Migranten, die auf dem Weg von Italien nach Frankreich sind, gehen an einem Graffiti mit der Aufschrift "No Border" vorbei  | dpa

Zahlen der EU Asylanträge auf Höchststand seit 2016

Stand: 01.12.2022 17:06 Uhr

Die Zahl der Menschen, die Asyl in der EU suchen, ist so hoch wie zuletzt vor sechs Jahren - ukrainische Kriegsflüchtlinge nicht eingerechnet. Manche Länder kommen mit der Bearbeitung nicht hinterher.

Von Matthias Reiche, ARD-Studio Brüssel

Mit dem Ende der Pandemie und den damit verbunden Beschränkungen suchen wieder deutlich mehr Menschen Schutz in der EU sowie Island, Liechtenstein, Norwegen und der Schweiz. Die Tendenz sei stark steigend, erklärt Andrew McKinlay, Pressesprecher der Europäischen Asylagentur: "Die Zahl der Asylanträge, die in der EU und den assoziierten Schengenstaaten gestellt wurden, ist in diesem Jahr von Monat zu Monat gestiegen, auf im September 98.000. Das sind 15 Prozent mehr als im August und der höchste Stand seit sechs Jahren."

Matthias Reiche ARD-Studio Brüssel

"Das ist ein klarer Trend, doch liegen die Zahlen weit unter den 173.000 Anträgen, die im Herbst 2015 monatlich verzeichnet wurden", so McKinlay. Nicht eingerechnet sind dabei ukrainische Kriegsflüchtlinge, die aufgrund ihres Sonderstatus' keine Asylanträge stellen müssen.

Bei der Bearbeitung der Anträge liegen die nationalen Behörden zumeist noch auf einem vergleichsweise hohen Niveau. Aber das werde sich kaum halten lassen, vermutet McKinlay: "Die Asylbehörden der EU-und Schengenstaaten haben im September rund 56.300 erstinstanzliche Entscheidungen getroffen. Ein Drittel davon bescheinigte dem Antragsteller einen Anspruch auf internationalen Schutz." Wegen der Zunahme der Anträge habe sich die Zahl der anhängigen Verfahren wieder deutlich erhöht, auf jetzt rund 548.000. "Die Asylbehörden stehen da in vielen Ländern unter wachsendem Druck."

Österreich sieht sich mit Bearbeitung "am Limit"

"Unsere Kapazitäten sind am Limit", klagt nicht nur Österreichs Europaministerin Karoline Edtstadler. Ihr Land müsse zweieinhalbmal so viele Anträge wie im Vorjahr bearbeiten, weil das Asylsystem der EU nicht funktioniere. "Es kann nicht sein, dass die Menschen durch zwei, drei Staaten der europäischen Union ziehen, ohne registriert zu werden und in Österreich das erste Mal 'Asyl' sagen", sagt Edtstadler. Sie glaube, das Problem der Asylantragszahlen sei "überall in Europa angekommen". "Und deshalb sehe ich jetzt die Chance, dass wir einen neuen Anlauf starten, wirklich ein System zu etablieren, das funktioniert."

Umso mehr, als die Zahl der Ankommenden weiter stark zunimmt. Im Mittelpunkt steht dabei vor allem die Westbalkanroute, über die im Vergleich zum Vorjahr dreimal mehr Flüchtlinge kommen. "Das ist für die EU eine enorme Herausforderung", sagt EU-Innenkommissarin Ylva Johansson.

Die meisten Anträge von Syrern

Die meisten Asylanträge wurden im September von syrischen Bürgern gestellt. Das ist insofern überraschend, als seit der Machtübernahme durch die radikal-islamischen Taliban in Afghanistan im Sommer 2021 die meisten Antragsteller von dort kamen.

Die drittgrößte Gruppe waren nach Angaben der Asylagentur Geflohene aus der Türkei. Einen Höchststand erreichten auch die Anträge von Menschen aus Indien, Bangladesch, Georgien sowie Nordafrika. Sehr genau verfolgt die EU-Asylagentur auch die Situation im Iran. Noch habe man aus den einzelnen Ländern keine Rückmeldungen. Aber man rechne damit, dass sich dies schnell ändern kann.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 01. Dezember 2022 um 12;53 Uhr sowie MDR-Aktuell um 15:09 Uhr.