Eine Boing 737-800 der Tui-Fly steht in Castellon (Spanien) auf dem Flughafen | Bildquelle: picture alliance / dpa

Spanien Das Land der Geisterflughäfen

Stand: 15.01.2019 09:54 Uhr

Spanien hat große Flughäfen, aber auch ganz kleine - und davon nicht wenige. Etliche davon werden kaum genutzt und sind teuer. Trotzdem fließt weiter Geld.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Willkommen in Lleida, einer 140.000-Einwohner-Stadt mit eigenem internationalem Flughafen. Gerade ist eine Regionalmaschine aus Palma de Mallorca gelandet. Etwas Besonderes: Zurzeit hat der katalanische Airport nämlich nur diese eine regelmäßige Linienverbindung zu bieten: freitags und sonntags jeweils ein Mal. Dazu kommt jetzt im Winter eine Handvoll Charterflüge aus Großbritannien und Schweden - und zwar für Touristen, die in den nahegelegenen Pyrenäen Skifahren wollen.

Nur ein Zehntel der geplanten Passagiere

Isidre Gavin im Interview mit Oliver Neuroth | Bildquelle: Oliver Neuroth
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Der Flughafen Lleida-Alguaire ist seit Jahren ein Zuschussgeschäft, sagt Isidre Gavin im Gespräch mit Oliver Neuroth.

Der Flughafen Lleida-Alguaire ist seit 2010 in Betrieb. Die katalanische Regionalregierung rechnete damals mit rund 400.000 Passagieren pro Jahr. Doch dieses Ziel wurde nie erreicht. Im vergangenen Jahr fertigte der Flughafen etwa 40.000 Gäste ab, ein Zehntel der anvisierten Zahl.

Der Flughafen verdient bis heute kein Geld, er ist seit neun Jahren ein Zuschussgeschäft, gesteht Isidre Gavin. Er ist Beauftragter für Infrastruktur bei der Regionalregierung Kataloniens. Ihr gehört die Betriebsgesellschaft des Flughafens. "Der Fehler war ein strategischer. Es war falsch zu denken, dass ein Flughafen in einem Gebiet, in dem relativ wenige Menschen leben und es auch nicht besonders viel Tourismus gibt, als klassischer Passagierflughafen funktionieren kann", sagt Gavin.

Für Regionalpolitiker Prestigeprojekte

Dasselbe Problem haben die Flughäfen Burgos, Leon, Logroño, Valladolid oder Castellón - um nur einige zu nennen. Die Airports entstanden in den Zeiten des Baubooms in Spanien vor gut zehn Jahren - auch dank Subventionen der Europäischen Union. 

Das Abfertigungsgebäude des Flughafens in Castellon | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Wenig los am Abfertigungsgebäude des Flughafens Castellón.

Auch wenn sich die Anlagen bis heute nicht lohnen, für Regionalpolitiker seien es Prestigeprojekte, die sie keinesfalls aufgeben wollten, sagt Luftfahrt-Journalist José Ramón Valero. "Politiker hatten ihren Wählern versprochen, dass sie aus ihrer Region überall hin fliegen können. Dass ein internationaler Flughafen in ihrer Provinz entsteht. Ohne darüber nachzudenken, dass der Betrieb solcher Anlagen sehr teuer ist und sie nie rentabel sein werden."

Das nächste Flughafen wird gestartet

Die meisten Geisterflughäfen werden von der Firma AENA am Leben gehalten. Ein Interview dazu lehnt das staatliche Unternehmen ab. Das spanische Infrastrukturministerium reagierte nicht auf unsere mehrfachen Anfragen. Stattdessen trommeln beide lieber für das nächste Flughafen-Projekt, das nun gestartet wird: der neuen Flughafen Murcia-Corvera.

Experte Valero spricht vom jüngsten Beispiel für Verschwendung in diesem Bereich. Denn Murcia hat schon einen Flughafen und zwar einen militärischen mit Passagierterminal. Das Verkehrsaufkommen dort war bisher nicht so groß, dass eine neue Anlage nötig geworden wäre. Und: Murcia liegt nur 40 Autominuten vom Großflughafen Alicante entfernt.

José Ramon Valero | Bildquelle: Oliver Neuroth
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Die Flughäfen sind für Regionalpolitiker Prestigeprojekte, sagt Luftfahrtexperte Valero.

Murcia dürfte also ein weiteres Kapitel in der Geschichte von Spaniens unnützen Flughäfen werden. Aber immerhin: An einem anderen nicht unumstrittenen Infrastrukturprojekt ist die südspanische Region bisher nicht beteiligt - am riesigem Netz von Eisenbahn-Hochgeschwindigkeitstrassen. Es umfasst aktuell mehr als 3000 Kilometer und ist das damit nach dem chinesischen das längste der Welt. Die meisten Strecken entstanden ebenfalls in der spanischen Bauboom-Phase, in Krisenzeiten wurden etliche kaum genutzt.

"Hier will man alles"

Das Gleiche gilt für das endlose spanische Autobahnnetz: Es umfasst mehr als 15.000 Kilometer, ist das längste in Europa. Vor allem konservative Regierungen der vergangenen Jahre trieben den Bau von Schnellzugstrecken und Autobahnen voran, Oppositionspolitiker warfen ihr vor, dafür Statistiken geschönt zu haben, um den Bedarf zu rechtfertigen. Wirtschaftswissenschaftler Germà Bel von der Universität Barcelona sagt: "In den meisten Ländern wollen die Menschen gut von einem Ort zum anderen kommen - über das Land, das Meer oder auf dem Luftweg. Hier will man alles: Land, Meer und Luft. Was für ein Größenwahn!"

Umdenken könnte zum nächsten Problem führen

Doch immerhin beginnt bei den Flughäfen gerade ein Umdenken: Die Verantwortlichen einiger Infrastrukturruinen sehen ein, dass es so nicht weitergehen kann - zum Beispiel die Betriebsgesellschaft des Flughafens Lleida in Katalonien. Sie hat Flugschulen angeworben und Firmen, die mit der Instandhaltung von Flugzeugen Geld verdienen wollen.

Ähnliches planen andere Airportbetreiber im Land. Und das könnte zum nächsten Problem führen: einem Überangebot in diesem Bereich. Und Spanien wäre mittendrin in der nächsten Flughafen-Krise.

Das Land der Geisterflughäfen: Spaniens unnötige Infrastruktur
Oliver Neuroth, ARD Madrid
15.01.2019 08:59 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 16. Januar 2019 um 18:30 Uhr in der Sendung "Weltzeit".

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