Die Hagia Sophia in Istanbul. | AP

Hagia Sophia wird Moschee Kritik an Erdogans Entscheidung

Stand: 11.07.2020 03:58 Uhr

Sie war Kirche, Moschee, schließlich Museum: Jetzt soll die Hagia Sophia wieder eine Moschee werden. An der Entscheidung des Obersten Verwaltungsgericht der Türkei gab es - vor allem aus dem Ausland - viel Kritik.

Nach 85 Jahren als Museum wird die Hagia Sophia in Istanbul wieder eine Moschee. Präsident Recep Tayyip Erdogan ordnete an, das Gebäude aus dem 6. Jahrhundert in ein muslimisches Gotteshaus umzuwandeln. Kurz zuvor hatte das Oberste Verwaltungsgericht in der Türkei den Weg dafür frei gemacht. Es annullierte eine Entscheidung des türkischen Ministerrats aus dem Jahr 1934, mit der das Gebäude damals zu einem Museum geworden war.

Dutzende gläubige Muslime quittierten das Urteil vor der Hagia Sophia mit Jubel und riefen "Allah ist groß". Orthodoxe Christen reagierten enttäuscht und empört. Die Entscheidung droht die Beziehungen zu Griechenland zu verschlechtern. Dessen Kulturministerin Lina Mendoni kritisierte sie als "offene Herausforderung der gesamten zivilisierten Welt, die den einzigartigen Wert und die Universalität des Monuments anerkennt". Der zyprische Außenminister Nikos Christodoulides erklärte bei Twitter, sein Land verurteile den Schritt aufs Schärfste und rufe "die Türkei auf, ihre internationalen Verpflichtungen zu achten".

Erdogan verteidigt Entscheidung in Fernsehansprache

Wladimir Dschabarow, der stellvertretende Vorsitzende des auswärtigen Ausschusses des russischen Oberhauses, bezeichnete den Schritt als "Fehler". Er sagte: "Es bringt Nationen nicht zusammen, sondern bringt sie im Gegenteil zur Kollision." Patriarch Kirill, Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, erklärte: "Russland ist ein Land, dessen Bevölkerung sich in der Mehrheit zur Orthodoxie bekennt, somit wird, was der Hagia Sophia widerfahren könnte, dem russischen Volk großen Schmerz zufügen."

Doch Erdogan schuf unmittelbar nach der Gerichtsentscheidung Fakten. Er übergab per Dekret die Hagia Sophia an die Religionsbehörde. In einer Fernsehansprache sagte Erdogan, die ersten Gebete in der Hagia Sophia würden am 24. Juli abgehalten. Er rief zu Respekt für die Entscheidung auf.

Unesco bedauert Entscheidung

Erdogan, ein Muslim, wollte das Argument nicht hinnehmen, dass das Gebäude künftig nicht mehr unterschiedliche Religionen vereine. "Wie alle unsere anderen Moscheen, werden die Türen der Hagia Sophia für alle offen sein, Einheimische oder Ausländer, Muslime und Nicht-Muslime", sagte er. Nationalistische und religiöse Gruppen unter Federführung der Regierungspartei AKP betrachten das Wahrzeichen Istanbuls schon lange als Vermächtnis des islamisch-osmanischen Reiches und forderten die Umwandlung.

Säkulare sehen in der Hagia Sophia, die auch zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, wiederum ein Symbol muslimischer und christlicher Solidarität, das es als Museum zu erhalten gelte. Die Unesco teilte mit, sie bedauere die Entscheidung zutiefst.

Auch Frankreich hat die angekündigte Umwandlung kritisiert. Paris bedauere die Entscheidung der türkischen Regierung, den Status der Hagia Sophia zu ändern, erklärte der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian. Die Integrität dieses "religiösen, architektonischen und historischen Juwels und Symbols der Religionsfreiheit, Toleranz und Vielfalt" müsse erhalten bleiben. 

Religiöse Gruppe bekommt vor Gericht recht

Die Hagia Sophia galt als größte und bedeutendste Kathedrale des Byzantinischen Reiches, ehe sie nach der Eroberung Konstantinopels (heute Istanbul) durch die Osmanen im Jahr 1453 unter Sultan Mehmet II. zur Moschee wurde. Als äußeres Zeichen ließ er dem Gotteshaus vier Minarette hinzufügen. Der türkische Republikgründer Kemal Atatürk, der damals eine säkular orientierte Türkei erschaffen wollte, betrieb die Umwandlung der Moschee in ein Museum. 1935, ein Jahr nach der Entscheidung des Ministerrats, wurde es eröffnet.

Die religiöse Gruppe, die von dem Gericht die Statusänderung verlangt hatte, hatte die Legalität der Entscheidung der damaligen Regierung Atatürks angezweifelt. Sie hatte argumentiert, dass das Gebäude nach der Eroberung Konstantinopels in den persönlichen Besitz von Mehmet II. übergegangen sei. Das Gericht gab dieser Darstellung recht und urteilte, dass die Hagia Sophia einer Stiftung gehörte, die das Vermögen des Sultans verwaltete, und dass sie damals der Öffentlichkeit als Moschee zugänglich gemacht worden sei.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. Juli 2020 um 20:00 Uhr.