Ein Frau kontrolliert Wahlurnen in Yaounde | Bildquelle: REUTERS

Präsidenten-Wahl in Kamerun Gespaltenes Land

Stand: 06.10.2018 03:43 Uhr

Seit mehr als einem Jahr liefern sich in Kamerun Separatisten mit dem Militär schwere Gefechte. Morgen soll ein neuer Präsident gewählt werden - doch die Wahl könnte den Konflikt weiter anheizen.

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

Am 8. August kamen sie plötzlich ins Dorf. Sie überfielen die Läden, stahlen Kleidung und Sachen, bedrohten Frauen und Kinder. Constantin Tafeu wollte gerade etwas einkaufen, da schlugen sie ihm mit der Machete fast die Hand ab. "Ich habe viel Blut verloren und wurde direkt ins Krankenhaus gebracht", sagt der 27-Jährige. "Wir verlassen im Moment kaum das Haus. Sie können jederzeit wiederkommen."

Sie, das sind nach Aussagen der Dorfbewohner Separatisten oder Milizen, die vor zwei Monaten die Gegend überfielen. Der junge Bauer sitzt beim Chef des Dorfes. Er spricht leise. Sein Vater zeigt Fotos seiner verprügelten Frau. Die Angst - sie hat Compina erreicht, ein Dorf kurz vor der Grenze zum englischsprachigen Teil des Landes. Die Krise in Kamerun weitet sich aus.

Paul Biya, Präsident der Republik Kamerun, beim EU-Afrika-Gipfel. | Bildquelle: dpa
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Paul Biya, Präsident der Republik Kamerun, und Favorit der morgigen Wahl.

Viele sind auf der Flucht

15.000 Menschen leben hier. 600 sind in den vergangenen Wochen hierher geflohen. Es werden immer mehr. Die Bewohner des Dorfes haben sie in ihre Häuser aufgenommen. Bei Lilian Ezembe und ihrer Familie wohnen 20 junge Fremde. "Sie haben ihre Familien zurückgelassen, ihre Felder", erzählt sie. "Viele Häuser sind verbrannt worden. Sie müssen ihr Leben ganz von vorne anfangen."

Sie kocht mit einer jungen Frau in grünem T-Shirt das Mittagessen. Auch sie ist aus den englischsprachigen Regionen geflohen. "Überall wurde geschossen, wir konnten nicht bleiben. Es gibt zu viele Probleme", sagt sie. "Viele Menschen sterben dort. Wir hoffen sehr, dass endlich Frieden wird." Mehr erzählt sie nicht, sie hat große Angst. Ihren Namen dürfen wir nicht nennen.

Unterstützer für Präsident Paul Biya. | Bildquelle: AP
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Unterstützer für den Präsidenten: Doch viele lehnen die Wahl ab.

Schwere Kämpfe

Doch der Frieden ist weit entfernt: Separatisten und das kamerunische Militär liefern sich in den beiden englischsprachigen Regionen Südwest und Nordwest schwere Kämpfe, beiden Seiten wird große Brutalität vorgeworfen. Immer wieder tauchen grausame Bilder oder Videos in den sozialen Netzwerken auf.

"Im Moment ist es schwierig in den beiden Regionen zu sagen, wer gerade wen getötet hat, denn die Regierung kontrolliert dort nichts mehr", sagt Maximilienne Ngo Mbe vom Netzwerk REDHAC. "Wenn jemand stirbt, wissen wir nicht, ob es die Separatisten waren oder Leute aus der Armee, die das getan haben."

Der Konflikt begann vor zwei Jahren. Anwälte und Lehrer gingen auf die Straße und protestierten gegen die Benachteiligung der englischen Sprache durch die Regierung. Die Demonstrationen weiteten sich aus. Die Sicherheitskräfte reagierten hart, Hunderte wurden festgenommen.

Staat "Ambazonien" ausgerufen

Das nutzten Separatisten, um für ihre Idee Unterstützer zu finden, und riefen vor einem Jahr symbolisch den Staat "Ambazonien" aus. Der Konflikt verschärfte sich. Mehr als 240.000 Menschen sollen nach einer Schätzung der UN bereits aus den beiden Regionen geflohen sein. Mehr als 400 sind nach Angaben von Amnesty International im vergangenen Jahr gestorben. Ganze Dörfer wurden niedergebrannt.

Favorit Paul Biya

Mitten in dieser Krise wird am Sonntag gewählt. Favorit ist der 85-jährige Präsident Paul Biya. Seit fast 36 Jahren regiert er das Land. Doch in den anglophonen Gebieten wird kaum gewählt werden können, auch wenn die Regierung sagt, die Wahl finde dort statt. Hinzu kommt, dass die Separatisten dazu aufrufen, sie zu blockieren.

Ein Elitesoldat aus Kamerun patrouilliert in einem Dorf im englischsprachigen Teil Kameruns | Bildquelle: REUTERS
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Ein Elitesoldat auf Patrouille: Der Frieden ist weit entfernt.

Keine legitime Wahl?

"Für die Mehrheit der englischsprachigen Bevölkerung wird dies keine legitime Wahl sein. Stattdessen wird es den Konflikt weiter anheizen und das Land tiefer spalten", sagt Hans de Marie Heungoup, Analyst der International Crisis Group. Zu spät, den Konflikt zu lösen, sei es aber nicht.

Die Regierung müsste ihre Fehler und die Benachteiligung der Englischsprachigen öffentlich eingestehen. "Die Regierung müsste Maßnahmen zur Befriedung der Situation ergreifen, zum Beispiel die 1000 englischsprachigen Aktivisten, die seit 2016 in den Gefängnissen sitzen, entlassen. Und dann in einen Dialog über die Struktur des Landes treten", sagt der Analyst.

Hoffnung auf Frieden

In Compina reden sie nicht viel über die Wahl, sondern vor allem über die Krise und die Sicherheit. Auch beim Treffen mit dem Chef des Dorfes.

Er warnt seine Dorfbewohner eindringlich. "Wenn Euch jemand etwas wegnimmt, reagiert nicht mit Gewalt", sagt Bonaventure Ateba. "Hier ist noch Frieden, weil die Bewohner des Dorfes ruhig geblieben sind." Doch das Problem müsse gelöst werden. Endlich Frieden im englischsprachigen Westen, darauf hoffen alle hier.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 05. Oktober 2018 um 12:00 Uhr und um 14:00 Uhr.

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