Rohingya Flüchtlinge im Wasser | Bildquelle: Silke Diettrich/ARD

Teil III der Serie "Lieber sterben als zurück nach Myanmar"

Stand: 20.11.2018 11:19 Uhr

Laut UN sind die Rohingya die am meisten verfolgte Volksgruppe weltweit. Fast eine Million Menschen seien seit August 2017 von Myanmar nach Bangladesch geflüchtet. Zurück will keiner.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Hasina | Bildquelle: Silke Diettrich/ARD
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Hasina sagt, sie habe mit ansehen müssen, wir ihr 16-jähriger Sohn von Soldaten ins Feuer geworfen wurde. Er sei dabei verbrannt.

Ausgemergelt, verletzt und erschöpft: schwangere Frauen, Kinder, Alte, Jugendliche. Fast alle Muslime aus Myanmar sind in wenigen Wochen nach Bangladesch geflohen. Kein Gepäck in den Händen, dafür aber ein großes Bündel grausamer Erlebnisse: "Von meinem Versteck aus habe ich gesehen, wie mein Sohn versucht hat, zu fliehen", erzählt Hasina, Mutter von vier Kindern. "Aber es waren so viele Soldaten dort, sie haben ihn nieder gestoßen und dann ins Feuer geworfen."

Hasinas ältester Sohn ist verbrannt, mit ihrem Jüngeren ist sie hierher geflohen. Wo ihre zwei anderen Kinder und auch ihr Ehemann sind, weiß sie nicht. Mosadekka ist auch über den großen Fluss gekommen, sie ist zehn Jahre alt. Sie sagt, Soldaten in Myanmar hätten ihre Schwester erschossen: "Ich hatte große Angst, sie haben Menschen zerschnitten, ich bin mit meinen Vater weggerannt."

Mosadekka | Bildquelle: Silke Diettrich/ARD
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Mosadekka erzählt, dass ihre Schwester erschossen wurde.

Ethnische Säuberung in Myanmar

Die Vereinten Nationen sprechen von einer "anhaltenden ethnischen Säuberung" in Myanmar, von "wildem Blutvergießen" und "Massenvergewaltigungen". Dennoch haben sie mit Myanmar eine Absichtserklärung unterschrieben, genau wie auch Bangladesch. Die Rohingya könnten zurück, sagt Myanmar. Aber unter welchen Bedingungen? Wird Myanmar die Rohingya als Bürger ihres Landes anerkennen und sie ihn Frieden dort leben lassen? Das ist nicht richtig geklärt und so ist noch kein einziger Flüchtling offiziell zurück gegangen.

Fast eine Million Rohingya leben nun in Bangladesch, die meisten im mittlerweile größten Flüchtlingslager der Welt, in Kutupalong:  "Die Folter daheim wird aufhören?", fragt Sayadur, der gerade an einem Gerüst für eine Latrine hämmert. "Ich erlebe diese Schikanen jetzt seit 45 Jahren, seit meiner Kindheit. Ich würde nur zurückgehen, wenn das wirklich aufhört."

Lager, auch in der Heimat

Myanmar sagt, es gebe Auffanglager für die Rückkehrer. Die Rohingya würden also auch in ihrer Heimat wieder in Lagern leben. Viele von ihnen haben Angst, dass die Regierung von Myanmar sie dort nie wieder raus lässt. Die meisten Rohingya sind traumatisiert: "Sie haben uns gefoltert, wir haben so gelitten, das kann ich gar nicht in Worte fassen", sagt Shakina. "Wenn uns dort wieder das gleiche erwartet, warum sollten wir dann dort hin zurück? Ich würde lieber hier sterben, ich würde Gift nehmen. Also zwingt uns nicht, zurückzugehen."

Davon ist bislang auch keine Rede. Niemand, sagt Abul Kalam, der Beauftragte für Flüchtlinge in Bangladesch, werde gezwungen zurückzugehen: "Wir reden mit den Flüchtlingen und versuchen sie zu überzeugen, dass sie zurückgehen können." Er hoffe, die Behörden können bald sagen, wie viele nun tatsächlich zurückgeführt werden können.

Rohingya in Bangladesch | Bildquelle: Silke Diettrich/ARD
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Rohingya, die in Bangladesch gestrandet sind, sehen keine Perspektive für eine Rückkehr nach Myanmar.

Angst, zurückzugehen

Es gibt erste Listen mit Namen. Mehr als 2000 Menschen sollten eigentlich jetzt schon zurück geschickt worden sein. Aber viele der Rohingya, die auf der Liste stehen, sind abgetaucht, so wie Kalimullah: "Ich will nicht zurück. Wir haben dort keine Rechte, sie geben uns nicht einmal die Staatsbürgerschaft dort, sie werden uns nicht unsere Grundstücke wieder geben, sie werden uns dort in Lagern unterbringen. Ich stehe auf der Liste der Leute, die jetzt zurück sollen. Also bin ich jetzt erst einmal abgehauen, weg aus dem Lager. Wir haben Angst zurückzugehen."

Hilfsorganisationen sagen, dass alleine durch die Ankündigung, dass Rohingya zurück müssten, die noch nicht ganz verheilten Traumata sofort wieder hoch kämen. Auch die Vereinten Nationen hatten Bangladesch gewarnt, niemanden unter Zwang zurückzuschicken. Die Regierung von Myanmar sagt, die Rohingya hätten nichts zu befürchten, wenn sie wieder kämen. Allerdings sagt Myanmar auch, dass es keine ethnischen Säuberungen in ihrem Land gegeben habe. Genau den Vorwurf aber erhebt die Internationale Gemeinschaft. Die sagt, die Verbrechen an den Rohingya seien Völkermord.

Das Leben der Rohingya in Bangladesch
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
20.11.2018 10:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. November 2018 um 12:44 Uhr.

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