Zuschauer bei einem Radrennen | dpa

Olympia und Corona Freude und Frust lassen Gefahr steigen

Stand: 25.07.2021 11:39 Uhr

In der Olympia-Stadt Tokio steigen die Infektionszahlen weiter an. Ein Problem: Viele halten sich nicht mehr an die Regeln - Athleten aus Freude über Medaillen, Zuschauer auf den Straßen aus Frust über die Pandemie an sich.

Die Olympischen Spiele drohen nach Ansicht eines Experten indirekt zu einem Anstieg der Corona-Infektionszahlen zu führen. Nicht die Olympia-Teilnehmer seien das Hauptproblem, sagte der Politikprofessor Koichi Nakano von der Sophia University in Tokio der Nachrichtenagentur dpa. Vielmehr sei es der Umstand, dass die Spiele überhaupt stattfinden zu einem Zeitpunkt, da die Bevölkerung über den immer wieder verlängerten Corona-Notstand zunehmend "frustriert" sei.

"Die Leute werden ungeduldig"

"Die Leute werden ungeduldig und hören nicht mehr auf die Regierung", sagte Nakano und führte als Beispiel die Radrennen am Vortag an. Zahlreiche Zuschauer waren am Straßenrand zu sehen, mitunter standen sie in mehreren Reihen an der Strecke.

Am Sonntag meldete Tokio 1763 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden, nach 1128 am Vortag. Damit liegt die Zahl der Neuinfektionen seit sechs Tagen in Folge über 1000 Fällen. Vergangenen Donnerstag lag die Zahl bei 1979 Fällen, so hoch wie seit Januar nicht.

Im Vorfeld der Spiele hatte sich eine Mehrheit der Bevölkerung noch gegen die Spiele ausgesprochen. Doch jetzt, da die Spiele begonnen haben, würden manche denken, "es mache keinen Sinn, zu protestieren. Jetzt könne man die Spiele auch unterstützen", sagte Nakano. "Das ist ein sehr typisch japanisches Denken", so der Politikwissenschaftler.

Hinzu komme, dass praktisch sämtliche Fernsehstationen in Folge des massiven Einflusses der japanischen Werbeagentur Dentsu, die als exklusiver Marketingpartner der Spiele auch die Werbe-Slots vergebe, von den Olympischen Spiele vereinnahmt worden seien. Es sei in ihrem Interesse, die Bürger durch Dauerberieselung für Olympia zu gewinnen. Das dadurch geschürte Interesse an den Spielen führe dazu, dass viele Bürger ungeachtet aller Appelle der Regierung nicht zu Hause blieben, sondern wie bei den Radrennen so nah wie möglich etwas von Olympia mitbekommen wollten.

Hunderte bei Feuerwerk

So hatten sich auch zur Eröffnungsfeier Hunderte dicht gedrängt vor dem Stadion eingefunden und sich das Feuerwerk angeschaut, obwohl sie nicht ins Stadion hinein durften. Nakano befürchtet in den nächsten Tagen einen drastischen Infektionsanstieg. Dass die Zahlen im Moment niedrig seien, läge daran, dass über die Feiertage und das Wochenende kaum getestet worden sei. Mit dem Appell des Staates, zu Hause zu bleiben, sei es wie mit einem starken Raucher, "der seinen Kindern erklärt, sie sollten nicht rauchen".

Regelverstöße bei Feierlichkeiten

Probleme gibt es aber nicht nur außerhalb der Sportstätten, sondern auch innerhalb. Die Organisatoren der Spiele erinnerten nach Umarmungen und Verstößen gegen das Maskengebot bei Olympia-Medaillenzeremonien im Schwimmen an das Einhalten der Corona-Regeln. "Wir bitten und ermahnen jeden, die Regeln zu beachten, wer auch immer man ist", sagte Mark Adams, Sprecher des Internationalen Olympischen Komitees.

Drei Schwimmerinnen umarmen sich ohne Masken. | dpa

Die Staffel aus Australien jubelt über Gold. Bild: dpa

Nach der 4 x 100-Meter-Freistilstaffel der Frauen hatten die Teams aus Australien, Kanada und den USA auf dem Podium keine Maske getragen und wurden bei Umarmungen gesehen. Ähnliche Szenen gab es bei der Siegerehrung nach den 400 Meter Lagen der Männer. "Es ist keine freundliche Bitte, sondern eine Verpflichtung, sowohl für den Sport wie auch für alle Beteiligten", sagte IOC-Sprecher Adams.

Alle im Olympia-Umfeld seien gebeten, sich an die sogenannten Playbooks zu halten, die umfassenden Handbücher für die Corona-Regeln bei den Sommerspielen in Japan. "Wir verstehen die freudige Aufregung und fühlen mit den Athleten, aber leider mussten wir die Regeln strenger machen. Diese Botschaft wird immer wieder bekräftigt, nicht nur an die Athleten", betonte Adams.

132 Positivfälle im Umfeld der Spiele

Die Zahl der positiven Tests bei den Spielen stieg seit Beginn der Erfassung am 1. Juli derweil auf 132. Bei den Athleten bestätigten die Organisatoren zwei weitere Fälle, insgesamt gab es zuletzt zehn weitere positive Tests im Umfeld von Olympia.

Einer der betroffenen Athleten ist der Mitteilung zufolge ein niederländischer Ruderer. Das Oranje-Team hatte bereits am Samstag den Corona-Fall des 21 Jahre alten Finn Florijn bestätigt. Im deutschen Team hatte es am Eröffnungstag durch Radsportler Simon Geschke den ersten Corona-Infizierten gegeben.

Geschke kritisiert Quarantäne-Bedingungen

Geschke ist derzeit in Tokio in einem Hotel in Quarantäne. Maximal zehn Tage muss der Berliner dort verbringen. Das Startverbot hatte ihn einen Tag vor dem Olympia-Rennen über 234 Kilometer am Samstag ereilt. Die Bedingungen der Quarantäne kritisierte er in Tweets als Qual.

Deutschlands Chef de Mission Dirk Schimmelpfennig sieht allerdings insgesamt keinen Grund für eine allgemeine Verunsicherung. "Ich habe bei den Athleten keine gesteigerte Angst nach diesem Vorfall wahrgenommen", sagte er. "Alle im Team D" seien erleichtert, dass der Fall außerhalb des Olympischen Dorfes in einer kleinen Gruppe passiert sei.

"Wir haben es wahrgenommen, aber wir beschäftigen uns damit nicht", sagte Triathlon-Sportdirektor Jörg Bügner. "Sicher ist das für die Radsportler schwer. Alles andere wäre schöngeredet", sagte DOSB-Präsident Alfons Hörmann. Unter dem Strich sei es für das Team "keine Belastung, sondern eine Bestätigung des Pandemie-Managements". Es werde aber notwendig sein, dass man sich "bis zum letzten Tag der Gefahren" bewusst bleibe.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. Juli 2021 um 15:00 Uhr.