Ein Schild zeigt die höchste Corona-Warnstufe in Liverpool an. | REUTERS

Corona-Pandemie in Europa Rekordwerte, neue Regeln und eine Warnung

Stand: 15.10.2020 19:34 Uhr

Polen, Portugal, Italien - und nun auch Deutschland: Immer mehr europäische Staaten melden Corona-Höchstwerte, immer mehr Länder erlassen neue Beschränkungen. Auch die WHO warnt - und drängt zu "kompromisslosen" Maßnahmen.

Nicht nur Deutschland muss einen Rekordwert vermelden - auch andere Länder in Europa verzeichnen so viele Neuinfektionen wie noch nie seit Beginn der Corona-Pandemie. Angesichts der steigenden Zahlen hat der Regionaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Hans Kluge, die Regierungen zu "kompromisslosen" Gegenmaßnahmen aufgerufen. Es gehe darum, die Infektionskurve zum Abflachen zu bringen. Die Beschränkungen des öffentlichen Lebens in verschiedenen Staaten Europas seien dafür "absolut notwendig".

Kluge warnte, dass noch drastischere Einschränkungen als bisher die Folge sein könnten, falls es nicht gelinge, die Pandemie zurückzudrängen. Noch sei es relativ einfach, die Maßnahmen zu befolgen. Epidemiologischen Berechnungen zufolge könnten bis Februar in Europa 281.000 Todesfälle vermieden werden, wenn 95 Prozent der Menschen Masken trügen und sich an Abstandsregeln hielten.

Weitere Beschränkungen in Großbritannien und Frankreich

Mehrere europäische Staaten haben bereits neue Beschränkungen erlassen. Nachdem Deutschland und Frankreich am Vorabend neue Regeln bekannt gegeben hatten, kündigte heute auch Großbritannien eine weitere Verschärfung der Maßnahmen an. So gilt künftig in London und sieben weiteren Gebieten Großbritanniens die zweithöchste Corona-Warnstufe.

Gesundheitsminister Matt Hancock verwies im Unterhaus auf rasch steigende Infektionsraten. Schnelles Handeln sei erforderlich, um das Virus unter Kontrolle zu bringen. Für Liverpool war die höchste Alarmstufe bereits angeordnet worden - sie bedeutet, dass Bars schließen müssen und Zusammenkünfte in vielen Fällen auch im Freien verboten sind. Seit dieser Woche gibt es in England ein dreistufiges Corona-Warnsystem.

"Wir haben keine Zeit"

In Frankreich gilt von Samstag an bis zum 1. Dezember für 18 Millionen Einwohner in Paris und einigen anderen Städten ab 21 Uhr eine nächtliche Ausgangssperre. Präsident Emmanuel Macron kündigte auch einen erneuten Gesundheitsnotstand an. Aurélien Rousseau, die für die öffentliche Gesundheitsversorgung in der Region Paris zuständig ist, sagte, fast die Hälfte der intensivmedizinischen Betten würden nun von Corona-Patientinnen und -Patienten belegt.

Die Niederlande hatten diese Woche bereits eine Schließung von Bars und Restaurants, verfügt, während in Nordirland und Tschechien Schulen geschlossen werden. Die tschechische Regierung warnte, dass die Krankenhäuser Ende Oktober an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen könnten. Das Militär werde im Prager Messezentrum ein Krankenhaus für Corona-Patientinnen und -Patienten einrichten, teilte sie mit. "Wir müssen so schnell wie möglich zusätzliche Kapazitäten aufbauen", sagte Ministerpräsident Andrej Babis. "Wir haben keine Zeit. Die Prognose ist nicht gut."

Auch Polen führte erneut Einschränkungen des öffentlichen Lebens ein. Ab Samstag sollen mehr als 150 Regionen im ganzen Land, darunter die Hauptstadt Warschau und mehrere andere Großstädte, als sogenannte rote Zonen deklariert werden, in denen schärfere Auflagen gelten. Dort sind etwa Hochzeitsfeiern künftig verboten, Schwimmbäder und Fitnessclubs werden geschlossen. Die Schulen gehen wieder zu Fernunterricht über. Zuvor hatte das Gesundheitsministerium bekannt gegeben, dass die Zahl der täglich registrierten Neuinfektionen erstmals die Marke von 8000 überschritten hatte.

Katastrophenfall in Portugal

In Portugal, das bisher relativ gut durch die Krise gekommen war, steigen die Zahlen ebenfalls. Am Mittwoch rief die Regierung in Lissabon daher den landesweiten Katastrophenfall aus. Die Anordnung gelte zunächst ab heute für 15 Tage und ermögliche es der Regierung, bei Bedarf Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und andere einschneidende Maßnahmen durchzusetzen, sagte Regierungschef António Costa. So sollen sich in der Öffentlichkeit nur noch maximal fünf Menschen versammeln dürfen, bei privaten Feiern solle die Höchstzahl der Teilnehmer auf 50 reduziert werden, außerhalb der eigenen Wohnung sollten Masken obligatorisch werden.

Die Lage sei "ernst", warnte Costa. Die Zahl der registrierten Neuinfektionen binnen 24 Stunden stieg am Mittwoch in dem Land mit 10,3 Millionen Einwohnern auf 2072, das war der höchste Wert seit Beginn der Pandemie. Rekordwerte vermeldeten in den vergangenen Tagen unter anderem auch Italien, Kroatien, Tschechien und die Slowakei.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 15. Oktober 2020 um 17:00 Uhr.