Ein Mann fotografiert mit einem Handy den Brand eines Gebäudes in Stepanakert nach dem Einschlag einer aserbaidschanischen Rakete. | dpa

Hauptstadt Bergkarabachs Neuer Angriff auf Stepanakert

Stand: 04.10.2020 16:02 Uhr

Seit einer Woche dauern die Gefechte im Südkaukasus an. Erneut wurde die Hauptstadt Bergkarabachs von aserbaidschanischen Kräften angegriffen - angeblich unter der Führung türkischer Offiziere, wie der armenische Ministerpräsident erklärt.

Bei den Kämpfen im Südkaukasus ist die Hauptstadt von Bergkarabach nach Darstellung der Behörden vor Ort mit Raketen angegriffen worden. Das aserbaidschanische Militär habe Stepanakert erneut beschossen, teilte der Anführer der international nicht anerkannten Republik Bergkarabach, Araik Arutjunjan, auf Twitter mit. Es sei dabei auch auf zivile Objekte gezielt worden.

Explosionen und Ausfall der Stromversorgung

Nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP heulten in Stepanakert am Morgen Alarmsirenen, kurz danach wurde die Stadt von Explosionen erschüttert. Zudem war die Stadt ohne Strom, nachdem die aserbaidschanischen Angriffe laut örtlichem Außenministerium "eine Einrichtung der Stromversorgung" getroffen hatten.

Bereits am Freitag hatte die Armee Aserbaidschans durch schweres Artilleriefeuer mehrere Gebäude in der Stadt zerstört. Die Bewohner suchten Zuflucht in Kellern und Unterständen, um sich vor den Angriffen in Sicherheit zu bringen.

Armenischer Angriff auf Gandscha als Vergeltung

Wie das aserbaidschanische Verteidigungsministerium erklärte, griff Armenien die 335.000-Einwohner-Stadt Gandscha an. Sie liegt etwa 100 Kilometer nördlich von Stepanakert und 80 Kilometer von der armenischen Stadt Vardenis entfernt. "Die aserbaidschanische Stadt Gandscha steht unter dem Beschuss armenischer Kräfte", teilte das Ministerium auf Twitter mit.

Verteidigungsminister Sakir Hassanow sprach von einer "Ausweitung der Kampfzone". Zwar wies Armenien den Vorwurf zurück - die Behörden in Bergkarabach erklärten aber, ihre Kräfte hätten einen Militärflughafen in Gandscha zerstört. Ab jetzt seien auch die Stützpunkte in weiteren aserbaidschanischen Städten Ziele.

Aserbaidschan zufolge starb bei dem Angriff auf Gandscha ein Zivilist. Die Opferangaben in dem Konflikt lassen sich nicht von unabhängiger Seite überprüfen.

Einmischung der Türkei?

Armeniens Ministerpräsident Nikol Paschinjan warf der Türkei vor, an den Gefechten direkt beteiligt zu sein. "Es gibt 150 hochrangige türkische Offiziere, die die Militäroperationen Aserbaidschans leiten", sagte Paschinjan am Samstagabend in einer Ansprache an sein Volk. "Das Ausmaß der Offensive ist beispiellos."

Paschinjan hatte am Samstag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel telefoniert. Die Kanzlerin äußerte sich nach Angaben der Bundesregierung besorgt über die Eskalation und forderte, "dass alle Seiten die Kampfhandlungen unverzüglich einstellen und Verhandlungen aufnehmen müssten".

Die Türkei verurteilte die Angriffe Armeniens auf Gandscha. Sie seien "eine neue Manifestation der unrechtmäßigen Haltung Armeniens", erklärte das türkische Außenministerium.

Zuvor hatte der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev gesagt, die Türkei als Verbündeter seines Landes sei nicht in den Konflikt verwickelt.

Karte: Aserbaidschan, Bergkarabach, Armenien

Lage von Bergkarabach im Südkaukasus

Seit einer Woche Kämpfe

Seit einer Woche liefern sich die beiden verfeindeten Nachbarländer Armenien und Aserbaidschan Gefechte in Bergkarabach. Es ist die heftigste Eskalation seit Jahren. Da das mehrheitlich christliche Armenien mit Russland verbündet ist und das mehrheitlich muslimische Aserbaidschan von der Türkei unterstützt wird, droht eine Ausweitung des Konflikts über die Region hinaus.

Die beiden Ex-Sowjetrepubliken kämpfen seit Jahrzehnten um Bergkarabach, wo rund 145.000 Menschen leben. International wird die selbsternannte Republik nicht anerkannt. Das Gebiet wird von Armenien kontrolliert, gehört aber völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan. In einem Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor rund 30 Jahren verlor Aserbaidschan die Kontrolle über die Region. Sie wird heute von christlichen Karabach-Armeniern bewohnt. Seit 1994 gilt eine brüchige Waffenruhe.

Offizielles Gremium für die Vermittlung zwischen Armenien und Aserbaidschan ist die so bezeichnete Minsker Gruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Die Gruppe forderte ein sofortiges Ende der Kampfhandlungen sowie eine Rückkehr an den Verhandlungstisch.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Oktober 2020 um 11:00 Uhr.