''Bletchley Park''-Veteraninnen und Herzogin Catherine | Bildquelle: REUTERS

75. Jahrestag des D-Days Die Heldinnen von Bletchley Park

Stand: 06.06.2019 09:41 Uhr

Tausende Frauen, die unzählige Funksprüche, ähnlich heutigen Twittermeldungen, auswerteten: Die Genialität und Arbeit im englischen Bletchley Park war entscheidend für den Erfolg des D-Days.

Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Es sei eine Erleichterung, endlich darüber reden zu können, sagt die 96 Jahre alte Rena Stewart. Sie arbeitete während des Zweiten Weltkriegs in Bletchley Park, entschlüsselte den deutschen Funkverkehr, schrieb die Meldungen ab und übersetzte sie ins Englische. Stewart war eine von etwa 8000 Menschen, vorwiegend Frauen, die hier nördlich von London, in der Parklandschaft rund um die frühere Villa eines Industriellen, die Deutschen belauschten.

Das gesamte Personal in Bletchley Park musste eine Erklärung unterschreiben, dass sie niemals über ihre Tätigkeit reden würden. Das Schweigegelübde galt auch nach dem Krieg weiter - erst seit den 1970er-Jahren wurde nach und nach klar, wie sehr die Briten aus Bletchley Park heraus in die Geheimnisse der Deutschen eingedrungen waren. "Wir haben die Funksprüche fast genauso schnell gelesen wie die Deutschen selber. Unsere kämpfenden Soldaten konnten sich komplett darauf verlassen", erzählt Stewart.

Der Bletchley Park ist ein Landsitz in der Stadt Bletchley in Großbritannien. | Bildquelle: Jens-Peter Marquardt
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Im Bletchley Park - einem Landsitz in der Stadt Bletchley - wurden während des Zweiten Weltkriegs die Funksprüche der Deutschen abgehört.

Urlaubswunsch gibt wichtige Information

Die Alliierten waren bestens im Bilde - auch, als sie die Invasion in der Normandie vorbereiteten. Sie wussten früh, dass Hitler immer mehr Divisionen von der Ostfront nach Frankreich verlegte. Manchmal waren es scheinbar harmlose Funksprüche, die die Truppenbewegungen vorweg nahmen: So hatte der Kommandeur einer SS-Panzerdivision in Russland um Urlaub gebeten. Die ebenfalls abgehörte Antwort lautete, er solle sich mit seinem Urlaubsantrag an Generalfeldmarschall von Rundstedt wenden. Von Rundstedt war Oberbefehlshaber West, Kommandeur der deutschen Truppen in Frankreich - damit war klar, dass diese SS-Panzer bald aus Russland nach Westen verlegt würden.

1944 hätten die Briten genauso exakt wie die deutschen Heeresführer gewusst, wo die 58 Divisionen an der Westfront gestanden hätten, sagt Bletchley-Park-Historiker David Kenyon: "Bletchley Park hat den Planern der Invasion die entscheidenden Informationen geliefert: Wo die deutschen Truppen in Frankreich standen, wie viele Panzer sie hatten, was sie planten. Eineinhalb Jahre vorher schon, aber auch am Tag der Invasion."

Mathematiker entschlüsselt Funksprüche

Der geniale Mathematiker Alan Turing hatte in Bletchley Park eine Maschine entwickelt, die Turing-Bombe, die den deutschen Enigma-Code knackte und die verschlüsselten Funksprüche in Minutenschnelle entschlüsselte. Schon beim U-Boot-Krieg und beim Afrika-Feldzug konnten die Briten so die Bewegungen der Deutschen mitverfolgen. Die Briten hatten auch Zugang zu den Informationen alliierter Geheimdienste und zu den Meldungen aus französischen, belgischen und polnischen Widerstandskreisen.

Am D-Day erwies sich als äußerst hilfreich, dass die Amerikaner den Code der Japaner geknackt hatten. Denn die Meldungen des japanischen Botschafters in Berlin, Hiroshi Oshima, an das Außenministerium in Tokio waren eine sprudelnde Informationsquelle. Hitler ließ Oshima voller Stolz die gesamten Befestigungen des Atlantik-Walls zeigen. Der Botschafter berichtete danach alle Einzelheiten nach Tokio. Die Alliierten kannten so vor der Landung praktisch jede Panzersperre und jeden Geschützturm an der französischen Küste.

Die Turing-Bombe, die den deutschen Enigma-Code knackte und die verschlüsselten Funksprüche in Minutenschnelle entschlüsselte. | Bildquelle: Jens-Peter Marquardt
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Turing-Bombe: Der geniale Mathematiker Alan Turing hatte in Bletchley Park eine Maschine entwickelt die den deutschen Enigma-Code knackte und die verschlüsselten Funksprüche in Minutenschnelle entschlüsselte.

