Essensausgabe an Arme in Accra/Ghana | Bildquelle: REUTERS

Corona-Folgen in Afrika Müller warnt vor "Hunger-Pandemie"

Stand: 28.04.2020 01:16 Uhr

Entwicklungsminister Müller warnt, dass in Afrika auf das Coronavirus eine "Hunger-Pandemie" folgen könnte. Schon jetzt seien die Schätzungen dramatisch. Wer nun nichts tue, mache sich mitschuldig.

Von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio

Entwicklungsminister Gerd Müller. Der Mann ist eigentlich Optimist. "Eine Welt ohne Hunger ist möglich." Sein gelegentlich belächeltes Credo. Aber da ist das Coronavirus. Das UN-Ziel, eine Welt ohne Hunger bis 2030, das Virus macht es gerade zur Illusion, sagt Müller dem ARD-Hauptstadtstudio:

"Corona macht die UN-Ziele zunichte und könnte in eine Katastrophe führen. Deshalb müssen wir entschlossen gegensteuern."

Müller kennt die Lage in Afrika. Und gerade erst saß David Beasley, der Chef des Welternährungsprogramms, im UN-Sicherheitsrat und sagte: “Entschuldigen sie, wenn ich ganz offen rede: Während wir jetzt eine Corona-Pandemie erleben ist die Welt am Rande einer Hunger-Pandemie."

Tödlicher Hunger

Allein in Afrika sind es 250 Millionen Menschen, die hungern. Viele sterben nicht am Virus, sondern am Hunger, den das Virus schafft. Ausgangssperren verhindern, dass Felder bestellt oder Lebensmittel geliefert werden. Tagelöhner verdienen kein Geld. Die Preise steigen teilweise auf den höchsten Stand seit 2008 - schon jetzt. Dazu das Virus selbst.

Die Weltgesundheitsorganisation warnt, dass die Subsahararegion zum nächsten Epizentrum der Corona-Pandemie werden könnte. 300.000 Tote, 30 Millionen Hungernde, so die nüchtern klingende Schätzung. Gerd Müller zeigt auf die Sahelzone. Weit weg? Von wegen, sagt er: "Es kommt dort zu Hungernot und Unruhen. In der Folge zu Bürgerkriegen und unkontrollierbaren Flüchtlingsbewegungen. Davon wird auch die EU betroffen sein."

Sofortprogramm soll Abhilfe schaffen

Gerade erst hat das Außenministerium 300 Millionen Euro für humanitäre Corona-Hilfe gegeben. Müller selbst hat 150 Millionen aus seinem Haus umgeschichtet, dazu ein Corona-Soforthilfeprogramm: "Wir legen jetzt ein Sofortprogramm mit einem Schwerpunkt von einer Milliarde auf. Darin stellen wir jeden fünften Euro für die Hungerbekämpfung bereit."

Weitere 600 Millionen hat er im Nachtragshaushalt beantragt. Olaf Scholz prüft. Aber Corona wartet nicht. Schulen sind geschlossen. Auch in Afrika. Die Folgen sind verheerend, sagt ein wütender Minister: "Über eine Milliarde Kinder können derzeit weltweit nicht zur Schule gehen. Das muss man sich vorstellen. Etwa die Hälfte verliert damit die einzige Mahlzeit am Tag."

Warnungen vor humanitäre Katastrophe

Und dann ist da noch das Virus. Beispiel Kenia. Das Land wurde gerade erst von der schlimmsten Heuschreckenplage seit 70 Jahren verwüstet und beherbergt eine halbe Million Flüchtlinge aus Somalia, Südsudan, der Demokratischen Republik Kongo, Äthiopien. "Sollte das Virus jetzt die Slums und Flüchtlingslager erreichen, könnte das eine humanitäre Katastrophe zur Folge haben."

Die Welt erlebt gerade, was wichtig ist. Waffen sind es nicht. Aber Müller sagt, trotzdem hat die Welt noch immer die falschen Prioritäten: "2019 wurden nahezu 2000 Milliarden Dollar für Rüstung ausgegeben. Es fehlt am Willen der Weltgemeinschaft."

"Hunger ist Mord"

Corona und der Hunger in Afrika. David Beasley vom Welternährungsprogramm ist wie Müller eigentlich ein Optimist. Aber alles hat Grenzen in der Coronakrise: “Im schlimmsten Fall, sagte er, “haben wir bald Hunger in 36 Ländern der Welt.” Hilfsorganisationen wie World Vision bitten um Hilfe. Und Minister Müller sagt: Wer jetzt nicht handele, mache sich schuldig: 

"Und deshalb ist Hunger Mord, wenn wir zuschauen und nicht entschieden helfen."

Dramatische Worte eines Ministers, der trotz allem gern weiter Optimist wäre. 

Hunger ist Mord - Minister Müller warnt vor Hunger-Pandemie nach Corona
Georg Schwarte, ARD Berlin
27.04.2020 19:47 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. April 2020 um 09:28 Uhr.

Korrespondent

Georg Schwarte | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo NDR

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