Sokol vor seiner zerstörten Bäckerei | Bildquelle: <BR/Andrea Beer>

Erdbeben in Albanien "Wir haben die Hölle gesehen"

Stand: 28.11.2019 12:14 Uhr

Plötzlich bebt die ganze Erde unter den Füßen, Häuser stürzen ein - und Angehörige gehen in den Trümmern verloren. Leben sie noch? Oder nicht? Dieser Albtraum ist für viele Menschen aus Albanien gerade Realität.

Von Andrea Beer, ARD-Studio Wien, z.Zt. in Tirana

Der gelbe Bagger sucht fast behutsam in den Trümmern des eingestürzten Mehrfamilienhauses in Thumana. Hier sollen noch elf Menschen liegen, darunter auch Kinder. Die Ambulanz steht sprungbereit und Polizisten haben den Rettungsort mit einem roten Band abgesperrt. Dahinter warten die Menschen auf ein Wunder.

Kadife Koci hofft hier, dass Adelinda lebend gefunden wird, ihre verschüttete Cousine. Das Unglück sei während des Schlafes passiert. "Mein Onkel und seine Frau sind verletzt im Krankenhaus, aber sie liegt hier unter den Trümmern hier. Man sucht, aber man hat sie bis jetzt noch nicht gefunden", sagt Koci.

Warten auf den Fund der Geliebten

Beim Blick in die große Frauenrunde sagt sie leise: "Wir alle gehören zur Familie." Genauso müde und blass wie sie selbst sitzen die Frauen an einen schwarzen Zaun gelehnt und schauen Stunde um Stunde den Rettungsarbeiten zu. Eine wischt sich verstohlen die Tränen aus dem Gesicht, eine andere mustert abwesend ihre Umgebung - tiefe Ringe unter den Augen. Sie leben, aber sie wirken im Inneren erschüttert.

Zeltstadt für Erdbebenopfer | Bildquelle: <BR/Andrea Beer>
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Zeltstadt für die Erdbebenopfer: Ehrenamtliche kümmern sich intensiv um die Betroffenen.

Auf dem Sportplatz von Thumana stehen Zelte für rund 700 Menschen, deren Wohnungen und Häuser eingestürzt oder nicht mehr bewohnbar sind. Teilweise liegen die Nerven blank.

Trauma für die gesamte Region

Ehrenamtliche in neongelben Western schwirren durch die Menge, geben Wasser, Essen, Medikamente und Klopapier aus. Sie spenden Trost und vermitteln bereitstehende Psychologen. Auch Hauptstadtvertreter lassen sich sehen, eine Dame stöckelt im schwarzen Samtanzug mit weißer Bluse durch die matschigen Wege.

Eglantina Gjermeni hingegen hat feste Schuhe an. Sie ist Abgeordnete der regierenden Sozialisten im albanischen Parlament. "Die Situation ist sehr schlimm und das Gebäude dort hinten bekommt die größte Aufmerksamkeit, weil dort noch Menschen unter den Trümmern liegen", sagt die Politikerin. Die Toten hätten nicht nur die Familienangehörigen traumatisiert, sondern die gesamte Region. 

Unklare Erinnerungen, nervöse Finger

Auch das backsteinrote Mehrfamilienhaus, in dem Sokol und seine Familie wohnen, ist einsturzgefährdet und sie hausen deswegen in einem der Zelte. Der schwarzhaarige Mann wirkt gestresst, atmet schwer und zittert immer wieder am ganzen Körper. Dann sagt er:

"Wir haben die Hölle mit eigenen Augen gesehen. Es hat uns erschreckt. Ich kann das gar nicht beschreiben. Ich kann nicht weiter reden. Unsere Freunde, unsere geliebten Menschen sind tot. Ich weiß nicht, was ich sagen soll."

"Wir sind noch gar nicht bei Sinnen"

Er könne sich gar nicht genau erinnern, wie er und seine Familie sich gerettet hätten, hastet sich Sokol durch seine Sätze und knetet seine nervösen Finger. Es sei alles so schrecklich gewesen. Was soll er den drei Kindern sagen? "Wann kommen die Beerdigungen?", fragt er sich aufgeregt und zeigt ein zerstörtes kleines Haus.

Sokol in einem zerstörten Haus. | Bildquelle: <BR/Andrea Beer>
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Sokol in einem zerstörten Haus: "Unsere Freunde, unsere geliebten Menschen sind tot. Ich weiß nicht, was ich sagen soll."

Es ist die Brotbäckerei, die eben noch seine Lebensgrundlage war - nun ist sie vernichtet. Nur ein paar Säcke Mehl liegen unversehrt in den Trümmern, in denen sich auch ein großer Hund verkrochen hat. "Ich stehe auf meinen Beinen, aber habe den Eindruck, als ob der Boden weiter bebt", sagt Sokol. Als würde er in Wasser schwimmen. "Wir sind noch gar nicht bei Sinnen. Wir und die Kinder stehen unter Schock. Es ist so ein Schrecken."

Auch Kadife Koci wirkt wie ein Mensch, der Ruhe braucht, und dennoch will sie sitzen bleiben, bis Adelinda gefunden wird - ihre Cousine. "Wir wissen nicht, wie das Ende aussieht. Nur mit Hoffnung und Gottes Hilfe werden wir sie lebend sehen."

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"Wir haben die Hölle gesehen" - Reportage aus dem albanischen Erdbebengebiet
Andrea Beer, ARD Wien, zzt. Tirana
28.11.2019 11:19 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. November 2019 um 07:42 Uhr.

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