"Colossus" kommt in entscheidendem Moment

Die besonders wichtigen Meldungen, zwischen dem Führerhauptquartier und den Heeresführern zum Beispiel, waren aber schwerer zu knacken: Statt mit Enigma-Maschinen wurden sie mit den viel komplexeren Schlüssel-Zusatz genannten Maschinen kodiert - den von der Firma Lorenz gebauten Maschinen SZ40 und SZ 42.

Die Öffentlichkeit erfuhr erst 2002, wie die Briten auch diesen Code knackten: Mit einer Maschine namens Colossus, einem mit Tausenden von Elektronenröhren ausgestatteten Vorläufer moderner Computer. Der erste Colossus ging in Bletchley Park im Februar 1944 in Betrieb, eine verbesserte Version am 1. Juni 1944, nur fünf Tage vor dem D-Day. Die Lauscher in Bletchley Park konnten jetzt mehr als die Truppenbewegungen nachvollziehen. Sie wussten jetzt auch, wie Hitler und seine Generäle dachten.

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D-Day: Landung in der Normandie

D-Day

Die Landung der alliierten Streitkräfte in der Normandie am 6. Juni 1944 war ein entscheidender Schritt zur Befreiung Frankreichs und Westeuropas von der Nazi-Herrschaft. Das Foto zeigt US-Soldaten, wie sie von einem Landeboot in Richtung Omaha-Beach in der Nähe des Ortes Vierville-sur-Mer vorrücken. Auf der Konferenz von Teheran im November/Dezember 1943 hatten die Regierungschefs der drei Hauptalliierten der Anti-Hitler-Koalition - US-Präsident Franklin D. Roosevelt, der britische Premierminister Winston Churchill und der sowjetische Staatschef Josef Stalin - eine Gesamtoffensive gegen Nazi-Deutschland beschlossen. Die Landung in der Normandie war der Auftakt zur Endphase der Befreiung. | Bildquelle: REUTERS

Beim weiteren Vorstoß nach der Landung konnten die Alliierten weiter auf die Informationen aus Bletchley Park vertrauen. Ihre Befehlshaber waren quasi live dabei, auf dem Kontinent. Sie konnten mit nur zweieinhalb Stunden Verzögerung aus den Funksprüchen der Deutschen die Gefechtslage ablesen - die jetzt im Bletchley Park Museum ausgestellten Abschriften der Funksprüche zeigen das im Detail. Besucher könnten so tatsächlich Minute für Minute die deutsche Reaktion auf die Invasion nachverfolgen, vom späten Abend des 5. Juni, über den 6. bis hinein in den 7. Juni, sagt Historiker Kenyon. "Von den frühen Meldungen über Fallschirmabsprünge, über die Sichtung von Schiffen auf See kann man die späteren Kämpfe und die deutsche Reaktion darauf fast in Echtzeit nachverfolgen."

Deutsche fallen auf Falschmeldungen rein

Bletchley Park hatte zuvor auch bestätigen können, dass die Deutschen auf die Finte hereingefallen waren, die britische Funker gelegt hatten. Sie setzten Falschmeldungen ab, die auf eine Landung in der Nähe von Calais hindeuteten. Deutsche Spione leiteten diese falschen Funksprüche weiter. Daraufhin verstärkten die Deutschen ihre Truppen rund um Calais und nicht in der Normandie, wo die Alliierten tatsächlich landeten. Die Lauscher in Bletchley Park erfuhren dann wiederum aus den deutschen Funksprüchen, dass der Trick funktionierte.

Die Abhörfähigkeiten der Briten waren so gut, dass sie ein Riesenproblem bekamen: die schiere Masse der abgehörten und entschlüsselten Funksprüche. "Die deutschen Enigma-Meldungen durften nicht länger als 250 Zeichen sein. Ähnlich kurz wie heute eine Twittermeldung. Es reichte deshalb nicht, nur eine zu knacken. Erst wenn man viele Tausend entschlüsseln und sortieren konnte, bekam man ein Bild", berichtet Kenyon.

Deswegen beruhte der Erfolg von Bletchley Park nicht nur auf den Ideen der Mathematik-Genies. Es waren Tausende von Frauen wie Rena Stewart, die damals Ordnung in das Chaos brachten und die Informationen für die alliierten Truppen nutzbar machten. Dass die Öffentlichkeit das jetzt erfahre, nach jahrzehntelanger Geheimhaltung - das mache sie doch ein bisschen stolz, sagt die 96-jährige Stewart.

Die Heldinnen von Bletchley Park
Jens-Peter Marquardt, ARD London
06.06.2019 08:07 Uhr

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Über dieses Thema berichtete rbb inforadio am 06. Juni 2019 um 09:45 Uhr.

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