Geschlossener Wildtiermarkt in Wuhan (Archiv) | Bildquelle: AFP

Forderung nach Corona-Studie China droht Australien mit Boykotten

Stand: 30.04.2020 13:10 Uhr

Wie ist das Coronavirus entstanden, wie hat es sich verbreitet? Dazu fordert Australien eine unabhängige Untersuchung. Die Reaktion aus China: Drohung mit Boykotten und massive Warnungen.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Die Emotionen kochen hoch zwischen China und Australien - und das seit Tagen. Die Regierung in Canberra will unabhängig und von einer internationalen Kommission untersuchen lassen, wie genau sich das Coronavirus weltweit ausgebreitet hat.

Chinas kommunistische Staatsführung lehnt das strikt ab. Der Sprecher des chinesischen Außenministeriums, Geng Shuang, sagt dazu:

"Diese sogenannte unabhängige Untersuchung, die Australien vorgeschlagen hat, ist in Wirklichkeit ein politisches Manöver. Ein Manöver, das die weltweite Zusammenarbeit bei der Prävention von Epidemien beeinträchtigt. Das wird die Welt nicht begrüßen."

"Warum sollten wir australischen Wein trinken?"

Andere chinesische Regierungsvertreter gingen noch weiter. Der Botschafter der Volksrepublik in Australien, Cheng Jingye, drohte in einem Gespräch mit der Zeitung "Australian Financial Review" offen mit Boykottaktionen:

"Wenn sich das verschlimmert, werden sich viele Menschen fragen: Warum sollen wir ein Land, das unfreundlich gegenüber China ist, besuchen? Ganz normale Menschen werden sich vielleicht fragen: Warum sollten wir australischen Wein trinken und australisches Rindfleisch essen?"

Ein umfassender chinesischer Boykott würde dem 25-Millionen-Einwohner-Land schwer schaden. China ist Australiens wichtigster Handelspartner. Nach chinesischen Behördenangaben haben beide Staaten 2019 Waren im Wert von fast 150 Milliarden Euro gehandelt.

"Wie ein Kaugummi unter der Schuhsohle"

Seit Tagen greifen auch die chinesischen Staatsmedien Australien offen an. Der Chefredakteur der englischsprachigen Pekinger Propagandazeitung "Global Times Hu Xijin" schrieb online, dass Australien immerzu Ärger mache - ein bisschen wie ein Kaugummi, das unter Chinas Schuhsohle festklebe. Manchmal müsse man sich dann eben einen Stein suchen, um dieses Kaugummi abzustreifen.

Dass nicht alle in China solch drastische Worte wie Hu wählen, ist klar. Der "Global Times"-Chef ist berühmt-berüchtigt für regelmäßige Provokationen. Die Tatsache aber, dass er ein Staatsmedium leitet, zeigt, dass Chinas Staats- und Parteiführung entsprechende Äußerungen zumindest duldet.

Australien beharrt auf Aufklärung

Australiens Regierungschef Scott Morrison forderte erneut, unabhängig aufklären zu lassen, wie sich das Coronavirus weltweit ausgebreitet hat:

"Natürlich wird Australien dieses sehr vernünftige Anliegen weiter verfolgen."

Das Virus habe weltweit mehr als 200.000 Menschen das Leben gekostet, so Morrison. Es habe die Weltwirtschaft zum Erliegen gebracht. Ihm erscheine es völlig vernünftig und angebracht, unabhängig zu klären, wie das alles geschehen konnte, um Lehren daraus zu ziehen und um zu verhindern, dass so etwas erneut passiere.

Scott Morrison | Bildquelle: REUTERS
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Beharrt auf unabhängiger Untersuchung: Australiens Regierungschef Morrison.

China im Fokus der Untersuchung

Eine unabhängige Untersuchung richte sich nicht gegen ein einzelnes Land, betonte der Regierungschef von den australischen Konservativen. Aber dass eine solche Untersuchung China in den Fokus nehmen würde, ist klar: Nach bisherigen Erkenntnissen gab es die erste bestätigte Coronavirus-Infektion Mitte November im zentralchinesischen Wuhan, sie wurde nach Recherchen der Hongkonger Zeitung "South China Morning Post" bei einem 55-Jährigen festgestellt.

Ab Dezember breitete sich das neuartige Lungenvirus in Wuhan weiter aus, vor allem rund um einen Wildtiermarkt, der kurz darauf geschlossen wurde. Genaue Infektionsketten und Zusammenhänge sind weiter unklar.

In China versuchten die Behörden in Wuhan zunächst, Informationen über den Ausbruch zu vertuschen. Hinweisgeber wurden zum Schweigen gebracht, die Medien durften lange nicht berichten.

Chinas Regierungssprecher für außenpolitische Angelegenheiten, Geng Shuang, steht an einem Rednerpult. | Bildquelle: AP
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Regierungssprecher Shuang: Australien solle sich auf das Wohl des eigenen Volkes konzentrieren.

Chinas Führung: "Ideologische Vorurteile"

Trotzdem sagt Chinas Staats- und Parteiführung seit Wochen, sie habe stets transparent und umfassend über den Ausbruch informiert. Regierungssprecher Geng Shuang warnte:

"Wir raten Australiens Regierung, ihre ideologischen Vorurteile und politischen Manöver beiseite zu legen und sich stattdessen auf das Wohlergehen des australischen Volkes zu konzentrieren."

China/Australien: Boykottaufrufe, Drohungen, Streit
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
30.04.2020 11:46 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL im Hörfunk am 30. April 2020 um 12:17 Uhr.

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