Die Sonne scheint in Moskau | IMAGO/SNA

Russinnen und Russen zum Krieg Zwischen Angst und Überzeugung

Stand: 14.07.2022 00:58 Uhr

Dass in der Ukraine Krieg herrscht, ist den Menschen in Moskau natürlich bewusst. Doch ihre Haltung dazu schwankt - zwischen Angst, Ablehnung und der Überzeugung, dass Russland es nun durchziehen müsse.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Der Park nahe der Metro Station Kitai Gorod eignet sich perfekt, um kurz Pause zu machen vom Leben in der lauten Großstadt. Von hier aus geht es in die eine Richtung zu einer beliebten Ausgehmeile mit vielen, gut besuchten Bars und Cafés und in die andere Richtung zum Roten Platz.

Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau

Das schöne Wetter und die sommerliche Stimmung verstärken den Eindruck, dass die in der Ukraine tobenden Kämpfe und die sich daraus ergebenden Konsequenzen im Alltag der Menschen in Russland kaum eine Rolle zu spielen scheinen.

Angst? Nur vor einer militärischen Eskalation

Tatsächlich habe sich ihr Leben in den vergangenen Monaten so gut wie gar nicht verändert, sagt die 45-jährige Moskauerin Marina.

Natürlich sei ihr aufgefallen, dass die Preise steigen, dass sie nicht mehr nach Europa reisen könnte. "Natürlich bin ich gegen Krieg. Ich will nicht, dass die Häuser von Leuten zerstört und Menschen dort getötet werden. Aber den meisten Menschen ist es relativ egal, solange es sie nicht persönlich betrifft", sagt sie. Die Leute machten sich zwar Sorgen - "aber wir sind nicht so besorgt, dass wir nicht ins Café gehen könnten."

Auch vor weiteren Sanktionen habe sie keine Angst, sagt Marina. Angst mache ihr nur der Gedanke an eine weitere, militärische Eskalation - mit fatalen Folgen für alle. "Aber was kann ich schon dagegen tun? Sagen: Ey, pack den roten Knopf weg?"

In einer jüngeren Umfrage des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum gab die Hälfte der Befragten an, dass sie Angst vor einem möglichen Einsatz von Atomwaffen durch Russland habe. Der Kreml beteuert, diesen Schritt nicht gehen zu wollen. Im russischen Staatfernsehen aber wird besonders in den politischen Talkshows diese "Option" immer wieder heiß diskutiert.

Die größte Tragödie

Vor einem Denkmal machen Wera und ihre beiden Söhne, beide etwa Anfang 20, Fotos. Sie kommen aus Wolgograd und sind zu Besuch in der Hauptstadt. Moskau gefalle ihnen gut.

"Sehr grün", sagt Wera. Dann wird ihr Gesichtsausdruck ernst. "Ich habe Mitleid mit denen, die es gerade schwer haben. Wir reden viel darüber, ich habe Verwandte in der Ukraine. Wir sind im Kontakt." Einige von ihnen seien nach Polen gezogen - die anderen seien in Charkiw. "Jetzt gerade", sagt Wera.

Weras Sohn Tolja, der die ganze Zeit nur stumm zugehört hat, beugt sich nach vorne. "Wir sind wirklich sehr gegen das, was passiert. Und das ist meiner Meinung nach die größte Tragödie, die sich in letzter Zeit hätte ereignen können."

"Man kann uns keine Angst machen"

Auch Alexander, ein schlanker Mann um die 40, sagt, dass niemand einen Krieg gebraucht hätte - weder die Ukraine noch Russland. Jetzt aber werde Russland keinen Halt mehr machen.

"Wir haben Ziele und Aufgaben, gestellt von unserer Regierung. Wir dürfen nicht nachlassen. Wenn wir etwas beschlossen haben, bringen wir es zu Ende. Die Ukraine kann ohne die Unterstützung des Westen nicht durchhalten. Es wird also sowieso Verhandlungen und auch Vereinbarungen geben - bloß nicht zugunsten der Ukraine."

Damit gehört Alexander zu den rund 75 Prozent der Russinnen und Russen, die bei Umfragen angeben, vollständig oder zumindest weitgehend hinter der sogenannten "militärischen Spezialoperation" zu stehen. In den vergangenen Monaten hat diese Zustimmung laut Meinungsforschungsinstituten nur minimal nachgelassen.

Alexander jedenfalls ist überzeugt, dass die westlichen Sanktionen nichts an der Haltung seiner Landsleute ändern werden: "Es gehen keine Flüge, es gibt keine Ersatzteile, man hat hier und da was zugemacht - all das halten wir aus. Je mehr Steine man uns in den Weg legt, desto stärker werden wir. Man kann uns mit diesem Druck, diesen Sanktionen keine Angst machen. Und es hält uns bestimmt nicht auf."

Gleichzeitig hoffe Alexander, dass Russen und Ukrainer bald wieder friedlich zusammenleben könnten. Die Verantwortung dafür sieht er bei der Regierung - in Kiew.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Juli 2022 um 13:19 Uhr.