Menschen mit Schutzmasken bewegen sich in einer Fußgängerzone in Mexiko-Stadt | Bildquelle: REUTERS

Coronavirus in Mexiko "Den Leuten ist jetzt alles egal"

Stand: 06.07.2020 08:11 Uhr

Mehr als 30.000 Menschen sind in Mexiko bereits im Zusammenhang mit dem Coronavirus gestorben. Die Fallzahlen steigen weiter. Trotzdem werden viele Restriktionen gelockert. Kneipen und Geschäfte öffnen wieder.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Im Parque México herrscht Hochbetrieb, als wäre die Pandemie längst Vergangenheit. Am Rande des Parks lässt eine Akrobatin Hula-Hoop-Reifen um ihre Handgelenke kreisen. Sie ist umringt von Kindern mit ihren Eltern, manche mit, andere ohne Mundschutz.

Ein Wirt in Mexiko-Stadt mit Schutzmaske und Visier zapft ein Bier. | Bildquelle: AFP
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Die meisten Corona-Fälle wurden im Großraum Mexiko-Stadt registriert, dort leben etwa 22 Millionen Menschen. Dennoch leiteten die örtlichen Behörden Lockerungen der Schutzmaßnahmen ein.

Drei Monate zu Hause

Seit Mitte letzter Woche haben Cafés und Restaurants mit strengen Hygieneauflagen in Mexiko-Stadt wieder geöffnet. Jesús sitzt mit fünf Freunden dicht gedrängt um einen kleinen Holztisch vor einer Saftbar in der Condesa, einem hippen Ausgehviertel. Drei Monate lang sei er zu Hause gewesen, erzählt er, habe kaum jemanden gesehen.

"Ich bin froh, dass ich meine Freunde sehen kann", sagt Jesús nun. "Wir schützen uns, aber natürlich ist es eigentlich der schlechteste Moment: Die Infektionskurve geht nicht nach unten. Trotzdem nehmen wir uns eine kleine Auszeit von der Pandemie, zumindest für einen Moment."

Absoluter Shutdown nicht auf Dauer möglich

Auf seinem Schoß liegt eine Art Astronautenhelm, die Maske hat sich Jesús extra fertigen lassen. Ab Anfang der Woche wird er wieder bei einem Telekommunikationsunternehmen arbeiten. Länder wie Mexiko könnten sich auf Dauer einen absoluten Shutdown nicht erlauben, sagt der 41-Jährige. Die Mehrheit der Mexikaner - 60 Prozent - arbeitet im informellen Sektor.

"Die Leute sind darauf angewiesen, Essen oder andere Sachen auf der Straße zu verkaufen", erklärt Jesùs. "In den vergangenen Monaten haben sie kaum was verdient, es gibt mehr Arbeitslose, sie haben kein Geld. Es gibt mehr Kriminalität. Das sind die Kollateralschäden des Coronavirus."

Eine Frau verkauft zahlreiche bunte Mundschutzmasken auf der Straße in Mexiko-Stadt. | Bildquelle: dpa
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Längst nicht alle Mexikaner tragen Mundschutzmasken, wenn sie das Haus verlassen.

"Jetzt wollen alle wieder in die Kneipen"

Mari Solís hat in den vergangenen drei Monaten genau deswegen weitergearbeitet. An einer Straßenecke parkt sie mit ihrem Pickup. Auf der Ladefläche türmen sich Mangos, Äpfel und Erdbeeren, die sie an Passanten verkauft. Sie ärgert sich, es gebe eigentlich gar keinen Grund für die Lockerungen.

"Den Leuten ist doch jetzt alles egal", sagt sie. "Die wollen alle nur ihren Spaß, sie schützen weder sich noch die anderen. Sie wollen ausgehen. Das verstehe ich ja auch, sie waren mehrere Monate eingesperrt. Aber man selbst versucht alles, um sich zu schützen und dann kommt jemand vorbei, der alle Regeln ignoriert und steckt einen an." Die Krankenhäuser gerieten jetzt schon an ihre Grenzen. So ganz genau nimmt aber auch Mari Solìs die Regeln nicht: Um ihr Handgelenk baumelt der Mundschutz.

Über die Einnahmen in den vergangenen Monaten könne sie sich allerdings nicht beschweren, sagt sie grinsend. Die 33-Jährige hatte Glück, die Mittelschicht habe sich angesichts der Pandemie auf ihre Gesundheit besonnen. "Sie haben viele Früchte gekauft, Vitamin C, Zitronen, Orangen. Aber jetzt sieht das schon wieder anders aus. Jetzt wollen alle wieder in die Kneipen, sich volllaufen lassen. Aber sie werden schon sehen, es wird wieder der Moment kommen, wo wir uns wieder einschränken müssen."

Mexiko: Weltweit fünfhöchste Zahl an Corona-Opfern - Gefeiert wird trotzdem
Anne Demmer, ARD Mexiko
06.07.2020 08:08 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 06. Juli 2020 um 07:10 Uhr.

Korrespondentin

Anne Demmer  | Bildquelle: Klaus Dieter Freiberg Logo rbb

Anne Demmer, rbb

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