Soldaten in Myanmar
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Wehrpflicht in Myanmar Kampf für oder gegen die Junta?

Stand: 22.02.2024 10:52 Uhr

Myanmars Junta hat die Wehrpflicht eingeführt. Es ist ein Schritt, der ihre Schwäche angesichts der Erfolge der Rebellen zeigt. Tausende junge Männer und Frauen fliehen - oder schließen sich dem Widerstand an.

Die Schlange vor der thailändischen Botschaft in Myanmars größter Stadt Yangon ist mehrere Hundert Meter lang. Seit das Militärregime vergangene Woche angekündigt hat, die Wehrpflicht in Kraft zu setzen, wollen Tausende junge Menschen Myanmar verlassen.

Die thailändische Botschaft hat aufgrund des Massenandrangs verkündet, täglich nicht mehr als 400 Anträge anzunehmen. Auch vor Passämtern kommt es zu großen Menschenansammlungen. In der Stadt Mandalay im Zentrum des Landes starben zwei Frauen nach einer Massenpanik. Teils reihen sich die Menschen schon um Mitternacht in die Warteschlangen, um am nächsten Tag die Formulare für ihre Ausreise erhalten zu können.

Eine Menschenmenge vor der thailändischen Botschaft in Yangon

Tausende Menschen in Myanmar versuchen, das Land gen Thailand zu verlassen, um der Wehrpflicht zu entkommen. Entweder legal mit Visum - oder illegal durch den Dschungel.

Kampf gegen das eigene Volk

Die in Myanmar herrschende Militärjunta hatte vergangene Woche verkündet, dass sie junge Menschen zum Pflichtdienst in die Armee einberufen werde. Zur Begründung sagte Junta-Sprecher Zaw Min Tun, dass die Situation im Land dies erfordere.

Ab April sollen alle Männer im Alter von 18 bis 35 Jahren und alle Frauen im Alter von 18 bis 27 Jahren einen mindestens zwei Jahre dauernden Militärdienst leisten. Fachleute wie Mediziner und Ingenieure sollen sogar bis zum Alter von 45 und für bis zu drei Jahre eingezogen werden.

Geplant sei, ungefähr 70.000 Menschen zu rekrutieren, präzisierte der Junta-Sprecher, die ersten 5.000 im April. Bei Verweigerung sieht das Gesetz Haftstrafen von mehreren Jahren vor. Es gibt Berichte, dass Soldaten in unterschiedlichen Regionen bereits damit begonnen hätten, junge Männer in der Nacht aus ihren Häusern abzuholen. Die Wehrpflicht wurde schon im Jahr 2010 vom damals herrschenden Militärrat beschlossen, wurde aber nie umgesetzt.

Wehrpflicht zeigt Schwäche des Militärs

Myanmars Militärführung kämpft gegen bewaffnete Rebellengruppen im ganzen Land. "Die Wehrpflicht ist ein Zeichen der Verzweiflung", sagt Thitinan Pongsudhirak, Myanmar-Experte an der Chulalongkorn-Universität in Bangkok im ARD-Interview. "Der Krieg ist für Myanmars Militärregime nicht zu gewinnen. Und dazu ist die Wehrpflicht kontraproduktiv: Sie haben zwar jetzt das Recht, zu rekrutieren, aber die Jugend des Landes, Männer und Frauen, läuft ihnen davon."

Drei Jahre nach dem Putsch, bei dem Militärs die gerade wiedergewählte Regierung von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi absetzte, ist die Lage angespannter denn je. In mehreren Gebieten setzen Guerilla-Armeen dem Militär zu. Vor allem nahe der Grenze zu China, zu Indien und zu Bangladesch konnten die Widerstandskämpfer mehrere Städte erobern.

Die Tatmadaw, wie das Militär in Myanmar genannt wird, hat dabei viele Soldaten verloren. Durch die Allianz dreier Rebellengruppen scheint sie nun spürbar geschwächt und in die Enge gedrängt. Die einzige Lösung zur Verstärkung der Truppe sieht das Regime nun offenbar in der Pflicht-Rekrutierung.

Die Junta, so konstatieren Beobachter, müsse mit der Wehrpflicht die letzten Kräfte mobilisieren. Aber die Einberufung zeige nicht nur die personelle Schwäche der Armee, sondern mache auch das ideologische Vakuum deutlich, sagt Amara Thiha vom Institut für Friedensforschung in Oslo. Das Militär suche nach einer Neuorientierung, nach Relevanz. Da stecke auch eine ideologische Strategie dahinter, aber keiner wisse, ob diese Strategie aufgehe.

Zulauf zu Rebellenarmeen erwartet

Die Rebellengruppen reklamieren mehr als die Hälfte der Landesfläche mittlerweile für sich, sämtlich in der Peripherie. Das Militär kontrolliert weiter die großen Städte und die umliegenden Gebiete im Zentrum des Landes. "Meine Freunde werden eher zum bewaffneten Arm der Exilregierung gehen, zur People's Defence Force, als zur Armee. Einige freuen sich sogar jetzt darauf", sagt ein Student in Yangon.

Eine Studentin beklagte: "Wir haben in Myanmar schon all unsere Träume verloren. Die Wehrpflicht führt nun dazu, dass die Jugend noch mehr Angst hat." Das Militär habe wohl seinen größten Fehler gemacht. Wer der Rekrutierung entkommen wolle, müsse fliehen oder sich dem Widerstand anschließen. Mehrere Hundert Männer und Frauen machten sich auch ohne Visum, in der Dunkelheit auf den Weg über die grüne Grenze nach Thailand, berichten Beobachter.

Sorge vor humanitärer Katastrophe

Die Zivilbevölkerung leidet sehr unter den Angriffen der Armee. Immer wieder werden Dörfer auch aus der Luft beschossen. In seinem "World Report 2024" hat die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch den Sicherheitskräften in Myanmar unter anderem Massentötungen, gewaltsames Verschwindenlassen und Folter vorgeworfen.

Offenbar nutzt das Militär zudem junge Männer auf dem Land als menschliche Schutzschilde. So würden Zivilisten vorgeschickt, wenn Soldaten Überfälle erwarteten, berichten Geflüchtete in Thailand. In vielen Dörfern würde bereits seit Längerem zwangsrekrutiert. Die Wehrpflicht biete nun den legalen Rahmen für diese bereits angewandte Taktik.

Als Folge sieht Amara Thiha vom Institut für Friedensforschung in Oslo eine humanitäre Katastrophe auf Myanmar zukommen. Treibstoff- und Lebensmittelpreise würden weiter steigen. Auf dem Land gebe es schon kaum noch junge Männer, und ohne Bäuerinnen und Bauern werde es keine eigenen landwirtschaftlichen Produkte mehr geben. Auch darauf müsse sich nun auch der Blick der internationalen Gemeinschaft richten, so die Forderung des Politikwissenschaftlers.

Thailand hatte Anfang Februar verkündet, einen humanitären Korridor zu errichten, um die leidenden Menschen im Grenzgebiet zu Myanmar zu unterstützen. 45.000 Menschen sollen schon geflohen sein.

Jennifer Johnston, ARD Singapur, tagesschau, 11.02.2024 04:32 Uhr

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Februar 2024 um 18:32 Uhr.