Menschen gehen an geschlossenen Lokalen auf der "Bierstraße" vorbei.  | Bildquelle: REUTERS

"Ballermann"-Lokale dicht Gastwirte auf Mallorca unter Schock

Stand: 16.07.2020 09:55 Uhr

Gastwirte haben die Quittung nach der Massensause der Partytouristen auf Mallorca bekommen. Sie dürfen ihre Lokale in Zeiten von Covid-19 nicht mehr öffnen - so ein Beschluss der Regierung. Sie stehen unter Schock.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Die Playa de Palma ist von jetzt auf gleich eine Geisterstadt geworden. Alle Bars und Restaurants an der sogenannten Bier- und an der Schinkenstraße haben ihre Rollläden heruntergelassen. Die wenigen Menschen, die noch unterwegs sind, unterhalten sich über das eine Thema.

"Zwei Monate lang? Das heißt: Alle Bars dicht?" Dennis hat gerade von der Nachricht erfahren. Davon, dass die Balearen-Regierung Ernst macht im Kampf gegen den ausufernden Partytourismus. Der Urlauber aus Hamburg kann die Entscheidung nicht nachvollziehen, sämtliche Lokale in den Partyorten zu schließen: "Ich finde es ungerechtfertigt. Wovon sollen die Leute hier leben? Die Leute verdienen in einem halben Jahr ihr Geld fürs ganze Jahr. Jetzt ist wieder alles dicht. Irgendwie muss man die Leute ja auch überleben lassen."

"Wie sollen wir jetzt weitermachen?"

Der Besitzer eines Schnellimbiss an der "Bierstraße" kann noch gar nicht glauben, dass er seinen Laden wieder schließen muss. Gerade erst hatte er die Corona-Zwangspause von gut drei Monaten überstanden - jetzt der nächste Schlag: "Katastrophe. Man weiß wirklich nicht, wie man jetzt weitermachen soll. Wir kämpfen, wir versuchen, aber... nix."

Der Geschäftsmann sagt, er verstehe die Entscheidung der Balearen-Regierung einfach nicht. Ja, am vergangenen Wochenende sei es laut gewesen an der Playa de Palma. Ja, ein paar Urlauber hätten über die Stränge geschlagen. Doch nach seinen Worten hat die Politik das Thema künstlich hochgespielt. "Also was erzählt wird, ist übertrieben. Der Gast kommt hierher und will auch etwas genießen."

Doch, was der eine Genuss im Urlaub nennt, ist für den anderen zu viel - gerade jetzt in Zeiten von Covid-19. Für die Regionalregierung der Balearen steht fest: Alkoholexzesse in Restaurants und auf der Straße sind gerade jetzt nicht tragbar. Die Gefahr, dass sich das Coronavirus in einer feiernden Menge verbreitet, ist laut Tourismusminister Iago Negueruela zu groß: "Wir wollen keine unzivilisierten Touristen auf unseren Inseln. Wir können das fragwürdige Verhalten einiger nicht tolerieren und werden das auch nicht."

Geschlossene Lokale an der "Bierstraße" | Bildquelle: dpa
galerie

Erstmals sind auf Mallorca mitten im Sommer alle Vergnügungslokale im Herzstück des "Ballermanns" an der Playa de Palma zwangsgeschlossen. 

Sorge um das Image der Insel

Selten hat ein Mitglied der Balearen-Regierung so deutliche Worte für den sogenannten Sauftourismus gewählt. Aber selten war die Lage auch so speziell wie jetzt: Bisher sind die Balearischen Inseln vergleichsweise gut durch die Viruskrise gekommen, aktuell sind laut Gesundheitsbehörde rund 120 Menschen infiziert.

Minister Negueruela weiß: Wenn die Zahl signifikant steigt, kratzt das gewaltig am Image der Balearen als sicheres Reiseziel. Ein neuer Lockdown wäre wirtschaftlich kaum zu verkraften; der Tourismus macht mehr als ein Drittel der Wirtschaftsleistung der Inselgruppe aus.

Doch musste es gleich die Schließung aller Lokale in den Partyzentren sein? Ilse und Nicole Mohn sagen: nein. Die beiden Frauen aus Rostock betreiben ein Café an der Playa de Palma. Für Ilse steht fest: Es habe schon ausreichend Regeln und Verordnungen gegeben, um den Partytourismus einzuschränken. Nur sie seien kaum kontrolliert worden: "Also wir denken, dass sehr wenig Polizei unterwegs ist. Und ich denke mal, wenn abends mehr Kontrollen gemacht werden oder die Polizei auch öfter hierlang fährt, dass das eingehalten wird."

Die Cafébetreiberinnen haben Glück im Unglück. Ihr Laden liegt in einer Nebenstraße, ein paar Schritte von der Bierstraße entfernt. Er muss also nicht schließen. Trotzdem sieht Nicole keinen Grund zur Freunde: "Wir finden es schade, weil die jungen Leute, die sonst zum Urlaubmachen hierher gekommen sind, jetzt nicht mehr kommen. Wir profitieren ja auch davon, weil die Leute morgens bei uns frühstücken und auf unserer Terrasse relaxen. Man muss die Regeln der Regierung einhalten. Aber es ist sehr schade, dass da zugemacht wird."

Stornierungen befürchtet

Reiseveranstalter sprechen schon von einer Stornierungswelle wegen der verschärften Maskenpflicht auf den Balearen. Allerdings beziffern die Unternehmen die Zahl der Reiserücktritte nicht - um welche Dimensionen es also geht, ist nicht bekannt. Auch die Schließung der Partylokale könnte nun ein negatives Bild aussenden, zumindest für die Zielgruppe Partyurlauber. "Das schreckt die Leute schon ab, hierher zu fahren - vor allem die jungen Leute. Die älteren schreckt die Maske vielleicht ab. Also ich denke jetzt, mit Urlaub werden wieder viele Leute stornieren und Mallorca erst mal nicht mehr aufsuchen."

Urlauber Dennis aus Hamburg will Mallorca die Treue halten. Auch wenn er eigentlich zum Feiern an die Playa de Palma gekommen ist. "Für uns ist das jetzt kein Weltuntergang. Hier ist ja trotzdem genug los und man kann sich ja auch ganz gesittet irgendwo hinsetzen und etwas trinken und essen gehen. Also: Hier ist ja nicht nur Remmidemmi."

Ladenöffnung Mitte September

Zumindest die Lokale, die nicht direkt an "Bier-" und der "Schinkenstraße" liegen, wollen weiter Gäste empfangen und versuchen, die nächsten Wochen durchzuhalten. Genau acht sind es. Mitte September sollen alle Läden wieder öffnen dürfen, heißt es von der Regionalregierung. Bedingung ist, dass die Lage es zulässt und die Unternehmer von der "Bier-" und der "Schinkenstraße" diese weitere Durststrecke überstanden haben.

"Katastrophe!" Party-Mallorca macht dicht
Oliver Neuroth, ARD Madrid
16.07.2020 08:49 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 16. Juli 2020 um 06:10 Uhr.

Darstellung: