Ein Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden nimmt im indischen Hyderabad einen Abstrich bei einem Mann vor. | AP

Corona-Pandemie Mehr als sieben Millionen Fälle in Indien

Stand: 11.10.2020 16:19 Uhr

Mit über sieben Millionen Corona-Fällen könnte Indien die USA bald als das Land mit den meisten Infektionen ablösen. Doch der wirtschaftliche Druck ist groß - die Regierung setzt weiter auf Lockerungen.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Die Zahl der Corona-Infektionen in Indien steigt unaufhörlich an. Etwa langsamer zwar, aber heute wurde die Sieben-Millionen-Marke überschritten. Nach Einschätzung von Experten könnte das Land in den kommenden Wochen die USA an der Spitze der Länder mit den meisten Corona-Fällen weltweit überholen.

Bernd Musch-Borowska ARD-Studio Neu-Delhi

Die Regierung verweist auf den Rückgang der Neuinfektionen. 74.383 neue Fälle innerhalb von 24 Stunden meldete das Gesundheitsministerium Sonntagfrüh. Im September lag diese Zahl noch bei deutlich über 90.000.

"Die Leute gehen wieder raus"

Doch in der Bevölkerung wächst die Sorge. Die Leute hielten sich nicht an die Abstands- und Hygieneregeln, klagte Yogesh, ein Einwohner von Pune, im Bundesstaat Maharashtra, einer der besonders stark betroffenen Regionen Indien. "Im März und April hatten die Leute Angst vor Corona, aber heute nicht mehr", sagt er. "Die Leute gehen wieder raus, gehen zur Arbeit, denn sonst verdienen sie kein Geld."

Ein Lockdown müsse wieder her, meint Shiva Kanth, ein Einwohner von Hyderabad im Süden Indiens: "Die Infektionszahlen steigen und steigen und wir können nichts tun. Ich glaube, ein Lockdown ist die einzige Option."

Regierung setzt auf Lockerungen

Doch trotz steigender Infektionszahlen setzt die indische Regierung auf eine weitere Lockerung der Beschränkungen. Seit Anfang des Monats ist der gesamte öffentliche Personennahverkehr wieder freigegeben, Inlandsflüge und Zugverbindungen sind wieder möglich.

Der vollständige Lockdown zu Beginn der Corona-Pandemie hatte die Wirtschaft des Landes zum Stillstand gebracht. Allein zwischen April und Juni ist das Bruttoinlandsprodukt um knapp 25 Prozent geschrumpft. Nach Einschätzung der "Reserve Bank of India" wird die Wirtschaft in diesem Jahr kein Wachstum, sondern einen Rückgang um knapp zehn Prozent verzeichnen.

Hoffen auf einen Impfstoff

Millionen Arbeitsplätze sind verloren gegangen. Und für Studienabgänger und Berufsanfänger sei es besonders schlimm gewesen, klagt der Student Ravi Chand, der gerade seinen Abschluss gemacht hat: "Es gibt einfach keine Jobs, weder in den Städten noch auf dem Land. Überall werden die Leute entlassen und es gibt kaum neue Jobs. Studienabgänger haben keine Chance. Ganz besonders schlimm ist es in der Hotelbranche."

Ein neuer Lockdown wäre schlimm, meint Mahinder Singh, ein Einwohner von Delhi. Das öffentliche Leben müsse doch weitergehen. "Wir müssen arbeiten und dürfen keine Angst haben", sagt er. "Jeder soll sich an die Abstandsregeln halten, die Hände desinfizieren und sich regelmäßig testen lassen. Das ist das Einzige, was man tun kann."

Die indische Regierung hofft auf einen Impfstoff, der bis Mitte nächsten zur Verfügung stehen könnte. 250 Millionen Menschen sollen bis dahin immunisiert werden, kündigte Gesundheitsminister Harsh Vardhan in der vergangenen Woche an. Außerdem verwies er auf die hohe Genesungsrate von 85 Prozent. Die Zahl der aktiven Corona-Fälle in dem mit mehr als 1,3 Milliarden Menschen bevölkerungsreichsten Land in Südasien liegt demnach unter einer Million.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 11. Oktober 2020 um 18:08 Uhr.