Hagia Sophia | AFP

Erstes Freitagsgebet Die "Rückeroberung" der Hagia Sophia

Stand: 24.07.2020 18:17 Uhr

In kürzester Zeit wurde die Hagia Sophia in Istanbul - einst Kirche, dann Moschee, dann Museum - wieder zum islamischen Gotteshaus gemacht. Nun wurde zum ersten Mal wieder gebetet - und an martialischen Gesten nicht gespart.

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Es war ein Tag der Gesten und Symbole in Istanbuls Altstadtviertel Sultanahmet: Als um genau 13:16 Uhr der Gebetsruf von allen vier Minaretten der Hagia Sophia ertönte, ging für viele Muslime ein Traum in Erfüllung. 350.000 Gläubige waren für diesen Moment gekommen, auch weit aus dem Osten der Türkei: "Wir sind aus Adiyaman für die Eröffnung der Hagia Sophia gekommen. Das war immer unser Wunsch, dass die Hagia Sophia als Moschee geöffnet wird. Denn Fatih Sultan Mehmet hat sie uns anvertraut. Gott sei Dank ist sie nun geöffnet", sagt ein Gläubiger.

Christian Buttkereit ARD-Studio Istanbul

Tag und Nacht wurde in den vergangenen beiden Wochen gearbeitet, um aus dem Museum, das die Hagia Sophia 85 Jahre lang war, eine Moschee zu machen. 4000 Quadratmeter Teppich wurden verlegt und ein Gardinensystem installiert, um die christlichen Symbole in der ursprünglichen byzantinischen Kathedrale während des islamischen Gebetes zu verstecken.

Gläubige besuchen die Hagia Sophia | AFP

Gläubige in der Hagia Sophia: Das Gebäude wurde im Rekordttempo in eine Moschee umgewandelt. Bild: AFP

Deshalb hieß es auch "Vorhang zu!", als der Chef der türkischen Religionsbehörde, Ali Erbas, zu seiner Freitagspredigt ansetzte: "Heute ist gleichzeitig ein Tag der Ehre und Bescheidenheit. Endloser Dank gebührt Allah dem Allmächtigen, der uns diesen ehrenvollen Tag ermöglicht hat, uns in Moscheen zu treffen, den heiligsten Orten auf Erden, und hier in der Hagia Sophia vor ihn treten zu dürfen." Und dann fügte er ein Zitat hinzu, das dem Propheten Mohammed zugeschrieben wird: "Eines Tages wird Konstantinopel erobert werden. Gesegnet ist der Herrscher, dem dies gelingt."

Geschichte der Hagia Sophia

Ab 532 nach Christus beginnt der Bau der Hagia Sophia in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, damals Hauptstadt des byzantinischen Reiches. Der Bau dauert nur sechs Jahre.

1204 wird die Hagia Sophia von Venezianern und Kreuzfahrern geplündert.

1453 wird Konstantinopel schließlich durch die Osmanen erobert. Der damalige Machthaber Mehmet II. wandelt die Kirche in eine Moschee um. Bis zum 16. Jahrhundert werden an dem Bau mehrere Minarette ergänzt, von denen bis heute vier zu sehen sind.

1934 erfolgt die Säkularisierung des Gebäudes auf Betreiben des türkischen Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk. Im Jahr darauf öffnet die Hagia Sophia als Museum.

1985 erklärt die UNESCO den Bau zum Weltkulturerbe.

Am 10. Juli 2020 annulliert das Oberste Verwaltungsgericht in Ankara den Status der Hagia Sophia als Museum. Präsident Recep Tayyip Erdogan ordnet daraufhin die Öffnung des Gebäudes zum islamischen Gebet an. Mit dem muslimischen Freitagsgebet am 24. Juli 2020 wird die Hagia Sophia offiziell als Moschee eröffnet.

"Rückeroberung" der Hagia Sophia?

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan lauschte diesen Worten andächtig, obwohl heute viele von der zweiten Eroberung Istanbuls sprachen - und damit auch klarmachten, wer dieser Eroberer sei. Es war Erbas, der Chef der Religionsbehörde, der die Gebetskanzel fast wie ein Eroberer bestiegen hatte: Mit einem Schwert in der Hand. Eine islamische Geste, bei der es darauf ankommt, in welcher Hand das Schwert getragen wird: Wer es rechts trägt, offenbart seine Absicht, es zu benutzen und zielt darauf ab, den Feind einzuschüchtern. Erbas trug es rechts.  

Anleihen bei der osmanischen Vergangenheit machte auch eine junge Besucherin aus Deutschland: "Es erinnert mich an die Eroberung von Konstantinopel vor 567 Jahren. Auch da wurde ja mit dem ersten Freitagsgebet die Hagia Sophia zu einer Moschee. Und mit dieser Umwandlung hat man wieder die Eroberung."

Ali Erbas und Recep Tayyip Erdogan | AFP

"Eroberer"? Chefkleriker Ali Erbas neben dem türkischen Präsidenten. Bild: AFP

Protestgeläut in Kirchen - aber nur im Ausland

Kritik war rund um die Hagia Sophia nicht zu hören. Sie kam vor allem aus dem Ausland. In Griechenland und auf Zypern läuteten aus Protest die Glocken vieler Kirchen. Das Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Kirche, Erzbischof Hieronymus, bezeichnete die Umwandlung als Akt der Schändung.

Die laizistische türkische Opposition verhielt sich auffällig still. Orhan Pamuk, türkischer Literaturnobelpreisträger und bekennender Anhänger von Staatsgründer Atatürk, erklärte das gegenüber der Deutschen Welle so: "Weil sie denken, dass diese Entscheidung sehr populär ist. Und leider ist es ja auch so. Sie wurde freudig aufgenommen von der türkischen Bevölkerung. Und das Schicksal der Hagia Sophia sollte auch in den Händen der türkischen Bevölkerung liegen. Aber ich bin auch ein Bürger dieses Staates. Ich bin säkular und dagegen."

Recip Hagia Sophia | AFP

Feiert seinen Erfolg: Präsident Erdogan beim ersten Freitagsgebet in der umgewandelten Hagia Sophia. Bild: AFP

Erdogan lässt sich feiern

Doch auch Menschen, die keiner oder einer anderen Religion angehören, sollen die Hagia Sophia weiterhin besuchen können - nur eben außerhalb der Gebetszeiten.

Ob die Moschee zu den Gebetszeiten voll werden wird, obwohl es so viele Moscheen in Istanbul gibt? Der 20-jährige Student Mehmet, der sich dieses Freitagsgebet wegen Überfüllung der Hagia Sophia auf einer Großbildleinwand ansehen musste, weil drinnen kein Platz mehr war, hat daran keinen Zweifel: "Ich werde natürlich zurückkommen. Früher im Museum war ich auch, aber jetzt kann ich ohne Ticket rein. Jetzt werden wir hier unsere Gebete verrichten. Das ist nicht irgendeine Moschee, die leer bleiben wird." 

Auch Staatspräsident Erdogan dürfte hier öfter zum Gebet kommen. Er konnte sich heute feiern lassen als derjenige, der die Hagia Sophia zum zweiten Mal in der Geschichte zu einer Moschee gemacht hat. Das Läuten der griechischen Glocken war in Istanbul nicht zu hören.

Über dieses Thema berichtete am 24. Juli 2020 tagesschau24 um 18:00 Uhr und MDR Aktuell im Hörfunk um 18:47 Uhr.