Fläschchen mit dem Impfstoff von AstraZeneca | REUTERS

Streit über Impfstoff EU besteht auf zugesagte Lieferungen

Stand: 25.01.2021 18:05 Uhr

AstraZeneca liefert deutlich weniger Impfstoff an die EU als geplant. Dabei ist die EU finanziell in Vorleistung gegangen. Nun macht die Kommission Druck - auch mit einer konkreten Drohung.

Von Helga Schmidt, ARD-Studio Brüssel

Vor den offiziellen Gesprächen mit AstraZeneca am Mittag telefonierte EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen persönlich mit dem Chef des Pharmaherstellers. Und dabei muss sie sehr deutlich geworden sein - das jedenfalls berichtete ihr Sprecher Eric Mamer nach dem Telefonat. Von der Leyen habe klar gemacht, "dass sie von AstraZeneca genau die Lieferungen erwartet, die vertraglich festgelegt wurden".

Helga Schmidt ARD-Studio Brüssel

Von der Leyen, so Mamer weiter, habe den AstraZeneca-Chef Pascal Soriot auch daran erinnert, mit wie viel Geld die EU schon in Vorleistung gegangen ist: Beträchtliche Summen habe die EU im Voraus an AstraZeneca bezahlt, um die Produktion schon vor der offiziellen Zulassung der EU-Arzneimittelbehörde EMA anzuwerfen.

Millionen wurden investiert

Bei der beträchtlichen Summe handelt es sich nach Kommissionsangaben um eine hohe dreistellige Millionensumme. Das Verfahren war im Sommer üblich. Die Produktion sollte bereits parallel zu den Genehmigungsverfahren anlaufen, damit nach der Genehmigung so schnell wie möglich geliefert werden könnte.

Gleichzeitig hatte AstraZeneca-Chef Soriot mehrfach betont, sein Unternehmen sei bereit, den Impfstoff praktisch ohne größere Gewinne bereitzustellen. Man wollte im Wesentlichen die Produktionskosten bezahlt bekommen.

Seit Freitag steht das Unternehmen in Brüssel in einem ganz anderen Licht - seit der Ankündigung, weniger als die Hälfte der vertraglich vereinbarten Dosen liefern zu können. Probleme mit Zulieferern, nennt AstraZeneca als Grund. Aber daran gibt es in Brüssel einige Zweifel. Auch, weil der britisch-schwedische Konzern Lieferungen an andere Länder einhält, zum Beispiel nach Großbritannien, wie der Europaabgeordnete Peter Liese berichtet.

Hat AstraZeneca "den Ernst der Lage" verstanden?

In der ersten Gesprächsrunde zwischen AstraZeneca, Vertretern der EU-Kommission und den Mitgliedsländern gab es dem Vernehmen nach keine Fortschritte. Man hat die Positionen ausgetauscht. Es sei jedoch nicht sicher, ob AstraZeneca den Ernst der Lage verstanden hat, hieß es aus der Kommission. Am Abend soll eine zweite Gesprächsrunde folgen.

"Natürlich können bei der Produktion Probleme auftauchen", gestand Kommissionssprecher Mamer zu. Aber da müsse das Unternehmen Lösungen finden und alles in Bewegung setzen, um den Impfstoff zu liefern.

Vor AstraZeneca hatten bereits die Firmen Pfizer/BionTech angekündigt, weniger zu liefern als vereinbart. Deshalb schlägt die EU-Kommission vor, dass in Zukunft alle Exporte von Corona-Impfstoffen aus der Europäischen Union in Drittstaaten vor der Ausfuhr genehmigt werden müssen.

Nur mit einem solchen Transparenzregister ließe sich nachvollziehen, so heißt es in Brüssel, welche Hersteller welche Mengen Impfstoff an Drittstaaten liefern - und dann möglicherweise nicht mehr in der Lage sind, die mit der EU geschlossenen Verträge einzuhalten.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 25. Januar 2021 um 16:58 Uhr.