Weißrussische Kadetten bei der Probe der Militärparade. | Bildquelle: REUTERS

Belarus’ Sonderweg Militärparade in Minsk - trotz Corona

Stand: 09.05.2020 02:08 Uhr

Belarus’ autoritärer Präsident Lukaschenko lässt sich seine Militärparade zum Tag des Sieges über Nazideutschland trotz Corona nicht nehmen. Auch sonst gibt es in Belarus keine Einschränkungen.

Von Martha Wilczynski und Demian von Osten, ARD-Studio Moskau

Die Galerie U in Minsk. Normalerweise wird hier moderne Kunst ausgestellte, jetzt sortiert Tatjana Kowaltschuk hier medizinische Masken, Schutzkleidung und Desinfektionsmittel. Die 29-jährige gehört zu einem Team von Freiwilligen, die Krankenhäuser und Ärzte unterstützen wollen. Über die heutige Militärparade kann sie nur den Kopf schütteln. "Das ist, ehrlich gesagt, einfach verantwortungslos gegenüber den Menschen."

Mit dem Geld, das für die Militärparade ausgegeben werde, könne man besser die Ärzte unterstützen, sagt Kowaltschuk. Schon länger hatte sie überlegt, wie sie in der Corona-Krise helfen könnte, dann sah sie in sozialen Netzwerken einen Aufruf der Initiative “#bycovid19”. “Ich bin sofort hierher gekommen”, sagt Kowaltschuk. Die Initiative sammelt Geld, um Schutzkleidung zu kaufen und diese an Krankenhäuser zu verteilen, denn - so berichten es Ärzte - auch in Belarus ist die Situation in einigen Krankenhäusern mittlerweile kritisch.

Zweifel an Corona-Statistiken in Belarus

Offiziell gibt es in Belarus laut WHO 20.168 bestätigte Fälle und 116 Todesfälle. Doch an den Zahlen äußern Beobachter Zweifel. Ein Reporter des Ersten Kanals des russischen Fernsehens berichtete von frisch ausgehobenen Gräbern in der Stadt Stoubzy. Dort berichtete eine Anwohnerin von Zweifeln, ob Todesfälle mit Coronavirus auch in der offiziellen Todesstatistik auftauchen. Zweifel, die die Führung in Minsk offenbar nicht gerne hört. Der Reporter und sein Kameramann verloren die Akkreditierung, um in Belarus arbeiten zu können.

Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt sehr viel strengere Maßnahmen. Batyr Berdyklychew, Vertreter der WHO in Minsk, formuliert das diplomatisch: "Wegen fehlender adäquater Maßnahmen zur körperlichen Distanz ist es schwer zu sagen, wann Belarus den Höhepunkt der Epidemie erreicht." Er mache sich Sorgen, dass Veranstaltungen wie die Militärparade die Verbreitung des Virus fördern würden.

Lukaschenko will sich nicht "verkriechen"

Doch allen internationalen Warnungen und Appellen zum Trotz: Alexander Lukaschenko hat schon früh klargemacht, dass Belarus sich seine Siegesparade nicht nehmen lässt. "Ich habe lange darüber nachgedacht", sagte Lukaschenko in einer Regierungssitzung diese Woche. "Es ist natürlich eine emotionale Sache, eine tief ideologische. Aber denkt daran, was die Leute sagen werden - sie werden sagen, dass wir Angst hatten. Ich befürchte, dass die Menschen es nicht akzeptieren werden, wenn wir uns erschrocken in unseren Löchern verkriechen."

Vor allem die Veteranen - die im Krieg gekämpft und ja auch mit Viren und anderen Krankheiten zu tun gehabt haben - verlangten danach, erklärt der Präsident. Allerdings habe er den Veteranen empfohlen, an diesem 9. Mai zu Hause zu bleiben. Ansonsten soll am heutigen 75. Jahrestag des Sieges über Nazideutschland alles ablaufen wie geplant: Eine mehrere Kilometer lange Parade in der Hauptstadt Minsk führt vor, was Belarus militärisch zu bieten hat.

Zahl der offiziell bestätigten Corona-Fälle steigt deutlich an

"Für die Vorbereitung der Parade wurden die am besten ausgebildeten und diszipliniertesten Soldaten und Offiziere ausgesucht", erklärt Wladimir Kulaschin, stellvertretender Kommandeur des Operativen Kommandos. "Die Einheiten bereiten sich gewissenhaft vor, mit einem Gefühl großer Verantwortung."

Ein Gefühl von Verantwortung, das die belarussische Führung mit Blick auf die sich ausbreitende Corona-Pandemie vermissen lässt. Tausende Zuschauer werden heute erwartet. Dabei ist die Zahl der offiziell bestätigten Corona-Fälle zuletzt deutlich angestiegen - vor allem in der Hauptstadt Minsk. Bei einer Straßenumfrage eines belarussischen Online-Kanals gaben daher viele an, von sich aus auf den Besuch der Parade zu verzichten.

"Ich bin dagegen, dass die Parade durchgeführt wird", meint eine ältere Dame. "Man sollte es irgendwie anders machen. Per Fernsehübertragung oder so. Wir sollten auf uns aufpassen". Ein Mann mittleren Alters sagt: "Ich liebe Paraden, ich würde normalerweise auch hingehen, aber dieses Mal - natürlich nicht! Russland hat entschieden, seine Parade nicht durchzuführen. Das erscheint mir im Moment richtiger, als das, was wir hier machen."

Der heutige Tag ist nur ein Beispiel dafür, wie die belarussische Führung die Gefahren der Epidemie zu ignorieren versucht: keine Grenzschließungen, keine Ausgangsbeschränkungen, kaum Präventionsmaßnahmen. Stattdessen mahnt Präsident Lukaschenko regelmäßig, keine Panik zu verbreiten. Statt Schutzmasken und Selbstisolation empfiehlt er seinen Bürgern viel Bewegung an der frischen Luft, Wodka, Saunagänge - und den Männern, mal einen Monat lang treu zu sein: "Wenn Du heute jemanden geküsst hast, dann mach weiter. Aber lass andere Frauen in Ruhe. Gedulde Dich mal einen Monat!", sagt Lukaschenko.

Mit Informationen von Ilja Kusnezow, Minsk.

Bloß keine Angst zeigen: In Belarus gibt es trotz Corona eine Parade
Martha Wilczynski, ARD Moskau
09.05.2020 07:11 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in der Sendung "Alles von Relevanz" am 09. Mai 2020 um 12:30 Uhr.

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