Das Zentrum der Rigaer Altstadt. | Bildquelle: picture alliance / Bildagentur-o

Belarusische IT-Firmen Lettland statt Lukaschenko?

Stand: 23.09.2020 11:00 Uhr

Angesichts der Lage in Belarus werben die baltischen Nachbarstaaten um IT-Firmen, die sich dort nicht mehr sicher fühlen. Vor allem Lettland wittert seine Chance, zum Vorbild Estland aufzuschließen.

Von Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm

Knapp 180 Kilometer sind es von Minsk, der Hauptstadt von Belarus, nach Vilnius in Litauen, noch einmal etwa 300 Kilometer Richtung Norden liegt dann Riga, die Hauptstadt Lettlands. Nicht wirklich weit, aber zwischen Minsk und den beiden baltischen Städten liegen Welten: Diktatur, Demonstrationen, Unsicherheit in Belarus auf der einen, Frieden und Freiheit, NATO und EU auf der anderen Seite im Baltikum.

Lettland und Litauen sehen das als Chance - für sich und für viele belarusische Computerfirmen, die sich im eigenen Land nicht mehr sicher fühlen. Lettland wirbt seit gut einem Monat für sich als neuen Standort. Wirtschaftsminister Janis Vitenbergs sprach im Fernsehen von einer Win-Win-Situation: "Es ist für beide Seiten ein guter Deal", meint er. "In der gegenwärtigen politischen Lage in Belarus suchen große Unternehmen nach einer neuen Heimat. Und Lettland hat sich als sicheres Land profiliert, nicht zuletzt in der Corona-Krise, sowohl wirtschaftlich als auch aus der Gesundheitsperspektive."

"Visa innerhalb von zwei Tagen"

Die Regierung verspricht viele Hilfen beim Umzug und keine bürokratischen Bremsen. Eine Art Überholspur, verspricht Kaspars Rozkains, Direktor der lettischen Agentur für Wirtschaftsentwicklung und Investition: "Um Sicherheit für die Mitarbeiter zu gewährleisten, muss man in der Lage sein, schnell Visa auszustellen. Wir machen das innerhalb von nur zwei Tagen!"

Bisher haben sich nach seinen Angaben 150 belarusische Unternehmen beraten lassen. Etwa 30 wollen umziehen. Zwölf Firmen mit rund 500 Mitarbeitern hätten sich sogar schon fest entschieden, nach Lettland zu kommen.

"Es gibt Unternehmen, deren leitende Mitarbeiter die Proteste unterstützen und die deshalb mit Sanktionen belegt wurden", sagt Rozkains. "Sie sind also direkt politisch betroffen. Andere möchten zumindest einen Teil der Belegschaft in eine ruhigere Umgebung bringen, damit wieder produktiv gearbeitet werden kann."

In Litauen sind die Hürden höher

Die Letten wollen auch ihre Position im IT-Markt stärken, der vom nördlichen Nachbarn Estland dominiert wird - dem digitalen Musterland Europas, das selbst aber weniger intensiv um belarusische IT-Fachleute wirbt.

Anders als Litauen: Dort hat man auch die Chance erkannt, aber die Hürden sind zu hoch, klagt Mindaugas Ubautas, Leiter von Infobalt, der litauischen IT-Branchenorganisation: "Man muss sich beim Arbeitsamt melden, dann gibt es eine offizielle Bekanntmachung. Firmenmitarbeiter müssen Mietverträge mit mindestens sieben Quadratmetern Platz pro Person vorlegen. Ein Hotelzimmer reicht nicht aus. Und alles muss notariell beglaubigt und im staatlichen Register eingetragen werden."

Das schreckt Leute aus der besonders dynamischen IT-Branche ab. Riga ist da wesentlich flexibler - und dürfte das Rennen um die belarusischen Experten gewinnen. Nach dem Motto: Lieber Lettland als Lukaschenko.

Lettland statt Lukaschenko: Balten werben um belarussische IT-Firmen
Carsten Schmiester, ARD Stockholm
23.09.2020 10:10 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 18. September 2020 um 00:46 Uhr.

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