Ein Mann trägt seinen Hund auf dem Kopf. | Kathrin Erdmann, ARD Tokio

Geburtenrate in Japan Lieber einen Hund als ein Kind

Stand: 10.01.2023 08:39 Uhr

Die niedrige Geburtenrate wird in Japan zu einem großen Problem. Viele entscheiden sich eher für ein flauschiges Haustier als für ein Kind. Warum sind die Hürden oft hoch, selbst Eltern zu werden? Antworten gibt ein Besuch auf einer Haustiermesse.

Von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio

Minikleider, Wasserspender, gesunde Häppchen, jede Art von Leine - und Kaninchen, die einem zum Streicheln auf den Schoß gesetzt werden. Letzteres hat Genki und Kanako besonders begeistert. Minutenlang kraulten beide durch das flauschige Fell der Kaninchen, während der Blick in die Ferne schweifte.

Kathrin Erdmann ARD-Studio Tokio

Die Tiere seien süß und es sei ein schönes Erlebnis gewesen, sagen beide übereinstimmend. Das Paar, 40 und 35 Jahre alt, hat zu Hause eine Katze, aber kein Kind: "Das war keine bewusste Entscheidung. Dass wir ein Haustier haben, heißt nicht, dass wir keine Kinder wollen." Kanako glaubt auf jeden Fall, die Liebe zum Haustier sei dieselbe wie zu einem Kind. 

100 Euro monatlich für den Hund

Bei Mina macht das tatsächlich den Anschein. Ihr kleiner tibetanischer Löwenhund ist schon bestens ausgestattet: "Er hat ein Halsband, eine Mütze, einen Anorak mit eingenähter Hundeleine über seinem Unterhemd und noch einen Reflektor."

In seinem Hundewagen liegt er gemütlich auf mehreren Kissen, gewärmt durch eine flauschige Decke. Hat der kleine Hund Durst, drückt Mina auf die Plastikflasche am Wagen. Das Wasser fließt dann direkt in eine integrierte Schale. "Pro Monat gebe ich etwa 10.000 Yen für meinen Hund aus", sagt Mina. Das sind rund 70 Euro - Mina liegt damit unter dem japanischen Durchschnitt, der für Hunde bei 100 Euro im Monat liegt.

Alleinerziehende haben es in Japan schwer

Die 36-Jährige hat ihren Hund seit 14 Jahren. Ein Kind war und ist für sie kein Thema, weil der Partner fehlt. "Ich bin nicht verheiratet, und deshalb habe ich auch keine Kinder", sagt sie. "Aber natürlich ist ein Kind auch aufwändiger als ein Haustier."

Und möglicherweise als Alleinerziehende dazustehen, ist für sie keine Option. Nicht nur finanziell, sondern auch gesellschaftlich haben es Alleinerziehende im konservativen Japan schwer. Viele Frauen haben aber auch keine Lust, ihren Job nach einer Geburt an den Nagel zu hängen, wie es immer noch häufig von ihnen erwartet wird.

Ruf nach mehr Unterstützung für Familien

Hiroyuki und Ayako haben ein Hausschwein - und ein Kind. Sie glauben, es müsste noch mehr finanzielle Unterstützung für Familien geben: "Künstliche Befruchtung sollte in Japan noch weiter ausgebaut werden, und es sollte komplett kostenlos sein." 

Japan hat in der Hinsicht zwar schon nachgebessert, doch immer noch gibt es Hürden. Davon abgesehen, dass die Behandlung oft einfach am Alter der Frauen scheitert.

Ein Hund und Schwein begegnen sich auf der Haustiermesse in Japan. | Kathrin Erdmann, ARD Tokio

Ein Haustier - links ein Schwein, rechts ein Hund - scheint für viele Japaner die Alternative zu einem eigenen Kind zu sein. Bild: Kathrin Erdmann, ARD Tokio

Erst ein Hund, dann vielleicht ein Kind

Hana und Tatsuya sind mit 30 und 27 Jahren im besten Alter für Kinder. Doch die beiden haben sich erstmal für ein lustiges Hundeduo entschieden, das sie im Wagen durch die Messehalle kutschieren: "Man legt sich wahrscheinlich eher einen Hund zu als ein Kind - und das ist auch schon sehr befriedigend und auch ein bisschen so, wie ein Kind großzuziehen." Dennoch wünschen sie sich irgendwann auch menschlichen Nachwuchs.

Soweit sind Takumu und Nozomi noch nicht. Beide, 28 und 25 Jahre alt, sind zwar ein Paar, aber sie leben noch getrennt. Nozomi hat zudem schon einen Hund, und auch sie sagt: Der sei viel leichter großzuziehen als ein Kind: "Ich habe mir extra eine Wohnung gesucht, in die ich mit einem Hund einziehen kann. Und genauso ist es auch bei meine Freunden, da gibt es auch viele, die allein mit Hund leben."

Japans Regierung will Geburtenrate steigern

Um Kinder in die Welt setzen zu können, müssten erstmal die Löhne erhöht werden, meinen beide. Das sagt auch der Premierminister Japans, Fumio Kishida. Doch tatsächlich sind die Löhne in der Vergangenheit eher gefallen als gestiegen.

Bis Juni will die Regierung einen neuen Plan zur Steigerung der Geburtenrate vorlegen - und hofft, dass sich dann mehr Japaner eher für ein Kind als ein Haustier entscheiden.