Wahllokal in Paris | REUTERS
Reportage

Eindrücke aus Pariser Wahllokal "Man muss heute wählen gehen"

Stand: 24.04.2022 18:00 Uhr

Bleibt Macron Frankreichs Präsident - oder gewinnt die Rechtspopulistin Le Pen? Für Macron hängt viel davon ab, wie viele Menschen heute zur Stichwahl gehen - und ob sie trotz Bauchschmerzen für ihn stimmen.

Von Sabine Wachs, ARD-Studio Paris

"Mein Herr, sie müssen beide Stimmzettel nehmen", ruft ein Wahlhelfer einen jungen Mann zurück. Harry, hochgewachsen, mit grauer luftiger Hose, weißem T-Shirt und dunklem verwuscheltem Haar wählt zum ersten Mal. Er war schon auf dem Weg in die Kabine, geht zurück zum Tisch auf dem die Stimmzettel liegen und nimmt sich einen zweiten: "Im ersten Wahlgang war es schwieriger, viele Kandidaten, viele Programme. Jetzt war es einfach. Ich habe gewählt ohne nachzudenken", sagt er.

Sabine Wachs ARD-Studio Paris

Die Schlange ist lang im Wahlbüro Nummer 2 im Pariser Osten. "Die Wahl war niemals so eng. Man muss heute wählen gehen, sonst kommt am Ende jemand an die Macht, der sie nicht haben sollte", sagt Erstwähler Harry.

Hoffen auf die Empfehlungen der anderen Kandidaten

Frankreich hat heute die Wahl zwischen dem amtierenden, sozialliberalen Präsidenten Macron und der extrem rechten Marine Le Pen. Das sei mehr als eine Wahl für ein politisches Projekt, es sei eine Wahl für eine Weltanschauung, sagt Wählerin Noelle Péréron: "Ich habe wirklich überlegt, ob ich mich enthalte oder ob ich Macron wähle. 2017 habe ich in der Stichwahl nicht gewählt. Aber jetzt könnte Madame Le Pen es wirklich schaffen, also wähle ich Macron. Nicht aus Überzeugung, nur um sie zu verhindern. Ehrlich gesagt, ich hätte mich lieber enthalten.“

Macron sei zu wirtschaftsliberal, tue zu wenig für die Mittelschicht, sagt die Rentnerin. Le Pen aber stürze das Land ins Chaos. Im ersten Wahlgang hat Noelle, wie die meisten Wähler des Pariser Wahlbüros Nummer 2, den links-außen Mann Jean-Luc Mélenchon gewählt. Landesweit kam er auf 22 Prozent der Stimmen, verpasste die Stichwahl nur knapp. Für wen sich seine Wählerschaft entscheidet, ist genauso mitentscheidend für das Endergebnis, wie die Zahl derer, die nicht wählen gehen.

Vollmacht statt Briefwahl

Und Wählen wird den Menschen in Frankreich nicht immer leicht gemacht: "'Hallo, wählen sie für sich?' 'Nein, ich habe eine Vollmacht'" - sagt Aude Carrier und geht vor zur Wahlurne. Sie wählt für eine Freundin, die gerade im Ausland ist. Sie zeigt der Wahlleiterin eine rechteckige Karte. Darauf stehen sowohl ihr Name und ihre Adresse als auch die der Freundin. Nach Abgleich mit dem Wählerregister darf Aude den Wahlumschlag in die Urne werfen.

In Frankreich gibt es keine Briefwahl. Wer selbst nicht wählen kann, muss einer Person seines Vertrauens die Procuration, die Vollmacht, ausstellen. Aude musste dann vom Pariser Süden, wo sie lebt und wählt, in den Osten fahren. Denn nur in dem Wahlbüro, indem die Person, die die Vollmacht erteilt hat, registriert ist, darf diese eingelöst werden. Und hat ihre Freundin ihr gesagt, für wen sie stimmen soll? "Ja", antworte Aude. "Und ich hab ihre Wahl respektiert. Für ein offenes Land, für Europa. Ich denke, dass Vollmachten oft an Personen gegeben werden, die dieselben politischen Ansichten haben. Hätte sie mich gebeten, für jemand anderes zu stimmen, hätte ich die Vollmacht nicht angenommen."

Kaum jemand hier wählt Le Pen

Stimmen für Marine Le Pen findet man im Wahlbüro im Pariser Osten übrigens kaum. Die extrem rechte Politikerin landete hier in der ersten Wahlrunde nur auf Platz fünf, hinter Mélenchon, Macron und sogar hinter den landesweit weit abgeschlagenen, noch weiter rechts stehenden Kandidaten Eric Zemmour und dem Grünen Yannik Jadot.

Le Pens Stammwähler sind nicht in Paris, nicht in den großen Städten. Sie wird vor allem in den ländlichen Regionen gewählt. Im Schnitt war dort die Wahlbeteiligung am Mittag etwas höher als in den Städten.

Über dieses Thema berichtete das Erste im Europamagazin am 24. April 2022 um 12:45 Uhr.