und meine Mama sind Anführer, deswegen müssen sie oft weggehen und an Treffen teilnehmen", sagt er. Das mache ihn traurig. "Aber ich weiß, dass ich sie unterstützen muss, denn sie kämpfen für unser Territorium und unsere Gemeinschaft."

Nach dem Malkurs gehen alle noch gemeinsam zum Fluss. Es gibt ein Reinigungsritual, dann wird gespielt und Quatsch gemacht. Die Kinder sollen entspannen.

Rosa und die Nasa-Gemeinde hoffen nun auf einen Wandel bei der bevorstehenden Wahl. Es braucht endlich eine andere Politik, sagen sie, eine Politik für die Bevölkerung in den Konfliktgebieten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Juni 2022 um 06:40 Uhr.