Flüchtlinge, die im Mittelmeer gerettet wurden, in einem Lager im libyschen Misrata, Bild vom 15.04.2015

Lage in Libyen Leichtes Spiel für Menschenhändler

Stand: 21.04.2015 09:02 Uhr

Von Libyen aus starten viele Flüchtlinge die Überfahrt nach Europa. In dem Land tobt ein Machtkampf zwischen Islamisten und nationalistischen Kräften. Staatliche Strukturen verschwinden zunehmend. Ideale Bedingungen für Menschenhändler.

Von Karin Senz, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Die Flüchtlingssaison am Mittelmeer hat erst begonnen. Ab März, April wird die See ruhiger. Dann kommen die Flüchtlinge. Omar el Qoles von der libyschen Küstenwache in Misrata weiß, was das für seine Arbeit bedeutet: "ln einem Monat findest Du vielleicht zehn Leichen, im nächsten keine, dann wieder zwei. Es sind Jugendliche, Kinder und auch Frauen dabei. Neulich haben wir ein Boot mit 90 Flüchtlingen entdeckt. Wir haben sie gerettet und die zuständigen Behörden informiert. Die Leute kommen dann in ein Auffanglager, bevor sie in ihre Heimatländer zurückgeschickt werden."

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Schmuggler-Routen aus Gaddafi-Zeiten

Acht Boote haben Omar und seine Kollegen, um eine Küste von rund 1000 Kilometern zu kontrollieren. Und das ist nur der Abschnitt, der der islamistisch beeinflussten Regierung in der Hauptstadt Tripolis untersteht. Es gibt noch eine zweite Regierung ganz im Osten des Landes, die der Westen anerkennt. Sie dürfte auch nicht besser ausgestattet sein. Denn in Libyen herrscht Bürgerkrieg.

Seit dem Sturz von Machthaber Gaddafi zerfällt das Land und bietet ideale Bedingungen für Menschenhändler. Die nutzen Strukturen, die es schon zu Gaddafis Zeiten gab. Damals schmuggelten sie allerdings vor allem Waffen und Drogen über die Grenzen Libyens. Den Menschenhandel haben sie sozusagen dazu genommen. Auch die Einwanderungsbehörde in Misrata kann ihnen nicht viel mehr entgegensetzen, erzählt Muftah el Bagaar: "Die Leute kommen nicht mit Arbeitsvisa ins Land. Dann hätten sie ja einen Einreise-Stempel im Pass. Sie reisen illegal ein, über die Wüste. Das ist organisiertes Verbrechen."

Schnelles Geld mit dem Leid der Menschen

Und damit lässt sich viel Geld machen. Oft warten die Schleuser schon an der Grenze auf die Flüchtlinge und bringen sie dann durch die Wüste an die Küste. In das Schleuser-Geschäft sollen auch Milizen involviert sein. Und Milizen gibt es viele im Bürgerkrieg. Das Geld können sie gut brauchen. Im Schnitt soll eine Überfahrt umgerechnet 1500 Euro kosten, berichten Insider. Bei einem Boot mit 700 Flüchtlingen wäre schnell mehr als eine Million Euro verdient.

Ein Zurück gibt es kaum

Die Nachrichten von ertrunkenen Flüchtlingen erreichen auch die Auffanglager, erzählt Sarah Khan vom UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR: "Auch wenn die Flüchtlinge dann nicht mehr nach Europa wollen - und einige entscheiden sich tatsächlich um: sie haben kaum Möglichkeiten. Es kann ihnen passieren, dass sie einfach in ein Boot gesetzt werden, auch wenn sie das nicht wollen. Denn es gibt kaum einen Weg zurück. Da gibt es keine Netzwerke, die sie den ganzen Weg wieder nach Hause bringen."

Die meisten der Flüchtlinge - bis zu einer Million sollen aktuell in Libyen warten - wollen nach Europa und zwar um jeden Preis. "Wir können den Leuten nicht sagen, steigt nicht in die Boote, weil sie keine Alternativen haben. Aber wir können ihnen sagen: seid vorsichtig. Und wir könnten ihnen Tipps geben, wie man eine gefährliche Überfahrt überlebt", so Sarah Khan vom UNHCR. Das Hilfswerk will die Menschen künftig besser darauf vorbereiten, damit nicht wieder ein Boot kentert, weil alle Flüchtlinge auf eine Seite laufen.

Zur Flüchtlingsproblematik sendet das Erste heute Abend um 22.45 Uhr einen "Weltspiegel extra" mit dem Thema "Massengrab Mittelmeer".

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

Avatar
fathaland slim 21.04.2015 • 17:17 Uhr

16:55, joribo

"Weil es nicht das Ziel des Westens/der USA ist, irgendwo Krieg zu führen und eine stabile Demokratie zu etablieren. Sondern um ein Land in den Bürgerkrieg und Elend zu stürzen damit man anschliessend seine Geschäfte einfacher machen kann (Irak)" Das ist doch großer Unsinn. In einem Land ohne funktionierende Strukturen kann man keine guten Geschäfte machen, das wird Ihnen jeder Kaufmann bestätigen. Mit Ihrem Satz: ". Ginge es um Demokratie müsste man die Arbeit zu Ende führen und das Land nach dem geförderten Sturz eines Diktators in geordneten Verhältnissen hinterlassen." haben Sie natürlich Recht. Dies gilt aber nur für den Irak und Afghanistan. Dort ist die neokonservative Ideologie, nach der man lediglich einen Diktator stürzen muss und Demokratie und vor allem Marktwirtschaft kommen dann von ganz alleine, krachend gescheitert. In Libyen lag die Sache hingegen ein wenig anders. Da war Gaddhafi nämlich im Begriff, sein eigenes Volk zu bombardieren. Ja, das war wirklich so.