Eine Szene aus der Netflix-Serie "Squid Game" | AFP

Filme und Serien aus Südkorea Bissig, gnadenlos - und so aktuell wie nie

Stand: 13.01.2022 09:27 Uhr

Südkoreanische Filme und Serien wie "Squid Game" erleben derzeit einen Boom. Oft spiegeln sie die Probleme in Land und Gesellschaft - teils auf bitterböse Art und Weise.

Von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio

Das Skript für "Squid Game" hat der Autor schon vor zehn Jahren geschrieben, aber es ist aktuell wie nie. Denn nicht zuletzt durch die Pandemie ist die Privatverschuldung in Südkorea stark gestiegen, sagt Wirtschaftswissenschaftler Ain Jin Goel von der Sangju Universität. "Ein Grund ist, dass es der Politik nicht gelungen ist, den überhitzen Immobilienmarkt in den Griff zu bekommen", so Ain Jin Goel. "Die Leute haben gedacht: Von dem Boom wollen wir auch profitieren, haben investiert und sehr hohe Kredite aufgenommen."

Kathrin Erdmann ARD-Studio Tokio

Junge Generation mit hohen Schulden

Vor allem unter jungen Koreanerinnen und Koreanern sei so der Ausspruch "Investiere deine Schulden" entstanden. Doch inzwischen können viele ihre Kredite nicht mehr bedienen. Jeder Koreaner steht im Durchschnitt mit 30.000 Euro in der Kreide, so der Ökonom. Hinzu kommt: Gerade in einer Stadt wie Seoul wird das Leben immer teurer; die Mieten sind die Höhe geschossen.

Und viel Geld fließe auch in die Bildung, sagt Ain Jin Goel. "Koreanische Eltern wollen ihre Kinder um jeden Preis auf eine Universität bringen. Und die meisten Bildungseinrichtungen kosten eben Gebühren. Da kommt also viel zusammen. Und der Schuldenberg wächst."

Eine wettbewerbsorientierte Gesellschaft

Südkorea ist eine sehr wettbewerbsorientierte Gesellschaft. Nach dem Ende der Militärdiktatur in den 1980er-Jahren hat das Land einen sagenhaften wirtschaftlichen Aufstieg hingelegt. Jeder will an diesem Erfolg teilhaben. Doch die Schere zwischen Arm und Reich wurde zuletzt immer größer. Ein Ranking zur Weltungleichheit zeigte kürzlich, dass die obersten zehn Prozent im Durchschnitt 14 Mal so viel verdienen wie die unteren 50 Prozent der Bevölkerung.

Eine Tatsache, die schon der Film "Parasite" thematisierte, der 2020 mehrere Oscars gewann. Der Film ist eine bitter-brutale Parodie auf die abgehobene Welt der Reichen. In dem Film schleicht sich eine arme Familie in einen wohlhabenden Haushalt ein. Zwischendurch artet der Film - der im Koreanischen übrigens so viel bedeutet wie: parasitäre Würmer - zur Splatterkomödie aus.

"Hellbound", "Squid Game" und die Kirche

Richtig brutal geht es auch in "Hellbound" zu, einer Misteryserie von Netflix über eine radikale Kirchengruppe, die alle vermeintlichen Sünder zur Rechenschaft zieht. Es ist ein Thema, das auch am Rande in der Serie "Squid Game" auftaucht. Dort heißt es in einer Szene: "Du verlorenes Lamm. Hörst du von den Menschen, die heute ans Kreuz genagelt wurden, nicht die Klageschreie?"

Die Serie zeige gut, wofür die koreanischen Kirchen stünden, sagt Choi Joo Kwang. "Viele Kirchen brauchen die Menschen, weil sie ihnen ihre Existenz sichern. Egal, ob sie gläubig sind oder nicht. Und es gibt sicher auch eine Menge Leute, die nach außen sehr gläubig tun, sich aber hinter verschlossenen Türen ganz anders verhalten. So wie diese Person in "Squid Game". Der Mann betet, weil er um sein Leben fürchtet. Aber wenn er nicht in Not wäre, würde er sich sicher ganz anders verhalten."

Choi Joo Kwang muss es wissen, denn der 48-Jährige ist selbst Pastor und hat lange in einer der größten christlichen Kirchen in Seoul gepredigt. Doch dann ist er bitter enttäuscht ausgestiegen und betreibt nun ein Café. Jetzt ist er ein Pastor ohne Kirche, predigt wegen der Pandemie nur noch sonntags online. "Anders als viele andere Kirchen, wo der Pastor vorn steht und seine Messe hält, steht bei uns der Austausch im Vordergrund. Jedes Mitglied liest eine Stelle aus der Bibel vor und erzählt, wie es diese Stelle versteht. Und da zeigen sich dann die Unterschiede. Denn wir sind alle verschiedene Menschen", sagt Choi Joo Kwang.

Herzschmerzserien in Asien beliebt

International hat Südkorea zuletzt mit Filmen und Serien auf sich aufmerksam gemacht, die immer gnadenlos brutal und dennoch auch auf ihre Art witzig und bissig waren. Innerhalb Asiens sind jedoch schon länger richtige Herzschmerzserien beliebt.

So war im Jahr 2019 etwa "Crash Landing on You" (deutsch etwa: Notlandung auf dir) in Japan ein riesiger Erfolg. Eine reiche Unternehmerin stürzt in der Serie mit einem Gleitschirm in der entmilitarisierten Zone ab und verliebt sich in einen nordkoreanischen Soldaten.

Über dieses Thema berichtete NDR Kultur Klassisch in den Tag am 12. September 2021 um 12:40 Uhr.