Kämpfer der "Karenni Nationalities Defence Force" (KNDF) beim Training im Bundesstaat Kayah von Myanmar. | AFP

Widerstand in Myanmar Milizen trainieren im Dschungel für den Kampf

Stand: 01.02.2022 05:25 Uhr

Ein Jahr nach dem Militärputsch in Myanmar greifen immer mehr junge Männer zur Waffe: Im Dschungel trainieren sie mit Milizen der ethnischen Minderheiten - für den Kampf gegen die Armee.

Von Lena Bodewein und Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

"Was tut ihr hier?", ruft ein Mann in Tarnfleckuniform den jungen Männern auf der Waldlichtung tief im Dschungel in einer Grenzregion Myanmars zu. "Wir kämpfen für unsere Heimat", rufen sie im Chor, dann marschieren sie los: Soldaten der "People's Defence Force" (PDF), der sogenannten Volksverteidigungsstreitkräfte. Weil friedlicher Protest gegen die Sturmgewehre der Armee wenig ausrichtet, greifen immer mehr junge Männer aus dem zivilen Widerstand zur Waffe. Gemeinsam mit Milizen der ethnischen Minderheiten trainieren sie für den Kampf gegen die Armee. Oft mit Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg oder selbstgebastelten Handgranaten - drei Patronen darf jeder Rekrut beim Schießtraining abfeuern, denn Munition ist knapp. PDF-Kämpfer überfallen Armeeposten oder Munitionstransporter, verwickeln reguläre Truppenteile in blutige Gefechte. Ihr Untergrundradio vermeldet stolz die Zahl der getöteten Soldaten.

Lena Bodewein ARD-Studio Singapur
Holger Senzel ARD-Studio Singapur

Zweimal täglich sendet Radio NUG auf Mittelwelle, warnt vor Armeeangriffen oder gibt Tipps, um Internetsperrungen zu umgehen. Fordert Soldaten zum Überlaufen auf, bietet Regierungsmitarbeitern Führungsposten, falls sie sich dem Widerstand anschließen. NUG steht für "National Unity Government" - Regierung der Nationalen Einheit: Minister und Abgeordnete der früher demokratisch gewählten Volksvertretung, die nach dem Putsch vor der Armee geflohen sind und nun von einem versteckten Ort aus den Widerstand gegen die Junta koordinieren. "Nationale Einheit" bezieht auch die ethnischen Minderheiten mit ein, von denen 135 vor allem in den Grenzregionen des Landes leben - Kachin, Chin, Karen, Shan, Hmong. Sie alle unterhalten bewaffnete Guerilla-Truppen. Früher kochten sie alle ihr eigenes Süppchen, inzwischen haben sie ihre Konflikte beigelegt und kämpfen gemeinsam gegen die Armee.

Kämpfer der "People's Defence Force" basteln am Sägeblatt eine selbstgebaute Waffe zurecht. | AFP

Jahrzehntealte Waffen oder selbstgebaute Waffen, nur drei Schuss pro Kämpfer zum Üben: Die "People's Defence Force" will gegen Myanmars Armee kämpfen. Bild: AFP

Zuspruch für NUG in der Bevölkerung

Die NUG will, wenn die Junta einmal nicht mehr an der Macht ist, alles richtig machen. Richtiger als die bisher gewählte Regierung. Denn die hat mit der NLD, der Partei von Aung San Suu Kyi, vor allem die Stadtbevölkerung, die Zentralregionen und vor allem die Bevölkerungsmehrheit der Bamar einbezogen. Die ethnischen Minderheiten, die zum Teil schon seit Jahrzehnten rebellieren und für mehr Unabhängigkeit einen bewaffneten Kampf führen, gehörten bisher nie dazu. Jetzt hat der Hass auf die Junta sie alle geeint: Zwischen 80.000 und 90.000 Mann und Frau stark sind die bewaffneten Organisationen der ethnischen Minderheiten, schätzt Aung Zaw, Herausgeber des "Irrawaddy", einer unabhängigen News-Website. Zwölf ethnische Armeen seien in ganz Myanmar verteilt, sagte er am vergangenen Freitag bei einer Online-Podiumsdiskussion, und jetzt arbeiten sie mit den Volksverteidigungsstreitkräften der PDF zusammen - und viele Teile von ihnen hätten große militärische Fähigkeiten, sagt Aung Zaw.

Bisher waren die ethnischen Gruppen vor allem in den Randregionen des Landes zu finden, aber in Zusammenarbeit mit der PDF gehen jetzt immer mehr Kämpfer in die sogenannte Dry Area in Zentralmyanmar, wo die Mehrheit den Bamar angehören. Es seien Menschen, die fortgegangen sind in die Grenzregionen, um sich an der Waffe ausbilden zu lassen und jetzt zurückgekommen sind, um dort zu kämpfen: Das erzählt eine Journalistin, die anonym bleiben will. Die zivile Bevölkerung in Dörfern und Städten spende, was sie kann, sagt sie - denn sie alle wollen, dass dieser Kampf gegen die Tatmadaw siegreich ist.

