Eine Gruppe von Migranten aus dem Irak ist im polnisch-belarusischen Grenzgebiet bei Hajnowka umstellt von polnischen Polizisten. | REUTERS

Migranten an polnischer Grenze "Das war vielleicht die schlimmste Idee"

Stand: 08.11.2021 11:39 Uhr

Sie können nicht vor und nicht zurück: Nach wie vor harren Migranten im Grenzgebiet zwischen Polen und Belarus aus. Viele von ihnen haben offenbar Verwandte im Westen, die darauf hofften, dass sich hier ein Tor öffne.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Er will, dass wir ihn "Haval" nennen; es habe schon Ärger gegeben mit den Behörden, die ihn verdächtigten, selbst Schleuser zu sein. Der junge Mann aus dem kurdischen Teil Syriens lebt seit zwölf Jahren in Wien, seit er von der Armee des Bürgerkriegslandes desertiert sein will. Seine Eltern hat er seitdem nicht gesehen, trotz aller Versuche, auch über das Rote Kreuz. In diesem Jahr aber schien sich eine neue Möglichkeit zu eröffnen. Teuer zwar, Haval spricht von 16.000 bis 20.000 Euro, aber doch. Er habe zwar gehört, dass es unterwegs in Polen Probleme geben könnte, aber nicht geahnt welche. Die neue Route sei in Syrisch-Kurdistan in aller Munde gewesen, alle hätten darüber geredet, die Medien berichtet - "und meine Eltern dachten einfach, wie probieren es. Sie haben ein Reisebüro gefragt. Es war vielleicht die schlimmste Idee, dass sie nach Belarus kamen."

Jan Pallokat ARD-Studio Warschau

Bald nämlich erreicht Haval der Anruf, das etwas schief gegangen sei; die Mutter liege mit gebrochenem Bein im Krankenhaus. Haval, der in Wien als Friseur arbeitet, lässt alles stehen und liegen und bricht auf; er glaubt, sie sei im ostpolnischen Hajnowka und sei, nur notdürftig behandelt, wieder entlassen und zurück zur Grenze gebracht worden, wie es offiziell heißt.

Gemeinsam mit einer Aktivistin versucht Haval seither von einem Hotel in einer nahen Kleinstadt aus, Kontakt zu halten. Telefonate deuten daraufhin, dass seine Eltern Teil einer größeren Gruppe sind, die bereits mehrfach zwischen beiden Ländern hin und hergeschoben wurden. Die Anrufe sind kurz und die Akkus schwach, berichtet Haval. Seine Eltern seien jetzt auf der belarusischen Seite "wie eine Bank", die für alles Geld herausgeben müsse: "Wenn Du atmen willst, muss Du zahlen. Wenn Du Dein Handy 50 Prozent aufladen willst, musst Du 50 Dollar zahlen."

Die Hoffnung bleibt

Haval will ausharren, hofft darauf, seine Eltern doch noch irgendwie herauszuholen, aber die Chancen stehen schlecht. Polen lässt niemanden in Grenznähe; und Belarus stelle ihm auch kein Visum aus. Haval ist wohl kein Einzelfall: Immer wieder sind unter den Migranten, die im Grenzbereich zwischen die Fronten geraten, Verwandte von Zuwanderern, die schon im Westen leben. Die Bundespolizei bestätigt: Unter den ertappten Schleusern, die die Weiterreise nach Deutschland organisieren, seien oft Migranten mit Wohnsitz im Westen: Mitglieder krimineller Menschenhändler, aber eben auch verzweifelte Verwandte.

Ein Happy End gibt es selten, aber gelegentlich kommt es doch dazu. Katarzyna Zdanowicz, Grenzschutzsprecherin im nordostpolnischen Bialystok, schildert den Fall einer Frau, die sich mit anderen Migranten in einem Sumpfgebiet aufgehalten habe. Sie sei in sehr schlechtem Zustand gewesen und ins Krankenhaus gekommen. Mit Hilfe ihres Mannes, der in Deutschland lebt, sei es gelungen, die Frau zu identifizieren. "Jetzt ist die Sache zu Gunsten der Ausländer erledigt, denn das waren Syrer und das Verfahren sieht dann anders aus - in Syrien herrscht Krieg."

Gut möglich also, dass Haval, wäre er rechtzeitig ins Krankenhaus gekommen, das Blatt noch hätte wenden können. So aber ist seine Mutter in Polen nicht aktenkundig. Menschenrechtler verdächtigen das Land, Menschen, die ohne Prüfverfahren nach Belarus zurückgeschoben werden, gar nicht erst zu dokumentieren. Macht sich Haval jetzt Vorwürfe, dass er dem illegalen Reiseplan zustimmte, der seine Eltern das Leben kosten könnte? Nein sagt er, wenn man seine Familie zwölf Jahre nicht gesehen habe, könne man nicht negativ denken und nicht pessimistisch sein. Er habe nur an die guten Dinge gedacht, an ein baldiges Wiedersehen mit Mutter und und Vater, an die Dinge, die er danach für sie tun wollte.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 30. Oktober 2021 um 07:30 Uhr.