Peter R. de Vries | picture alliance / ROBIN UTRECHT
FAQ

Angriff auf Kriminalreporter Wer ist eigentlich Peter R. de Vries?

Stand: 07.07.2021 17:49 Uhr

Die Hintergründe des Anschlags auf den Journalisten de Vries sind noch unklar. Er berichtet über spektakuläre Verbrechen, spürt Kriminelle auf und sagt oft vor Gericht aus. Angeblich stand er auf zwei Todeslisten.

Von Dominik Lauck, tagesschau.de

Warum ist de Vries so bekannt?

Peter Rudolf de Vries ist ein preisgekrönter Investigativjournalist und gilt als führender Kriminalreporter der Niederlande. Nach eigenen Angaben beschäftigte er sich im Verlauf seines Berufslebens mit insgesamt rund 500 Mordfällen. Seine Karriere startete mit der Berichterstattung über die Entführung des Brauereibesitzers Freddy Heineken 1983. De Vries spürte einen der Entführer in Paraguay auf. Er schrieb ein Buch darüber, das später mit Anthony Hopkins und Sam Worthington in den Hauptrollen verfilmt wurde ("Kidnapping Freddy Heineken").

Dominik Lauck

Einem breiten Publikum bekannt wurde er durch seine eigene TV-Sendung "Peter R. de Vries, misdaadverslaggever" (zu deutsch: "Peter R. de Vries, Kriminalreporter"), die von 1995 bis 2012 im niederländischen Fernsehen lief (264 Ausgaben). Das TV-Format ist vergleichbar mit der deutschen ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst". Es wurden spektakuläre Kriminalfälle vorgestellt, die oft aufgrund der Sendung aufgeklärt wurden.

Als unabhängiger Investigativjournalist machte er sich einen Namen mit Berichten über die niederländische Unterwelt. Er deckte Untersuchungen des niederländischen Geheimdienstes AIVI und Polizeikorruption auf. 2008 gewann er einen internationalen Emmy für seine TV-Sendung über das Verschwinden des US-Teenagers Natalee Holloway während eines Urlaubs auf der Karibikinsel Aruba 2005.

Mehrfach sagte de Vries bei spektakulären Fällen vor Gericht aus, unter anderem in einem Mordprozess gegen den früheren Heineken-Entführer Willem Holleeder. Derzeit ist er in den sogenannten "Marengo-Prozess" gegen das organisierte Verbrechen involviert.

Worum geht es in dem "Marengo-Prozess"?

Der "Marengo-Prozess" ist der bislang größte Strafprozess der niederländischen Geschichte und der größte gegen organisierte Kriminalität. Angeklagt ist der mutmaßliche Anführer einer Mafiabande, Ridouan Taghi. Taghi gehörte bis zu seiner Festnahme 2019 in Dubai zu den meistgesuchten Personen Europas. Seit seiner Auslieferung an die Niederlande sitzt er im Gefängnis.

Der Prozess gegen ihn und insgesamt 16 Verdächtige dauert schon länger an. Die Angeklagten sollen der marokkanischen Mafia angehören. Neben Drogenhandel geht es um mehrere Auftragsmorde. Die ARD berichtete unter anderem im Februar im Weltspiegel über den Prozess.

De Vries ist Berater und Vertrauter des Kronzeugen. Vor zwei Jahren wurden bereits der Bruder und der Anwalt des Kronzeugen erschossen.

Gab es Morddrohungen gegen de Vries?

Bekannt ist, dass de Vries bereits vor zwei Jahren Todesdrohungen bekommen hatte, als er über die Ermordung eines 16-jährigen Mädchens in Rotterdam berichtete. Der Reporter galt schon lange als mögliches Ziel von Kriminellen, über die er hartnäckig berichtete. Vor wenigen Tagen hatte er angekündigt, weiter an der Aufklärung eines seit 27 Jahren ungelösten Mordes zu arbeiten.

De Vries hatte selbst gesagt, dass er außerdem auf Taghis "Todesliste" stehe. Eine Bestätigung dafür gibt es nicht. Polizei und Staatsanwaltschaft wollen sich auch nicht dazu äußern, ob de Vries zuletzt unter Polizeischutz stand. Nach eigenen Angaben hatte de Vries Personenschutz stets abgelehnt. "Das gehört zum Berufsrisiko", sagte er kürzlich noch in einem Interview. Er wolle frei leben und sich nicht von Angst beherrschen lassen.

Warum ist de Vries in den Niederlanden so populär?

Für viele Niederländer - bis hin zum Königspaar - ist de Vries ein furchtloser Kämpfer gegen das Verbrechen. Er ist für Opfer und Angehörige der letzte Strohhalm, um Gerechtigkeit oder Gewissheit zu bekommen. Der Reporter beißt sich in Fälle fest und lässt erst locker, wenn sie gelöst sind. So sorgte er mit 44 Fernsehsendungen für die Wiederaufnahme eines berüchtigten Mordfalles - und am Ende für den Freispruch von zwei unschuldigen Männern.

Dennoch ist de Vries nicht unumstritten. Juristen und auch Journalisten kritisierten ihn in der Vergangenheit häufig wegen seiner Methoden und auch freundschaftlicher Kontakte zu Informanten aus der Unterwelt. Manche halten ihn für arrogant oder nennen ihn einen Besserwisser. De Vries vermischt seine Rollen öfters: Mal tritt er als Sprecher von Opferfamilien auf, dann wieder als objektiver Journalist oder als Vertrauensperson des Kronzeugen.

Peter R. de Vries spricht bei Fernsehaufnahmen. | picture alliance / ANP

Peter de Vries gilt als furchtloser Kämpfer gegen das Verbrechen. Seine Methoden sind aber nicht unumstritten. Bild: picture alliance / ANP

Wie reagieren Journalisten-Kollegen auf den Anschlag?

Die Organisation Reporter ohne Grenzen forderte eine unverzügliche und lückenlose Aufklärung. "Die Behörden müssen prüfen, ob de Vries wegen seiner kritischen und furchtlosen journalistischen Tätigkeit zum Opfer organisierter Kriminalität wurde", so Geschäftsführer Christina Mihr.

In einer gemeinsamen Erklärung sprachen die internationale und die europäische Föderation der Journalisten von "einem neuen tragischen Schlag gegen die Pressefreiheit in Europa". Die Auftraggeber und Täter "dieses schrecklichen Angriffs" müssten so schnell wie möglich ermittelt und vor die Justiz gebracht werden. 

"Das war der gezielte Versuch, Journalistinnen und Journalisten einzuschüchtern, die über organisierte Kriminalität berichten", erklärte der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), Frank Überall. "Mit dem Attentat sollte kritischer und mutiger Journalismus mundtot gemacht werden."

Die Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju/ver.di), Monique Hofmann, sagte: "Dieser Anschlag hat den unabhängigen Journalismus und die Pressefreiheit bis ins Mark getroffen." Sie rief die Regierungen in Europa auf, schnell zu handeln und wirksame Maßnahmen zum Schutz von Medienschaffenden zu ergreifen.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 14. Februar 2021 um 19:20 Uhr im Weltspiegel und am 07. Juli 2021 WDR 5 um 13:01 Uhr im Mittagsecho sowie die tagesschau um 17:00 Uhr.