Ein Hausbesitzer betrachtet sein zerstörtes Wohnzimmer in der umkämpften Region Bergkarabach. | Bildquelle: dpa

Trotz Friedensverhandlungen Lage in Bergkarabach eskaliert weiter

Stand: 31.10.2020 12:26 Uhr

Eigentlich hatten Aserbaidschan und Armenien unter Vermittlung der OSZE Schritte für eine Deeskalation vereinbart. Doch die Kämpfe in Bergkarabach gehen weiter. Zwecks militärischer Hilfe hat sich Armenien nun an Russland gewandt.

Ungeachtet neuer Verhandlungen über eine friedliche Lösung des Konflikts um Bergkarabach gehen die Kämpfe in der Südkaukasus-Region weiter. Die Behörden vor Ort meldeten einen Beschuss der Hauptstadt Stephanakert und der Stadt Schuschi. Sie machten Aserbaidschan dafür verantwortlich. Bei Twitter verbreitete Fotos zeigten zerstörte Fenster und Türen eines Hauses. In Stephanakert seien ein Markt und ein Wohnhaus angegriffen, in Schuschi Bewohner verletzt worden, hieß es.

Der armenische Regierungschef Nikol Paschinjan bat nach Angaben des armenischen Außenministeriums den russischen Präsidenten Wladimir Putin brieflich um Gespräche über eine mögliche Unterstützung Russlands. Paschinjan verwies demnach darauf, dass die Kämpfe in Bergkarabach immer näher an die armenische Grenze heranrückten.

Russland will vertragsgemäß Hilfe leisten

Russland hat in Armenien eine Militärbasis. Ein Vertrag regelt, in welchen Fällen Moskau seinen Verbündeten bei einer Bedrohung unterstützt. Das Außenministerium in Moskau erklärte den Angaben zufolge, Russland werde vertragsgemäß "alle notwendige Hilfe leisten", sollten sich die Kämpfe auf armenisches Gebiet verlagern.

Die Behörden Bergkarabachs warfen Aserbaidschan vor, gegen eine in der Nacht zum Samstag in Genf erzielte Vereinbarung verstoßen zu haben. Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium wies das zurück. Unter Vermittlung der sogenannten Minsk-Gruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hatten beide Seiten Schritte für eine Deeskalation vereinbart.

Konfliktparteien vereinbaren Prüfmechanismen für eine Feuerpause

Konkret sagten die Außenminister Armeniens und Aserbaidschans zu, Angriffe auf Wohngebiete und zivile Anlagen zu vermeiden. Zudem sollten die Leichen gefallener Soldaten und Listen der Kriegsgefangenen ausgetauscht werden, wie die OSZE mitteilte. Beide Seiten erklärten sich bereit, sich über Prüfmechanismen für eine Feuerpause zu verständigen. An dem Gespräch nahmen Vertreter Russlands, Frankreichs und der USA teil.

In den vergangenen Wochen gab es bereits drei Anläufe für eine Waffenruhe: zwei unter der Vermittlung Russlands und eine nach Gesprächen der Außenminister beider Länder mit der US-Regierung. Alle Vereinbarungen wurden kurz danach gebrochen. Die Minsk-Gruppe der OSZE rief erneut zum Waffenstillstand auf.

Aserbaidschan kann auf seinen "Bruderstaat" Türkei zählen

Aserbaidschan beschuldigte Armenien, die aserbaidschanische Region Terter mit Artillerie beschossen zu haben. Außerdem sei ein Dorf unter Beschuss geraten. Es habe dabei aber keine Opfer gegeben. Zugleich wies das Ministerium in der Hauptstadt Baku Anschuldigungen Armeniens zurück, Phosphormunition eingesetzt zu haben. Die Armee verfüge nicht über Waffen und Munition, die laut internationalem Recht verboten seien, hieß es.

Die schweren Gefechte dauern seit Ende September an. Der Konflikt um Bergkarabach ist jedoch schon jahrzehntealt. Aserbaidschan hatte in einem Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor rund 30 Jahren die Kontrolle über das Gebiet mit etwa 145.000 Bewohnern verloren. Seit 1994 galt eine brüchige Waffenruhe. Die Region wird von Armenien kontrolliert, gehört aber völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan, das sich in dem Konflikt auf seinen "Bruderstaat" Türkei stützen kann. Russland ist Schutzmacht Armeniens.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. Oktober 2020 um 11:00 Uhr.

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