Eine Schaufensterpuppe mit Warnweste steht an einer Straße in Bangalore | Bildquelle: Reuters

Verkehr in Indien Vogelscheuchen gegen Verkehrssünder

Stand: 15.12.2019 07:30 Uhr

Indien gehört zu den Ländern mit den meisten Verkehrstoten - aber auch zu den ärmsten Ländern. Deshalb zieht Bangalore nun Schaufensterpuppen Polizeiuniformen an und postiert sie an Kreuzungen.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Im dichten Straßenverkehr der südindischen Großstadt Bangalore stehen seit einiger Zeit Schaufensterpuppen in Polizeiuniformen an wichtigen Straßenkreuzungen. Die vorbeifahrenden Autofahrer zucken kurz zusammen, wenn sie die uniformierten Gestalten aus dem Augenwinkel erblickt haben - und greifen schnell nach dem Sicherheitsgurt, der trotz hoher Strafen nur von wenigen bei Fahrtantritt ganz selbstverständlich angelegt wird.

Erziehungsmaßnahme für Verkehrssünder

Die Aktion, die die Verkehrspolizei der Millionenmetropole gestartet hat, ist als Erziehungsmaßnahme gedacht für Verkehrsteilnehmer, die die Verkehrsregeln und Geschwindigkeitsbegrenzungen einfach nicht einhalten wollen. Polizeichef B.R. Ravikanthe sagte der indischen Nachrichtenagentur ANI, andernfalls könne man nie Ordnung in das typische Verkehrschaos indischer Städte bringen.

"Wenn sie die falschen Polizisten aus der Entfernung sehen, dann halten sich die Autofahrer sofort an die Regeln. Erst wenn sie näher kommen, sehen sie, dass das Schaufensterpuppen sind. Und dann denken sie am nächsten Tag, sie können wieder schneller fahren oder andere Verkehrsregeln brechen - aber dann stehen an der Stelle echte Polizisten. Denn wir rotieren die Standorte der Puppen mit richtigen Kontrollposten. Damit kriegen wir die Verkehrssünder."

Bewohner glauben nicht an Wirkung

Viele Verkehrsteilnehmer finden die Aktion eher zum Lachen. Auf solche Tricks falle doch niemand rein, so Abishek Kumar, ein Einwohner von Bangalore. "Das klappt vielleicht beim ersten Mal, dann halten sich alle an die Regeln, aber dann?" Vielleicht gebe es vorübergehend weniger Verkehrsverstöße, meinte Sanjay, ein anderer Bangalori. Langfristig bringe das wohl eher nichts. "Wenn die Leute erst mal wissen, dass das Schaufensterpuppen sind, die an den Kreuzungen stehen, dann fangen sie doch sofort wieder damit an, so zu fahren wie immer."

Strafen verschärft

Dabei sind die Strafen für Verstöße gegen die Verkehrsordnung erst im Juli dieses Jahres drastisch verschärft worden. Manche Strafen, etwa für das Fahren ohne Sicherheitsgurt oder Motorradhelm, wurden mehr als verdoppelt auf 1000 Rupien - umgerechnet knapp zwölf Euro. Doch das ist für die meisten Inder viel Geld. Gefährliches Fahren kostet sogar 5000 Rupien und wer Notarztwagen nicht den Weg frei macht, kann mit einer Geldstrafe von bis zu 10.000 Rupien, umgerechnet 120 Euro, zur Kasse gebeten werden. Fahren unter Alkoholeinfluss bedeutet unter Umständen sogar Gefängnis.

Und die indischen Verkehrspolizisten sind gefürchtet. Nicht nur wegen der hohen Strafen, sondern auch wegen der weit verbreiteten Korruption. Die meisten Polizisten, so heißt es, kassierten regelmäßig in die eigene Tasche. Wenn sich ein Autofahrer nicht darauf einlasse, so die weit verbreitete Meinung unter den Autofahrern, dann finden die Polizisten immer etwas, was nicht in Ordnung sei, etwa ein nicht funktionierendes Rücklicht.

Bangalore in Indien nutzt Schaufensterpuppen als Verkehrspolizisten
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
14.12.2019 21:43 Uhr

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Über dieses Thema berichtete HR-Info am 12. Dezember 2019 um 15:34 Uhr.

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