Menschen in Belgrad warten in einer Schlange, um gegen das Coronavirus geimpft zu werden (Archivbild). | dpa

Serbiens Impfstrategie "Sie werden mir ein Denkmal errichten"

Stand: 11.02.2021 03:12 Uhr

Die Impfquote in Serbien liegt bei 8,5 Prozent, damit steht das Land im europäischen Vergleich auf Platz zwei, direkt hinter Großbritannien. Dass Serbien nicht zur EU gehört, nutzt Staatspräsident Vucic als klaren Vorteil.

Von Christian Limpert, ARD-Studio Wien

Vedrana Rudan ist außer sich vor Freude. Die kroatische Autorin, deren Stück "Mütter und Töchter" vor kurzem an einem Theater in der serbischen Hauptstadt Belgrad Premiere hatte, konnte sich in Serbien impfen lassen. "Mir stand ein ganzes Buffet an Impfstoffen zur Verfügung", schwärmt Rudan in einem TV-Interview.

Christian Limpert ARD-Studio Wien

Und das ist tatsächlich nicht übertrieben. Denn wer sich derzeit Serbien zu einem Impftermin anmeldet, dem stehen, wenn auch in unterschiedliche Mengen, Vakzine fast aller Hersteller zur Verfügung: Der westliche Impfstoff von Biontech/Pfizer, das russische Vakzin Sputnik V und der Impfstoff des chinesischen Herstellers Sinopharm.

Vorteil für Nicht-EU-Land

Dass Serbien, anders als seine Nachbarländer, von Lieferengpässen verschont blieb, verdankt es einer Sonderstrategie. Die serbische Regierung hat auf bilateraler Ebene frühzeitig so viel Impfstoff wie möglich bestellt. Den sonst so oft angeprangerten Nachteil, nicht zur EU zu gehören, hat Staatspräsident Aleksandar Vucic dabei als klaren Vorteil ausgenutzt. Zwar bestellte auch er den westlichen Impfstoff von Biontech/Pfizer, doch musste er sich nicht auf die von der EU geregelten Lieferungen verlassen.

Bereits im Oktober 2020 habe er selbst beim chinesischen Staatschef Xi Jinping bestellt und den Preis für den Impfstoff dabei auch drastisch reduziert, erklärte Vucic kürzlich in einem Interview mit serbischen Medien - und fügte hinzu: "Wenn Sie den Preis erfahren, werden Sie mir eines Tages ein Denkmal errichten."

Öffentlichkeitswirksame Impfkampagne

Wie bestellt trafen im Januar eine Millionen Impfdosen aus China in Serbien ein. Auch Russland lieferte, wenn auch in kleineren Mengen. Und auch das Vakzin von Biontech/Pfizer kam an, aufgrund von Lieferengpässen in noch geringeren Mengen.

Um ein Wettrennen um den vermeintlich begehrtesten Impfstoff gar nicht erst aufkommen zu lassen, folgte eine öffentlichkeitswirksame Impfkampagne: Staatspräsident Vucic kündigte an, sich den chinesischen Impfstoff spritzen zu lassen sobald er an der Reihe sei. Der als pro-russisch geltende Parlamentsvorsitzende Ivica Dacic lies sich vor laufenden Kameras Sputnik V impfen, die pro-westliche Premierministerin Ana Brnabic das Vakkzin von Biontech/Pfizer.

"Ob sie aus China, den USA oder der EU kommen ist uns egal", sagte Premierministerin Brnabic in einem Interview mit dem britischen Rundfunk BBC. "So lange sie sicher sind und wir sie so schnell wie möglich kriegen."

Ein Erfolg zur rechten Zeit

8,5 Prozent der serbischen Bevölkerung sind inzwischen geimpft, das sind 600.000 Menschen von insgesamt sieben Millionen. Für Staatspräsident Alexandar Vucic ein Erfolg genau zur rechten Zeit. Aufgrund seines Corona-Managements war es im Juli 2020 in vielen Städten Serbiens zu teils gewaltsamen Protesten gekommen. Aus Sicht vieler Menschen hatte Vucic einen strengen Lockdown fahrlässig aufgehoben, um die Parlamentswahlen nicht zu gefährden.

Gleichzeitig mehrten sich Berichte, wonach einige Kliniken des Landes kaum mit medizinischer Technik ausgestattet wurden. Das alles scheint nun vergessen. "Vucic, Putin und Xi retten Serbien", schrieb eine regierungsfreundliche Boulevard-Zeitung. Kein Wort von der EU.

Für die serbische Impfstrategie interessieren sich inzwischen auch EU-Länder wie Ungarn oder Tschechien. Dessen Premierminister Andrej Babis hat den serbischen Präsidenten Vucic am Mittwoch in Belgrad besucht. Denn der plant schon den nächsten Coup: im dritten Quartal dieses Jahres will Serbien mit Hilfe russischer Experten den Impfstoff Sputnik V selbst produzieren. Abnehmer dafür wird es sicher geben.   

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 05. Februar 2021 um 17:45 Uhr.