Ein Hängematten-Lager der "People's Defence Force" in Myanmars Bundesstaat Kayin. | AP

Im Dschungel haben die Milizen um die "People's Defence Force" ihre Lager errichtet. Bild: AP

Das Militär: Ein Staat im Staat

Tatmadaw heißen die Streitkräfte in Myanmar. Sie pflegen bis heute einen regelrechten Mythos: Die Tatmadaw habe dem Land die Unabhängigkeit gebracht, garantiere die nationale Einheit in dem von ethnischen Konflikten zerrissenen Land, sie reiche dem Volk die Hand, um die Demokratie zu schützen. Das sagte General Min Aung Hlaing allen Ernstes, während seine Soldaten auf den Straßen Myanmars auf friedliche Demonstranten feuerten.

Die Tatmadaw ist ein Staat im Staat - mit eigenen Schulen und Krankenhäusern, abgeschottet von der Bevölkerung. Eine Armee, die noch nie gegen eine Bedrohung von außen, sondern immer nur den Feind im Inneren gekämpft hat, das eigene Volk also. Fast die gesamte Wirtschaft, Handelsunternehmen, Fabriken, Banken, liegt in den Händen des Militärs. Das macht - etwa im Jadehandel - die hohen Offiziere zu Millionären, während die einfachen Soldaten schlecht behandelt und schlecht bezahlt werden.

Das Gesicht hinter dem Putsch: Armeechef Min Aung Hlaing  | AP

General Min Aung Hlaing übernahm vor einem Jahr die Macht in Myanmar. Seitdem schießt die Armee scharf auf Demonstrierende aus dem eigenen Volk. Bild: AP

Immer mehr Soldaten desertierten, seit die Gewalt eskaliere, erzählt Thinzar Shunlei Yi von "People's Soldiers", einer Organisation, die geflohene Soldaten unterstützt. Bisher 8000 Menschen habe ihre Organisation bislang geholfen: "Das scheint wenig, aber es ist die höchste Zahl in der Geschichte Myanmars, dass so viele Soldaten die militärischen Anlagen mit ihren strengen Auflagen verlassen haben", sagt sie. "Sie wollen nicht ihr eigenes Volk töten. Und: Sie finden es auch nicht richtig, dass das Militär Ausreden als Grund für den Putsch benutzt hat. Wie beispielsweise den Wahlbetrug von Aung San Suu Kyis Partei NLD - daran glauben sie nicht."

Deserteure sprechen über ihre Gründe

Soldaten dürfen die Kasernen inzwischen nur noch gruppenweise verlassen, auch behält die Armee teilweise den Sold der Männer ein, denn ohne Geld ist es schwierig zu fliehen. Das zeigt, dass die wachsende Zahl von Desertionen als ernsthaftes Problem gesehen wird - auch wenn viele immer noch Angst hätten zu fliehen, weil sie die Rache der Armee an ihrer Familie fürchteten, glaubt Nyi Thuta, selbst früher Captain in der Armee und Mitbegründer von "People's Soldiers". Viele Deserteure schließen sich dem bewaffneten Widerstand an, andere möchten keine Waffe mehr in die Hand nehmen und einfach nur untertauchen.

In einer wöchentlichen Talkshow von "People’s Soldiers", die die Aktivistin Shunlei moderiert, sprechen ehemalige Soldaten über ihren Weg aus der Armee. "Einer der Soldaten sagte, er weiß nicht, ob die NLD hundert Prozent perfekt ist, aber er ist sich sehr sicher, dass das Militär schlecht ist", berichtet sie. "Er selbst hat bei Wahlen Menschen zwingen müssen, für eine bestimmte Partei zu stimmen, nichts war frei oder fair im Militär. Und als das Militär den Putsch mit Wahlbetrug begründete, fühlte er sich verraten. Als ob nichts wahr sei, für das er gedient hat." Den meisten, die in der Sendung über ihre Desertion sprächen, gehe es darum, ihre Würde zu bewahren.

Ein Mann aus der PDF steht mit der Kopfrückseite zur Kamera in einem Camp der PDF im Dschungel. | AP

Ein 47-jähriger Mann, der früher für eine NGO arbeitete, hat sich jetzt der PDF angeschlossen. Er will nicht erkannt werden. Bild: AP

Shunlei selbst ist als Tochter eines hochrangigen Militärs aufgewachsen. Sie weiß, wie strikt und verschworen das Tatmadaw ist und will eine Brücke bauen zwischen beiden Seiten: Früher habe es einen Stolz gegeben, Soldat zu sein, junge Leute hätten sich angezogen gefühlt von der Uniform. Heute wollen sie die Uniform ausziehen. Im Zentrum der Revolution stehe der Mensch, nicht Regierung, Militär oder irgendeine bewaffnete Gruppe, sagt sie: "Es geht darum, das Richtige zu tun, nicht irgendeine Illusion oder irgendeinem Plan, den das Militär vorgibt. Zum ersten Mal in unserer Geschichte entwerfen wir selbst den Plan für unsere Zukunft. Das wird Zeit brauchen, aber wir sind geduldig, wir sind ehrgeizig, und wir sind mutig. Wir werden es schaffen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Januar 2022 um 18:30 Uhr.