Emmanuel Macron | dpa

Regionalwahlen in Frankreich "Die Parteien sagen den Franzosen nichts mehr"

Stand: 21.06.2021 14:40 Uhr

Die Regionalwahlen in Frankreich haben für Überraschungen gesorgt: Die Wahlbeteiligung fiel historisch niedrig aus, das Ergebnis ist für Macron und Le Pen eine Schlappe. Erklären müssen sich nun auch die Meinungsforscher.

Von Stefanie Markert, ARD-Studio Paris

87 Prozent der unter 25-Jährigen waren nicht wählen - ein historischer Negativrekord. Im französischen Fernsehen erzählen einige der jungen Menschen, warum sie ihre Stimme bei den Regionalwahlen nicht abgegeben haben: "Wir haben darüber wenig gehört und uns nicht drum gekümmert, uns zu informieren." - "Ich habe nicht gewählt. Uns junge Leute betreffen doch die Kommunalwahlen nicht. Ach, es waren Regionalwahlen, das wusste ich nicht." - "Nein, ich war nicht wählen, aber ich gehe morgen. Aber dann ist zu", sagt eine junge Frau dem Reporter - und die Kumpel lachen.

Stefanie Markert ARD-Studio Paris

Politik-Kommentator Christophe Barbier nennt im Nachrichtensender BFM TV Gründe für die niedrige Wahlbeteiligung: "Gestern war in Frankreich Vatertag, es gab Angst, sich mit Covid anzustecken, dann die Fußball-EM, die Hochstimmung durch die Corona-Lockerungen. Da haben viele gedacht, diesmal pfeifen wir drauf."

Aber was steckt noch dahinter? Die Territorialreform von 2016, die in Frankreich (ohne Überseegebiete) 13 große Regionen geschaffen hat, zahlt sich nicht aus. "Mein Leben, mein Wohlstand hängen von der Region ab - das greift nicht. Aber auch die repräsentative Demokratie ist weiter in der Krise, wie bei der Gelbwesten-Bewegung", sagt Barbier. "Die Parteien sagen den Franzosen absolut nichts mehr. Sie könnten ihre Meinung nicht an die Urne, sondern wieder auf die Straße tragen. Macrons Bewegung hat im Land keine Wurzeln geschlagen und wurde weggefegt wie Seerosen auf einem Teich. Und der Rassemblement National, der sagen kann: 'Ihr seid wütend, dann wählt uns!', sieht nun, dass ihm das Protestwähler-Potenzial durch die Finger gleitet wie Sand." 

Macrons Partei nur auf Platz fünf

Deshalb rief die aussichtsreichste Gegenkandidatin bei den Präsidentschaftswahlen nächstes Jahr, RN-Chefin Marine Le Pen, genau wie der Chef ihrer Jugendorganisation, Jordan Bardella alle zur Verantwortung auf und zum Wählen: "Votez, votez, votez!"

War das nun ein Stimmungstest für die Präsidentenwahl? Macrons Partei ist nur auf Platz fünf gelandet, noch hinter Sozialisten und Grünen. Doch seine eigenen Popularitätswerte sind kurz nach den Corona-Lockerungen im Aufwind, bei Jung und Alt. Ein knappes Jahr vor den Präsidentenwahlen liegt Macron bei rund 40 Prozent Zustimmung. Zum gleichen Zeitpunkt lag sein Vorgänger, Sozialist Hollande bei gerade einmal 14 Prozent. Doch kommenden Sonntag steht erstmal die zweite Runde der Regionalwahlen an - wer die Zehn-Prozent-Hürde genommen hat, darf mitmachen.

Besonders spannend ist die Lage in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur. Hier liegt ein extrem Rechter vorn, wenig dahinter ein Konservativer. Ein Grüner ist Dritter. Der will im Rennen bleiben, doch sein Parteichef Julien Bayou hat ihn feierlich zum Rückzug aufgerufen: "Denn wir wollen eine Barriere gegen den RN bilden. Das Risiko, dass der Rassemblement gewinnt, ist zu groß. Und der ist eine Bedrohung für die Demokratie. Wenn unser Kandidat sich nicht zurückzieht, wird er aus der Partei ausgeschlossen."

Prognosen lagen falsch bei den Rechten

Meinungsforscher Stéphane Zumsteeg muss am Tag danach eingestehen, dass sich sein IPSOS-Institut verrechnet hat bei den Rechten. Er versucht zu erklären und er warnt: "Ein Element haben wir nicht gesehen und das erklärt das schlechte RN-Ergebnis: Es waren genau ihre Wählerkategorien, die am wenigsten abgestimmt haben - die Jugend, die Arbeiter. Vergleicht man mit den letzten Präsidentenwahlen, so ist diesmal kaum ein Viertel ihrer Wähler zur Urne gegangen. Es wäre ein politischer Fehler zu denken, sie hätten generell ein Wählerproblem." Frankreich steht somit eine spannende politische Woche bevor.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Juni 2021 um 05:17 Uhr.