Eine Frau sitzt mit ihren Kindern an einer Bushaltestelle in Afghanistan  | AP

G20-Sondergipfel Eine Milliarde für Afghanistan

Stand: 12.10.2021 18:47 Uhr

Afghanistan droht eine humanitäre Katastrophe. Doch wie können die G20-Staaten nach der Machtübernahme der Taliban helfen? Darüber wurde in einer Videoschalte beraten. Ein Ergebnis: Die EU sagt mehr Hilfsgelder zu.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Mario Draghi gab sich zufrieden, als er sich nach drei Stunden Gipfeltreffen per Videoschalte in Rom den Medien stellte. Alle Teilnehmer hätten deutlich gemacht, dass sie Afghanistan helfen wollten, sagte der aktuelle G20-Vorsitzende und italienische Ministerpräsident.

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

"Es gab eine grundsätzliche Übereinstimmung mit Blick auf die Notwendigkeit, diese humanitäre Katastrophe anzugehen", so Draghi. Die Teilnehmerstaaten seien sich einig gewesen, dass die Hilfen für Afghanistan unter dem Schirm von den Vereinten Nationen erfolgen sollten. Die UN sollten die Hilfen auch koordinieren.

Die Organisationen der Vereinten Nationen müssten Zugang bekommen zu Afghanistan, um dort die dringend benötigte humanitäre Hilfe ins Land zu bringen, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel nach dem Gipfel. Merkel bekräftigte, dass Deutschland 600 Millionen Euro für die Unterstützung der Menschen in Afghanistan zur Verfügung stelle.

Eine Milliarde Euro von der EU

Die Europäische Union kündigte auf dem Sondergipfel an, sie werde Afghanistan mit insgesamt einer Milliarde Euro helfen. Über bereits zugesagte 300 Millionen Euro hinaus sollen mindestens 250 Millionen in den Gesundheitsschutz fließen. Weiteres Geld geht in die Nachbarstaaten, in die rund zwei Millionen Afghaninnen und Afghanen geflohen sind.

Gleichzeitig machte Merkel deutlich, dass die besprochene Hilfe für Afghanistan kein politisches Entgegenkommen für die neuen Machthaber in Kabul bedeute:

Wir haben zum Ausdruck gebracht, dass nach unsren heutigen Einschätzung - ich habe das jedenfalls sehr deutlich gesagt und viele andere auch - die Regierung der Taliban nicht inklusiv ist. Deswegen steht das Thema 'Anerkennung der Taliban' nicht auf der Tagesordnung.

Auf dem von Draghi organisierten Sondergipfel wurde auch über das Ziel gesprochen, weitere Menschen aus Afghanistan auszufliegen. Aus Sicht der Bundesregierung sagte Merkel, dies betreffe afghanische Staatsbürger in Gefahr, aber auch die Evakuierung von Deutschen im Land. Um diese Evakuierung zu ermöglichen, sei es wichtig, dass funktionierende Flughäfen vorhanden sind, so Merkel. "Das ist auch wichtig für die humanitäre Hilfe. Das heißt, der Flughafen in Kabul und auch Flughäfen im Lande sollten erreichbar sein."

Große Einigkeit beim Thema Terrorismus

Der G20-Vorsitzende Draghi betonte, große Einigkeit habe es unter den Teilnehmern des Gipfels auch beim Thema Terrorismus gegeben. Alle hätten ihren Willen klar gemacht, dass Afghanistan nicht erneut zu einem Rückzugsort für Terroristen werden dürfe. Die beteiligten Staaten, so Draghi, wollten künftig ihren Kampf gegen den Terrorismus besser koordinieren.

An dem Sondergipfel per Videoschalte nahmen außer den 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländern auch Vertreter der Vereinten Nationen, der Weltbank und der Europäischen Union teil. Russlands Präsident Wladimir Putin und Chinas Staatschef Xi Jingping waren persönlich nicht dabei, sie ließen sich von Regierungsmitgliedern vertreten. Als G20-Staat war unter anderem auch Saudi-Arabien auf dem Sondergipfel vertreten. Riad, finanzieller Unterstützer der Taliban, wird ein großer Einfluss auf die neuen Machthaber in Kabul zugeschrieben.

Keine Taliban-Repräsentanten beim Gipfel

Taliban-Repräsentanten selbst waren beim G20-Sondergipfel nicht dabei. Sie trafen sich parallel in Doha in Katar mit Vertretern der Europäischen Union. Auch in diesem, wie es von EU-Seite heißt, "informellen Austausch" sei es um humanitäre Hilfe für Afghanistan gegangen sowie um die Bekämpfung extremistischer Gewalt.

Nach Einschätzung der Vereinten Nationen droht in Afghanistan in den nächsten Wochen und Monaten eine humänitäre Katastrophe, unter anderem aufgrund von Dürre. Das Kinderhilfswerk UNICEF befürchtet, dass ohne Hilfe bis Jahresende rund eine Million Kinder in Afghanistan an Hunger sterben könnten.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 12. Oktober 2021 um 19:20 Uhr.