Papst Franziskus trifft den ungarischen Ministerpräsidenten, Viktor Orbán, in Budapest.
analyse

Franziskus in Ungarn Wie Orban den Papst-Besuch für sich nutzt

Stand: 30.04.2023 05:01 Uhr

Den Besuch des Papstes in Ungarn weiß Premier Orban geschickt für sich zu nutzen: für seine konservative Familienpolitik und seine internationalen Ambitionen. Aber wie groß sind die Gemeinsamkeiten zwischen Franziskus und Orban wirklich?

Von Wolfgang Vichtl, ARD Wien, zzt. Budapest

"A család az család - "Familie ist Familie" steht unter dem "Familienfoto": Viktor Orban, sichtbar stolz inmitten seiner Lieben, der Ehefrau, den Töchtern, ein Schwiegersohn, vier Enkel - und: der Papst, der sich demütig lächelnd in die Familie seines Gastgebers einreiht. Für das Familienalbum, für die Ewigkeit und für Facebook.

Orban, Ungarns national-populistischer Ministerpräsident, lässt es zügig posten. In Budapest kennt man die Bildunterschrift "A család az család" von Plakaten der LGTBQ-Gemeinde, die mit dem Satz: "Familie ist Familie" dafür wirbt, dass auch gleichgeschlechtliche Paare gute Eltern sein können.

Das ist ganz gegen die Linie Orbans, der in die ungarische Verfassung schreiben ließ: "Der Vater ist ein Mann, die Mutter ist eine Frau." Natürlich ist der Urheber des Satzes inzwischen empört, dass Orban dreist bei ihm abschreibt.

Papst Franziskus zu Besuch in Ungarn

Papst Franziskus mit Präsidentin Katalin Novak und dem ungarischen Premierminister Viktor Orban.

Der Papst ist der ungarischen Regierung sehr willkommen, gerade jetzt. Obwohl er erst 2021 in Budapest war, beim Eucharistischen Weltkongress. Orban war vergangenes Jahr im Vatikan, die demonstrativ erste Reise des protestantischen Ministerpräsidenten nach der Wiederwahl.

Die katholische Kirche ist groß in Ungarn. Zwei Drittel sind zumindest katholisch getauft. Orban sammelt erfolgreich Wählerstimmen mit seinem katholisch-konservativen Familienbild. Orbans frühere Familienministerin, Katalin Novák, ist jetzt Ungarns Staatspräsidentin.

Große Themen, die die Welt bewegen

Beide hören gern, dass Papst Franziskus gleich zu Beginn, in seiner Rede vor der Regierung und den führenden Vertretern der ungarischen Gesellschaft, die sogenannte Gender-Kultur kritisiert - aber nur kurz. Eigentlich geht es Franziskus zum Auftakt seiner Ungarn-Visite vor allem um die großen Themen, Frieden und Krieg, Europa, Flüchtlinge:

Ich frage mich, auch wenn ich an die leidgeprüfte Ukraine denke, wo die schöpferischen Anstrengungen für den Frieden bleiben.
Papst Franziskus

Budapest sei schon oft Ort "bedeutender Wendepunkte" gewesen, also dazu berufen auch jetzt Akteur für die Gegenwart und Zukunft zu sein.

Orban würde gern vermitteln

Orban interpretiert das als Bestätigung für sein Angebot, gerne Vermittler zu sein, im Krieg Russlands gegen die Ukraine. Ungarn und der Vatikan seien die beiden letzten, die noch übrig geblieben sind im Friedenslager, hat Orban vor kurzem behauptet, in seiner "Rede zur Lage der Nation". Da wusste er schon, dass der Papst nach Ungarn kommt.

Unklar ist, wie groß oder klein der gemeinsame Nenner zwischen Orban und Papst Franziskus ist. Der Papst kritisiert aber sehr deutlich "neu aufbrandende Nationalismen" und "kriegerischen Infantilismus" und betont danach die "grundlegende Bedeutung" Europas in der aktuell "heiklen historischen Lage", ein Europa in der Rolle, "niemanden für immer als Feind stehen zu lassen". Das Brückenbau-Motiv, das von diesem Papstbesuch bleiben soll.

Dazu passt, dass Franziskus - sicher geplant, aber unangekündigt - dann doch den Metropoliten von Budapest trifft - Hilarion, den Abgesandten der russisch-orthodoxen Kirche. Das Treffen sei in einem "herzlichen Ton" gelaufen.

Hilarion war vor kurzem als "Außenminister" der hinter Putin stehenden Kirche noch in Moskau, wurde dann aber von Patriarchen Kyrill nach Budapest geschickt. "Strafversetzt", sagen die einen, als "Vorposten" im Westen, sagen die anderen. Kyrill selbst ist in Europa unerwünscht, auch wenn ihn Orban von drohenden EU-Sanktionen freigeboxt hat.

Mehr als eine Million Kriegsflüchtlinge

Papst Franziskus traf auch Kriegsflüchtlinge in Budapest, in der "Kirche der Heiligen Elisabeth von Ungarn". Seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine sind mehr als eine Million nach Ungarn gekommen. Zehntausende sind geblieben, willkommen auch von der Orban-Regierung als christliche "Nachbarn". Anders als zuvor Flüchtlinge aus Krisengebieten wie Afghanistan, Pakistan, Nigeria, Iran, Irak, Südsudan.

Die traf Franziskus aber auch, der natürlich um die umstritten-restriktive Asylpolitik der ungarischen Regierung weiß. Der aber auch die Kritik an der katholischen Kirche in Ungarn kennt, die "neutral“"zu diesem Orban-Kurs steht. So neutral, dass es auch einigen in den eigenen Reihen zu neutral ist.

Den Besuch des Papstes nutzte auch Staatspräsidentin Novak für eine Botschaft: Sie nutzte das noble Recht, Straftäter zu begnadigen, um den Rechtsextremisten György Budahazy vorzeitig aus dem Gefängnis zu entlassen. Er wurde verurteilt wegen Terrorismus, Körperverletzung, Nötigung, Brandanschlägen auf Politiker. Von seiner zuletzt auf sechs Jahre reduzierten Strafe hätte er noch mehr als zwei Jahre absitzen müssen.

Nun holten ihn seine Anhänger mit dem Pferd ab. Budahazy stieg auf, rief "Freiheit" und ritt zur nächsten Wirtschaft, berichtet das unabhängige "Klubradio". Eines seiner Opfer kritisiert entsetzt, die Präsidentin mache ihn damit zu einer Art Robin Hood, um sich Rechtsaußen anzubiedern. Budahazy kündigte an, zur Abschlussmesse zu gehen zu wollen - um Danke zu sagen.

Elisabeth Pongratz, ARD Rom, zzt. Budapest, tagesschau, 30.04.2023 06:09 Uhr

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 30. April 2023 um 09:00 Uhr.